Das Leben auf dem Dorf hat eine große Zukunft - wenn man das Dorf lässt!
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Das Leben auf dem Dorf hat eine große Zukunft - wenn man das Dorf lässt!

Das Dorf muss sich selbst retten

Verpflichtender Feuerwehrdienst und allgemeine Dienstpflichten werden den sozialen Zusammenhalt vor Ort weiter aushöhlen. Das Gemeinschaftsgefühl in Kommunen muss anders geweckt werden, meint KOMMUNAL Chefredakteur Christian Erhardt.

Der Rat der 8000 Einwohner Gemeinde Grömnitz, ein Dorf an der Ostsee hat einen verpflichtenden Feuerwehrdienst beschlossen. Hintergrund sind massive Nachwuchssorgen. Die Brandschutzgesetze könnten nicht mehr eingehalten werden, heißt es. Diese verpflichten auch kleine Orte  dazu, eine Löschtruppe zu unterhalten. Trotz aller Plakataktionen, Vergünstigungen und Jobangebote fanden sich nicht mehr genügend Freiwillige, die Gemeinde sieht daher in der Pflichtfeuerwehr den letzten Ausweg. 

 

Das Dorf in Not - aber die Lösung ist eine andere!

 

Ich verstehe die Not der Gemeinde und gestehe: kurzfristig habe ich auch keine bessere Lösung parat. Und trotzdem halte ich die Entscheidung für grundsätzlich falsch. Denn wenn Menschen nicht mehr freiwillig zu einer Gemeinschaft zusammenfinden und Zwangsmaßnahmen nötig sind, ist eine freie Gesellschaft am Ende. Deshalb ist auch die aktuelle Diskussion um ein verpflichtendes Dienstjahr aus kommunaler Sicht pures Gift. Schon die Frage, wer bestimmen darf, welche Tätigkeiten unter welchen Bedingungen sinnvoll sind, würden wieder zu einem bürokratischen Monster führen. Welche volkswirtschaftliche Katastrophe entsteht, wenn aus Ideologie individuelle Freiheit eingeschränkt wird, zeigen auch die Erfahrungen des Sozialismus. 

 

Der soziale Zusammenhalt der Gesellschaft geht verloren - auch auf dem Dorf! 

 

Hinter der Idee solcher Zwangsdienste steckt doch das Problem, dass der soziale Zusammenhalt in der Gesellschaft verloren gegangen ist. Nach dem zweiten Weltkrieg hat die Menschen in Deutschland die schwere wirtschaftliche Lage zusammengeschweißt, die Mangelwirtschaft in der DDR ließ Menschen zusammenfinden. 

Heute sind wir über den ganzen Erdball vernetzt, die soziale Integration vor Ort ist aber deutlich geringer geworden.Viele Menschen fühlen sich entwurzelt. Nicht zuletzt durch völlig unsinnige Gebietsreformen und das Auslöschen von identitätsstiftenden Dörfern. 
Es muss also gelingen, dass diese Menschen wieder das Gefühl haben, einer Gemeinschaft anzugehören. Das können wir nur vor Ort in den Kommunen leisten. Nein, das MÜSSEN wir leisten. 

 

KOMMUNAL-Chefredakteur Christian Erhardt: "Das Dorf muss sich selbst retten"
KOMMUNAL-Chefredakteur Christian Erhardt: "Das Dorf muss sich selbst retten"

Das Dorf kann - nein, es muss, sich selbst retten - sonst tut es niemand! 

 

In diesem Zusammenhang bewundere ich die tolle Arbeit von Stiftungen, wie etwa der Landesstiftung „Miteinander in Hessen“.Sie setzt auf Unterstützung von Ideen, die von den Bürgern selbst entwickelt werden. In Homberg in Nordhessen etwa klagten viele Anwohner über schlechte Verkehrsanbindungen. Kommune und Stiftung initiierten einen Runden Tisch mit 20 Teilnehmern. Heraus kam die Idee eines Bürgerbusses, unterstützt durch Gelder der Stiftung. Inzwischen arbeiten dort über 30 Ehrenamtliche und der Bus finanziert sich selbst. Ganz ähnlich war es in Bad Karlshafen. Dort klagten Bürger über fehlende Freizeitangebote. Inzwischen wurde mit wenig Geld ein Freiluft-Treffpunkt eingerichtet, außerdem gibt es ein Kinoprogramm. In anderen Orten haben sich dank der Stiftung neue Kulturangebote etabliert oder es wurden digitale Bürgerplattformen entwickelt. Die Projekte wurden allesamt zum Selbstläufer. 

 

Was heißt all das für uns als Kommunen?Der Staat sollte endlich aufhören zu glauben, er könne jedes Problem durch neue Gesetze und Zwänge lösen. Das wird nicht helfen. Das subjektive Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht lässt sich so nicht auslöschen. Wir als Kommunen, als Bürgermeister, als Verwaltung, als Gemeinderäte können aber darin unterstützen, dass Menschen die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen. Unser wichtigster Rohstoff: Die Tatkraft unserer Bürger – und davon gibt es gerade in ländlichen Raum ungeahnte Mengen.  

 

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