Alternative Antriebe
Wasserstoff im kommunalen Fuhrpark: Bus, Müllauto, Tankstelle
Der Brennstoff hat durchaus Vorteile: Das Tanken geht ähnlich schnell wie beim Benziner, die Reichweite ist vergleichbar, es gibt außer Wasserdampf keine Emissionen und der Antrieb ist – wenn der Wasserstoff mit erneuerbaren Energien hergestellt wurde – umweltfreundlich. Allerdings sind Speicherung und Transport derzeit noch aufwendig und energieintensiv.
Wie Hürth zum Wasserstoff kam
Als Hürth seinen Weg begann, fand man in ganz Deutschland keinen einzigen Hersteller von wasserstoffbetriebenen Bussen. Schließlich ebnete ein Forschungsprojekt zwischen dem Land Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden den Weg. Gefördert von Bund und EU liefen ab 2011 jeweils zwei Busse in Hürth und Umgebung sowie in Amsterdam. 2014 kamen zwei weitere Brennstoffzellen-Hybridbusse eines niederländischen Herstellers dazu. Jürgen Wiethüchter erläutert: „Wir konnten in den wenigen Jahren den Beweis führen, dass Wasserstoffbusse in der Reichweite mithalten können und ein Betrieb im Linienverkehr durchaus möglich ist.“ Damals setzte man in Hürth auf die Zusammenarbeit mit dem Chemiepark Hürth-Knapsack. Wasserstoff als Nebenprodukt kann – nach eventueller Reinigung und Verdichtung – als Treibstoff für Brennzellen genutzt werden. Mittlerweile hat die Kommune allerdings einen neuen Lieferanten im Einsatz.
Was Wasserstoff im ÖPNV kostet
Seit den Anfängen hat sich in Hürth eine Menge getan. Seit zwei Jahren werden alle Linienbusse im öffentlichen Nahverkehr mit Wasserstoff betankt. Der Brennstoff ist nicht teurer als Diesel, allerdings liegen die Anschaffungskosten für die Busse um etwa die Hälfte höher als bei herkömmlichen Fahrzeugen. Deutlicher zu Buche schlagen auch die Wartungskosten, zumal dafür speziell geschultes Personal notwendig ist. Dennoch setzen die Stadtwerke weiter auf den Brennstoff und das aus guten Gründen: „Die Feinstaubbelastung ist gesunken, es entstehen keine umweltschädlichen Emissionen, die Geruchsbelästigung fällt weg und die Fahrzeuge sind leiser unterwegs“, sagt Jürgen Wiethüchter. Das haben auch andere Kommunen in der Umgebung erkannt: Im ÖPNV setzen Duisburg, Köln, Düsseldorf und Krefeld auf eine Wasserstoffbusflotte. Aber auch kleinere Kommunen rüsten um: etwa BrühI im Rheinland, Weimar in Thüringen, Aschaffenburg in Bayern.
Wasserstoff in der Abfallwirtschaft: 1,2 Millionen Euro pro Müllfahrzeug
Besonders vorteilhaft ist Wasserstoff im Last- und Schwertransport. In diesem Bereich gibt es heute immerhin eine Handvoll Hersteller. In Hürth fährt schon seit Juli 2023 ein Abholfahrzeug der Müllabfuhr mit Wasserstoff. Zwei Mal in der Woche wird getankt. 500 Kilometer kann das Fahrzeug damit absolvieren. Der einzige Wermutstropfen: Für ein solches Fahrzeug werden derzeit in der Anschaffung noch 1,2 Millionen Euro aufgerufen.
Trotzdem kommt Wasserstoff als Antrieb in der Abfallwirtschaft immer häufiger zum Zuge: Heidelberg im Rhein-Neckar-Kreis, Hamm und Bielefeld in Westfalen stellen sukzessive um. Besonders engagiert ist man in Freiburg im Breisgau. Die Abfallwirtschaft und die Stadtreinigung Freiburg verfügen inzwischen über die größte Wasserstoffmüllfahrzeugflotte Deutschlands. Die Stadt plant, den Anteil dieser Fahrzeuge in den kommenden Jahren weiter auszubauen. Andere kommunale Anwendungen, etwa Bauhof-, Straßenreinigungs- oder Feuerwehrfahrzeuge, könnten bald folgen. Allerdings gibt es dafür bislang nur Pilot- oder Demonstrationsprojekte.
Wasserstofftankstellen: Wo Kommunen tanken können
Auch bei Wasserstofftankstellen gibt es in Deutschland Nachholbedarf – ihre Zahl ist mangels Nachfrage im Pkw-Sektor zuletzt sogar wieder gesunken. Etwa 50 bis 60 öffentlich zugängliche Wasserstofftankstellen für Pkw und/oder Nutzfahrzeuge mit 350 oder 700 bar gibt es aktuell in Deutschland. Die meisten stehen in Bundesländern mit großen industriellen Ballungszentren wie NRW, Bayern und Baden-Württemberg.
Das Hürther Betreibermodell
Hürth hat für die zweite Tankstelle in der Kommune ein eigenes Betreibermodell entwickelt: Die Kommune stellt das Grundstück zur Verfügung und der Betreiber organisiert den Betrieb selbstständig und auf eigene Kosten. „Wir als Stadtwerke tanken dort nur und haben den Bau unterstützt. Auf die Stadtwerke entfallen damit keine Kosten“, erläutert Jürgen Wiethüchter und fügt an: „Es dürfen an der neuen Tankstelle nicht nur private Pkw-Besitzer tanken, sondern auch Lkw-Fahrer. Dazu müssen diese Personengruppen eine Tankberechtigung erwerben, also eine Art Tankkarte, denn die Tankstelle ist nicht personenbedient.“ Der Bau der zweiten Tankstelle ist so gut wie fertiggestellt. Denn neben Nutzfahrzeugen läuft auch ein Teil der städtischen Dienstwagen in Hürth mit Wasserstoff.
Grüner Wasserstoff fehlt: Warum kaum eine Kommune klimaneutral fährt
Wirklich klimaneutral fahren derzeit weder Wasserstoffbusse noch Wasserstoffmüllfahrzeuge. Das Problem: Es fehlt an grünem Wasserstoff, also Wasserstoff aus regenerativer Energie. Als erste Kommune plant Freiburg für dieses Jahr auf der ehemaligen Deponie Eichelbuck eine Produktionsstätte für grünen Wasserstoff. Deutschlandweit ist man bei allem Engagement noch mit grauem Wasserstoff unterwegs. Und das hat Gründe. „Eine reine Kostenfrage. Grauer Wasserstoff als Nebenprodukt ist derzeit noch sehr viel günstiger, eben weil das Angebot an grünem Wasserstoff so gering ist“, unterstreicht Jürgen Wiethüchter aus Hürth.
Wasserstoffstrategie: Was die Politik jetzt liefern müsste
Er bedauert sehr, dass die derzeitige Regierung die Wasserstoffstrategie der Vorgänger-Regierung wenn nicht beerdigt, so doch anders gewichtet. Die ursprünglichen Planungen sahen immerhin vor, die heimische Elektrolyseleistung bis 2030 von ursprünglich fünf Gigawatt auf mindestens zehn Gigawatt zu erhöhen. Auch von einem Wasserstoff-Kernnetz ist aktuell kaum mehr die Rede. Jürgen Wiethüchter: „Es ist wie mit den Wärmepumpen. Ohne Bekenntnis zum Wasserstoff und eine entsprechende Förderung rechnen sich die Investitionen in Forschung und Entwicklung für die Industrie nicht.“