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  1. Praxis
  2. Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt: Eine kleine Gemeinde geht voran
Für den Schutz der Kinder und Jugendlichen ziehen in Grünkraut alle an einem Strang..
Zum Schutz der Kinder und Jugendlichen haben die Grünkrauter ein eigenes Konzept entwickelt.
© Brennessel e.V.

Kinderschutz

Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt: Eine kleine Gemeinde geht voran

von Annette Lübbers
Reporterin
18. September 2026
Alle machen mit: Eine kleine Gemeinde will mit einem eigenen Schutzkonzept sexuellen Übergriffen und Gewalt gegen Kinder und Jugendlichen gegensteuern.

Grünkraut ist eine kleine Gemeinde in Oberschwaben, gelegen etwa sechs Kilometer östlich der Kreisstadt Ravensburg in Baden-Württemberg. 3.200 Einwohner, 41 kleine Weiler. Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sind hier nicht bekannt geworden. Dennoch hat die kleine Gemeinde ein eigenes "Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend" aufgelegt - und hofft auf Nachahmer in anderen Kommunen.

Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt

Das Projekt begann 2019 mit einem Vortrag aus dem Kreis der Mitarbeitenden des Vereins Brennessel e.V., ein Beratungsangebot im Landkreis Ravensburg - und einem engagierten Bürgermeister im kleinen Grünkraut. Der beschloss kurzerhand: Nicht jeder Verein braucht ein eigenes Konzept im Umgang mit sexualisierter Gewalt, sondern alle müssen an einem Strang ziehen.

Sieben Jahre später sind alle in Grünkraut mit im Boot: Sportvereine, der katholische Frauenbund, der Musikverein, der evangelische Pfarrer, die Leitung der Bücherei und nicht zuletzt der Fasnachtsverein. Yvonne Veit, Kinder-, Jugend- und Familienbeauftragte der Gemeinde, unterstreicht: "Im Verdachtsfall soll allerdings niemand selbst in Familien oder Vereinen intervenieren, sondern in jedem Fall wissen, an welche Fachstelle er oder sie sich im Ernstfall wenden kann."

Eckpfeiler des Schutzkonzeptes gegen sexuelle Gewalt

  • Leitbild - Grundlage: unter anderem die Kinderrechte der UN-Kinderrechtskonvention;
  • Übernahme von Verantwortung für das Wohlergehen aller Kinder in der Gemeinde;
  • Einsatz für die Rechte von Kindern auf allen Ebenen;
  • Vertrauen, Achtsamkeit und Respekt im Umgang miteinander;
  • Verurteilung jeder Form von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche;
  • kein leichtfertiger Umgang mit Grenzverletzungen;
  • die Kinder und Jugendarbeit ist präventiv ausgerichtet.

Die Mitarbeitenden und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer aller Organisationen und Vereine in Grünkraut verpflichten sich persönlich mit ihrer Unterschrift, einen Verhaltenskodex einzuhalten, der beinhaltet, die Würde eines jeden Kindes und Jugendlichen zu achten - unabhängig etwa von sozialer, ethischer oder religiöser Zugehörigkeit und alle Angebote in der Kinder- und Jugendarbeit dahingehend zu prüfen, ob sie das Selbstbewusstsein und den Selbstwert der Kinder und Jugendlichen fördern helfen.  Alle Vereine und Organisationen - inklusive der Kirchengemeinde - ernennen eine Ansprechpartnerin oder einen Ansprechpartner für das Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Ein anonymer Beschwerdebriefkasten - genannt "Sorgenfresser" - wurde installiert. 

Prävention ist wichtig

Im Bereich Prävention heißt es im Schutzkonzept: "Im Rahmen des Schutzprozesses soll eine gemeinsame Struktur für Präventionsangebote gegen sexualisierte Gewalt in der Gemeinde Grünkraut geschaffen werden, die von allen Institutionen mitgetragen wird. Jede Institution kann sich hier einbringen beziehungsweise ihre Angebote veröffentlichen, damit auch Personen außerhalb der eigenen Organisation teilnehmen können. Die AG Schutzkonzept wird diese Strukturentwicklung unterstützen." Derzeit besteht die AG Schutzkonzept aus vier Personen aus den Grünkrauter Vereinen und Organisationen. Sie treffen sich regelmäßig und berichten einmal jährlich über ihre Arbeit.

Schutzkonzept plus Ausstellung und Lehrmaterial

Flankiert wurde das neue Schutzkonzept mit Lehrmaterial für Kinder und Jugendliche, denn in Grünkraut sollen die jungen Menschen ihre Rechte sehr genau kennen. Geholfen hat der Gemeinde die Wanderausstellung "Echt mein Recht" vom Petze Institut in Kiel. In sechs Stationen geht es dabei um: 

  • Rechte und Selbstbestimmung
  • Gefühle
  • Liebe und Partnerschaft
  • Alltag (Freizeit, Wohnen, Arbeit)
  • Körper und Sexualität
  • Beratung

Yvonne Veit erläutert: "Mit dabei waren extra geschulte Lehrerinnen und Lehrer, die mit den Kindern gearbeitet haben. Diese Arbeit hilft, die Täterstrategien aufzubrechen, weil die Kinder und Jugendlichen nicht mehr schweigen, wenn sie ihre Grenzen überschritten sehen. Pädophile Übergriffe machen dabei ,nur' etwa 15 bis 20 Prozent der Fälle aus. Häufiger geht es um eine gewalttätige Form der Machtausübung über Kinder und Jugendliche.

Das Engagement der kleinen Gemeinde kam eigentlich ein wenig zu früh. Heute hilft der "Masterplan Kinderschutz des Landes Baden-Württemberg" Kommunen dabei, in diesem Bereich "Flagge" zu zeigen. Yvonne Veit: "Wir haben noch alle Inhalte selbst erarbeitet und auch bezahlt. Möglich war das auch, weil unserem Bürgermeister das Thema so wichtig war. Wir wissen ja, dass auch kleine Gemeinden und Dörfer längst keine heilen Welt mehr abbilden." Sie hofft, dass das Schutzkonzept ihrer kleinen Gemeinde Schule macht. "Natürlich mit den nötigen Anpassungen an die speziellen Gegebenheiten in anderen Kommunen."       

Wie häufig ist sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen?

Präzise Angaben zur Häufigkeit von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in Deutschland sind aufgrund der unzureichenden Datenlage nicht möglich. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) gibt nur Aufschluss über die Fälle, die polizeilich angezeigt und strafrechtlich verfolgt werden (polizeiliches Hellfeld). Für das Jahr 2024 verzeichnet die PKS:

  • 16.354 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch
  • 1.191 Fälle von sexuellem Missbrauch von Jugendlichen
  • 446 Fälle von sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen ab 14 Jahren
  • 42.854 Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von Missbrauchsdarstellungen, sogenannter Kinderpornografie
  • 9.601 Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von Jugendpornografie 

In Grünkraut scheinen sich alle einig: Jeder dieser Fälle ist einer zu viel.

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