Checkliste
Dorfkümmerer gesucht: Checklisten für Gemeinden
Was ist ein Dorfkümmerer?
Eine feste Berufsbezeichnung ist „Dorfkümmerer“ nicht. Gemeint ist eine Funktion: eine Person, die im Dorf ansprechbar ist, Menschen zusammenbringt und Bürger, Gemeindevertretung, Vereine und Verbände miteinander vernetzt. Wie die Stelle konkret aussieht, entscheidet jede Gemeinde selbst – entsprechend bunt sind auch die Titel. Mal heißt die Person Alltagshelferin, mal Ehrenamtskoordinator, mal Dorfmoderatorin, Dörpsmanager oder Gemeindekümmerer.
Welche Aufgaben übernimmt ein Dorfkümmerer?
Das Spektrum der Aufgaben ist breit. Manche Dorfkümmerer übernehmen vor allem Fahrdienste zum Amt, zur Ärztin oder zum Optiker. Andere verwalten das Gemeindehaus, organisieren Dorffeste oder pflegen den Veranstaltungskalender. Wieder andere beraten Vereine bei Förderanträgen, betreuen den Seniorentreff oder bieten Sport für Jugendliche an. Häufig sind sie die erste Anlaufstelle für alles – vom kaputten Ortsschild bis zu Fragen rund um Pflege und Anträge.
Für wen ist ein Dorfkümmerer da?
Ein Schwerpunkt liegt in vielen Dörfern auf der älter werdenden Bevölkerung. Dorfkümmerer helfen bei Anträgen, Pflegefragen und der Alltagsorganisation, damit ältere Menschen möglichst lange selbstbestimmt zu Hause leben können. Dahinter stehen Entwicklungen, die ländliche Gemeinden bundesweit kennen: Junge Menschen ziehen in die Städte, Ältere vereinsamen, Versorgungslücken entstehen, und das klassische Ehrenamt wird kurzlebiger und projektbezogener.
Wie werden Dorfkümmerer beschäftigt und finanziert?
Beschäftigt werden Dorfkümmerer auf ganz unterschiedliche Weise: ehrenamtlich, als Minijob, in Teilzeit oder in Festanstellung. In Schleswig-Holstein tritt meist die Gemeinde als Arbeitgeber auf, teils teilen sich mehrere Gemeinden eine Person. Auch Länder unterstützen solche Modelle. In Thüringen etwa setzen Landkreise Dorfkümmerer-Projekte im Rahmen des Landesprogramms „Solidarisches Zusammenleben der Generationen“ um – 2024 waren es acht Landkreise; Träger können dort Gemeinden oder freie Träger sein.
Praxiswissen aus Schleswig-Holstein
Entwickelt hat die Checklisten die Akademie für die ländlichen Räume Schleswig-Holsteins. Sie begleitet seit 2019 ein Netzwerk, in dem sich inzwischen mehr als 50 Dorfkümmerer austauschen. Seit November 2024 gibt es dafür eine landesweite Koordinierungsstelle, gefördert vom Sozialministerium.
Gerade im Norden ist das Modell gefragt. Rund 1.000 der 1.104 Gemeinden im Land haben keine hauptamtliche Verwaltung vor Ort, Bürgermeister und Gemeindevertreter arbeiten ehrenamtlich. Ein Dorfkümmerer kann sie spürbar entlasten. Die Checklisten ergänzen einen Leitfaden für Gemeindevertretungen, den die Akademie am 9. Oktober 2026 vorgestellt hat.
In vier Schritten zur eigenen Kümmerer-Stelle
Wer einen Dorfkümmerer einstellen will, sollte nicht mit der Stellenanzeige beginnen, sondern mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Genau dort setzen die vier Checklisten der Akademie an. Sie führen die Gemeindevertretung Schritt für Schritt vom Bedarf bis zum passenden Profil. Viele Punkte lassen sich auf einer Skala von 1 bis 6 gewichten, sodass am Ende ein klares Bild entsteht.
Erst der Bedarf, dann die Stelle
Die erste Checkliste stellt die Grundsatzfrage: Wofür braucht das Dorf überhaupt einen Kümmerer? Geht es darum, Menschen zu erreichen, die im Gemeindeleben kaum noch auftauchen? Soll die Dorfgemeinschaft wiederbelebt werden? Oder fehlt vor allem jemand, der den Bürgermeister entlastet und Vereine mit der Verwaltung zusammenbringt? Aus den Antworten ergibt sich, wen das Angebot erreichen soll – vor allem die Älteren oder das ganze Dorf.
Danach geht es ums Geld. Die Gemeinde soll klären, welches Gehalt sie zahlen kann, wie die Stelle tariflich eingruppiert wird und wie viele Wochenstunden sich daraus ergeben. Auch an ein Budget für Sach- und Reisekosten ist zu denken. Entlastung können Fördermittel bringen, etwa über die AktivRegion, oder eine Stelle, die sich mehrere Nachbargemeinden teilen.
Die Details, die später Ärger machen
Die zweite Checkliste ist die umfangreichste – und vielleicht die wichtigste. Sie sammelt die Fragen, die im Alltag schnell zum Problem werden, wenn sie vorher niemand geklärt hat. Wer ist eigentlich Vorgesetzter? Wer springt ein, wenn die Kümmerin krank ist? Bekommt sie ein Diensthandy, oder telefoniert sie bald mit dem privaten? Und wer erstattet die Kilometer, wenn sie eine Seniorin zum Facharzt fährt?
Auch an den Datenschutz denkt die Liste. Wer Menschen bei Anträgen hilft, erfährt viel Persönliches. Deshalb sollte vorab feststehen, ob eine Verschwiegenheitsverpflichtung nötig ist. Ebenso wichtig ist die Einbindung in die Gemeinde: Wer arbeitet die neue Kraft ein, wie oft gibt es Absprachen, und wie berichtet sie der Gemeindevertretung, etwa im Sozialausschuss? Zeit für Fortbildung und Austausch mit anderen Kümmerern sollte von Anfang an eingeplant sein. Praktisch ist, dass die Liste zu jedem Punkt festhält, wer ihn klärt.
Was soll der Kümmerer oder die Kümmererin tun?
In der dritten Checkliste wird aus dem Bedarf ein konkretes Aufgabenprofil. Die Akademie unterscheidet drei Schwerpunkte. Im ersten kümmert sich die Person um ältere Menschen, macht Hausbesuche, begleitet sie zum Arzt oder organisiert Treffpunkte. Im zweiten unterstützt sie die Verwaltung, pflegt etwa die Gemeinde-Website und bietet feste Sprechzeiten an. Im dritten ist sie Ansprechpartnerin für Vereine und Ehrenamtliche und koordiniert die Nachbarschaftshilfe.
Clever gelöst ist die Spalte für den Zeitaufwand. Für jede Aufgabe schätzt die Gemeinde zunächst, wie viele Stunden pro Woche sie braucht. Nach sechs Monaten wird der tatsächliche Aufwand daneben eingetragen. So zeigt sich früh, ob die Stelle überfrachtet ist.
Wer passt ins Dorf?
Erst ganz am Ende fragt die vierte Checkliste nach der Person. Braucht es Erfahrung aus einem Gesundheitsberuf oder aus der Arbeit mit Jugendlichen? Wie wichtig sind Organisationstalent und Einfühlungsvermögen? Und ganz praktisch: Ist ein Führerschein Pflicht?
Besonders spannend ist die letzte Frage der Liste: Soll der Kümmerer im Dorf wohnen – oder gerade nicht? Wer vor Ort lebt, kennt die Menschen und gewinnt oft schneller Vertrauen. Wer von außen kommt, kann dagegen leichter Abstand halten und gilt eher als neutral.
Größte Stolperfalle: zu viele Aufgaben
Die wichtigste Lehre aus dem Netzwerk ist eindeutig: Gemeinden sollten bewusst nur wenige Aufgaben auswählen und sich an der Wochenstundenzahl orientieren. Vor- und Nachbereitung von Veranstaltungen müssen dabei immer mitgerechnet werden. Denn Dorfkümmerer arbeiten eng mit Menschen und können nicht einfach nach Feierabend abschalten. Das ist ihre Stärke – birgt aber die Gefahr der Überlastung.
Die Akademie empfiehlt deshalb, das Aufgabenprofil eng mit der künftigen Stelleninhaberin oder dem Stelleninhaber abzustimmen. Bürgermeister und Gemeindevertretung sollten die Arbeit regelmäßig begleiten und als gemeinsame Aufgabe verstehen. Wer das beherzigt, gewinnt viel: ein gestärktes Ehrenamt, bessere Vernetzung, mehr Fördermittel und eine entlastete Verwaltung.
Wie unterschiedlich die Modelle sein können, zeigen aktuelle Stellenausschreibungen in Schleswig-Holstein. Die Gemeinde Dahme sucht ab Januar 2027 eine Person in Teilzeit mit 20 Wochenstunden. Kellenhusen schreibt eine geringfügige Beschäftigung an zwei bis drei Tagen pro Woche aus, befristet auf zwei Jahre mit Option auf Verlängerung.
Mehr Informationen für Kommunen zu den Dorfkümmerern.

