Eine Straßenbahn der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) fährt auf der Bonner Kennedybrücke. Über Nacht ist in der Bundesstadt und im Rhein-Sieg-Kreis ein Großteil der Stadtbahnen aus dem Verkehr gezogen worden.
Eine Straßenbahn der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) fährt auf der Bonner Kennedybrücke. Über Nacht ist in der Bundesstadt und im Rhein-Sieg-Kreis ein Großteil der Stadtbahnen aus dem Verkehr gezogen worden.
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Auswirkungen der Finanzkrise

Bahnen still, Brücken dicht: So zerfällt Deutschlands kommunale Infrastruktur

Die Verkehrssituation in der früheren Bundeshauptstadt Bonn spitzt sich dramatisch zu. 60 von 75 Bonner Stadtbahnen müssen aus Sicherheitsgründen in den Depots bleiben – während gleichzeitig eine der wichtigsten Rheinbrücken der Region gesperrt ist und abgerissen werden muss. Bonn erlebt gerade im Zeitraffer, was Bürger in immer mehr Städten und Gemeinden spüren: Die kommunale Infrastruktur bröckelt. Busse werden gestrichen, Schulen gesperrt, Straßen auf Verschleiß gefahren und Sportplätze aufgegeben.

Es ist der größtmögliche Verkehrsinfarkt, den sich Bonn überhaupt vorstellen kann. 80 Prozent aller Bahnen in der Stadt fahren nicht, und das, nachdem erst vor wenigen Tagen eine Brücke auf der Hauptverkehrsachse der Stadt geschlossen werden muss. Der Grund ist in beiden Fällen der Gleiche: Die Infrastruktur ist komplett marode, es fehlt Geld für die Sanierung. Aber der Reihe nach...

Bonn im Verkehrsinfarkt: Erst die Brücke, dann 80 Prozent der Bahnen

Für Pendler in Bonn begann die Woche mit einer Nachricht, die klingt, als stamme sie aus einem Katastrophenfilm: 60 von insgesamt 75 Stadtbahnen wurden kurzfristig aus dem Verkehr gezogen. Bei Routineprüfungen hatten die Stadtwerke Hinweise auf eine vorzeitige Materialermüdung an Bauteilen entdeckt. Betroffen sind Fahrzeuge aus den 1970er- bis 1990er-Jahren. Die Technische Aufsichtsbehörde sah einen sicheren Weiterbetrieb nicht mehr verlässlich gewährleistet. Die Kölner Verkehrsbetriebe mussten 20 Wagen ausleihen – und dünnten dafür sogar das eigene Angebot aus. Bonn hält seinen Nahverkehr derzeit mit Nachbarschaftshilfe auf Schienen. 

Noch besteht Hoffnung, dass die Bahnen nach der Überprüfung in etwa einer Woche wieder an den Start gehen könnten, doch sicher ist das noch nicht. 

Besonders bitter: Die Stadtbahnen fallen ausgerechnet in einer Stadt aus, deren Straßenverkehr ohnehin bereits am Anschlag ist. Seit dem 3. Juni 2026 ist die Bonner Nordbrücke vollständig gesperrt. Über die wichtige Ost-West-Verbindung rollten zuvor täglich rund 90.000 bis 100.000 Fahrzeuge. Prüfungen ergaben massive strukturelle Schäden an der 660 Meter langen linksrheinischen Vorlandbrücke. Reparieren reicht nicht mehr: Der Abschnitt wird abgerissen und neu gebaut. Damit fehlen Bonn gleichzeitig eine der wichtigsten Straßenverbindungen und große Teile seiner Stadtbahnflotte. Mehr Verkehrsinfarkt geht kaum. 

Ein schwerer Start für den noch recht neuen Oberbürgermeister von Bonn, Guido Deus. Der CDU-Mann hatte erst vor einem halben Jahr die Oberbürgermeisterin von der Grünen Partei, Katja Dörner, abgelöst.   

Dörner hatte die Wahl nach Umfragen lokaler Medien vor allem wegen ihrer polarisierenden Verkehrswende verloren. Autospuren wurden abgeschafft und für Fahrradwege geopfert, die flächendeckende Ausweisung von Tempo 30 wurde von vielen als schikanös empfunden. 

Zudem geriet ihr Vorstoß für eine neue Wohnraumpolitik massiv in die Kritik. KOMMUNAL hatte zuerst über die Pläne einer Tochtergesellschaft der Stadt berichtet, wonach derjenige, der zu große Wohnungen hat, aus der Wohnung gedrängt werden sollte. 



Bus-Kahlschlag: Dörfer könnten abends abgeschnitten werden

Wie schnell die Finanzkrise im Alltag der Bürger ankommt, zeigt der Märkische Kreis, ebenfalls in NRW. Dort soll der Zuschuss für die Verkehrsgesellschaft bis 2029 um fast 14 Millionen Euro sinken. Bis zu jede vierte Busverbindung könnte gestrichen werden. Besonders betroffen wären kleine Kommunen und Dörfer am Abend und am Wochenende.

Für Jugendliche kann das bedeuten, dass sie freitags oder samstags nicht mehr aus Hagen oder Dortmund nach Hause kommen. Senioren ohne Auto verlieren womöglich die Verbindung zum Arzt, zum Einkauf oder zu Freunden. Auch die Anbindung von Freizeit- und Kultureinrichtungen steht zur Disposition. Hintergrund des Sparkurses sind hohe Kassenkredite und eine dramatische Haushaltslage. Der Nahverkehr wird damit vom öffentlichen Angebot zum Glücksfall: Fährt der Bus, hat man gewonnen. 

Wenn in der Grundschule die Decke herunterkommt

In der Grengrachtschule im nordrhein-westfälischen Baesweiler stürzte im Dezember über Nacht ein Teil der Decke eines Klassenraums ein. Niemand wurde verletzt – vor allem deshalb, weil sich der Vorfall ereignete, als keine Kinder im Raum waren. Die gesamte Schule musste gesperrt werden, der Unterricht fiel aus. Das Gebäude stammt aus den 1960er-Jahren. Was jahrzehntelang gehalten hatte, war plötzlich schlicht marode. 

Dass kommunale Sanierungen bisweilen länger dauern als eine komplette Schullaufbahn, zeigt die Integrierte Gesamtschule in Trier. Löcher in der Decke, abblätternder Putz und Unkraut zwischen den Fliesen prägten dort jahrelang den Alltag. Ursprünglich sollte die Sanierung bereits 2018 abgeschlossen sein. Tatsächlich wartete die Schule acht Jahre auf den Baustart. Währenddessen stiegen die veranschlagten Kosten von sieben auf rund 17 Millionen Euro. Schüler, die bei der ersten Ankündigung eingeschult wurden, hatten beim Baubeginn beinahe ihren Abschluss in der Tasche. 

Dresden: Wenn eine Brücke wirklich zusammenbricht

Wie dünn die Sicherheitsreserve alter Infrastruktur werden kann, zeigte der Einsturz der Dresdner Carolabrücke. Am 11. September 2024 stürzte ein etwa 100 Meter langer Brückenteil mit den Straßenbahngleisen in die Elbe. Nur der nächtlichen Uhrzeit war es zu verdanken, dass niemand verletzt wurde. Ein Gutachter ermittelte später Spannungsrisskorrosion in Verbindung mit Materialermüdung als Ursache. Nach Angaben der Stadt war der Einsturz trotz regelmäßiger Prüfungen mit den üblichen Methoden nicht verlässlich vorhersehbar. 

Die Folgen spürten die Bürger sofort. Auf der Albertbrücke stieg der Autoverkehr zeitweise um 88 Prozent, auf der Marienbrücke um 30 Prozent. Straßenbahnlinien mussten umgeleitet werden, Fahrtzeiten verlängerten sich, andere Elbquerungen wurden zusätzlich belastet. Die Carolabrücke war damit mehr als ein einzelnes Bauwerk: Ihr Ausfall brachte das fein austarierte Verkehrssystem einer ganzen Stadt durcheinander. Infrastruktur fällt selten allein aus – sie nimmt ihre Nachbarn gern gleich mit. 

Sieben Jahre für eine neue Brücke

Der Neubau der Carolabrücke soll nach derzeitiger Planung frühestens im Jahr 2031 fertig sein – fast sieben Jahre nach dem Einsturz. Der Bau könnte frühestens im zweiten Quartal 2028 beginnen. Bis dahin folgen europaweite Vergabe, Entwurfswettbewerb, Bürgerbeteiligung, Fachprüfungen sowie Baugrund- und Umweltuntersuchungen. Ein Planfeststellungsverfahren hätte sogar weitere drei bis sechs Jahre gekostet. Dass es schneller gehen kann, zeigt das Ausland: In Genua wurde die neue San-Giorgio-Brücke zwei Jahre nach dem Einsturz der Morandi-Brücke eröffnet. In Minneapolis rollte der Verkehr bereits 13 Monate nach dem Einsturz wieder über eine neue zehnspurige Brücke. Der Kontrast ist bitter: Andere bauen Brücken, während Deutschland noch Entwürfe diskutiert.

Suhl: Der Sportplatz versinkt, die Straßen werden zur Stolperfalle

Im thüringischen Suhl sackte der Kunstrasenplatz Haseltal ab, weil eine unterirdische Verrohrung eingebrochen war. Der Platz musste gesperrt werden. Die Reparatur ist kompliziert – und der Stadt fehlt das Geld. Für Vereine, Kinder und Jugendliche bleibt damit nur der Blick durch den Zaun.

Der gesperrte Sportplatz ist in Suhl nur eines von vielen Warnzeichen. Der kommunale Investitionsstau liegt nach Angaben des Oberbürgermeisters bei mehr als 200 Millionen Euro – bei einem jährlichen Haushaltsvolumen von rund 130 Millionen Euro. Straßen und Gehwege sind teilweise so beschädigt, dass insbesondere ältere Bürger mit Rollatoren kaum noch sicher vorankommen. In einem Förderzentrum konnte zwar das Schulgebäude saniert werden, für den Schulhof reichte das Geld jedoch nicht mehr. Drinnen hui, draußen Bauzaun – kommunale Wirklichkeit im Jahr 2026. 

Straßen auf Verschleiß und eine Notunterkunft, die seit 30 Jahren wartet

In der brandenburgischen Kleinstadt Wriezen beschreibt der Bürgermeister die Lage ohne Umwege: Die Stadt fahre ihre Straßen „auf Verschleiß“ und könne bestimmte Dienstleistungen nicht mehr erbringen. Selbst bei Einrichtungen für Kinder und Senioren sei unklar, wie lange der bisherige Umfang aufrechterhalten werden könne. Auch Feuerwehren, Turnhallen und Vereine leiden darunter, wenn Ausstattung und Gebäude immer weiter altern. 

Noch drastischer ist die Lage in Ludwigshafen. Die Stadt gehört mit mehr als 9.100 Euro Schulden je Einwohner zu den am höchsten verschuldeten größeren Städten Deutschlands. Die Sanierung einer kommunalen Notunterkunft wurde dort nach SWR-Recherchen seit rund 30 Jahren verschoben. Gleichzeitig kürzte die Aufsichtsbehörde die für 2026 geplanten Investitionen von 135 auf 95 Millionen Euro. Damit fehlen weitere 40 Millionen Euro für Straßen, Brücken, Schulen und Kitas – also genau dort, wo der Verfall bereits sichtbar ist. 

Das Minus in den Kassen wird immer größer - Kommunale Finanzlage am Limit 

Das sind keine bedauerlichen Einzelfälle mehr. Die deutschen Kommunen schlossen das Jahr 2025 mit einem Rekorddefizit von 31,9 Milliarden Euro ab. Der wahrgenommene Investitionsrückstand stieg auf 231 Milliarden Euro. Allein bei Schulen fehlen rechnerisch 69 Milliarden Euro, bei Straßen 54 Milliarden Euro. 44 Prozent der Kommunen bewerten ihre Finanzlage inzwischen als mangelhaft, neun von zehn erwarten eine weitere Verschlechterung.