Wiedervernässung
Moore gegen Hitze: Was Kommunen tun können
"Ehemalige Moore aktuell mehr Klimakiller als Klimaschützer"
Einst waren immerhin fünf Prozent der Fläche in Deutschland von Hoch- und Niedermooren bedeckt - etwa die Größe des Landes Sachsen. Die größten Moore befanden sich in Niedersachsen, dem Emsland, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Einige wenige in Bayern und Baden-Württemberg. Heute sind etwa 90 Prozent der Moore trockengelegt. Kevin Keiner, Referent zum Themenbereich "Schutz intakter Moore und Wiedervernässungen" bei der gGmbH "Zukunft – Umwelt – Gesellschaft (ZUG) - Kompetenzzentrum Natürlicher Klimaschutz (KNK)" bilanziert: "Aktuell sind die ehemaligen Moore eher Klimakiller als Klimaschützer. Sie sind alleine für sieben Prozent aller Treibhausgase in Deutschland verantwortlich." Und ihre "Kompetenz" als Kühlelemente ihrer Umgebung haben diese Landschaften auch verloren.Die gute Nachricht aber ist: Kommunen, die sich im Klimaschutz engagieren, können einiges tun, damit unsere Moore wieder ihren eigentlichen Aufgaben nachkommen: CO₂ binden, Temperaturen herunterregeln und Tieren und Pflanzen eine Heimat bieten.

Moore: was der Wiedervernässung aktuell noch im Wege steht
Kevin Keiner listet auf:
- Die Verfügbarkeit der Flächen - viele Moore sind kleinparzellig aufgeteilt und vielfach in privater Hand,
- von der landwirtschaftlichen Nutzung bis zu intakten Mooren ist es ein langer Weg,
- 70 Prozent der Flächen werden landwirtschaftlich genutzt,
- die Akzeptanz für eine Renaturierung ist vielerorts noch nicht vorhanden,
- die Planungs- und Genehmigungsstrukturen gestalten sich schwierig und
- es gibt keine zentral geregelten Zuständigkeiten.

Wie sollte der Prozess bestmöglich gestaltet werden?
Kevin Keiner stellt klar: Bei Hoch- und Niedermooren sind die Gegebenheiten unterschiedlich. "Hochmoore werden durch Regenwasser gespeist und grenzen sich klar von ihrer Umgebung ab. Hier ist das Problem: Oft sind Hochmoore stark degradiert und der Prozess der Wiedervernässung dauert entsprechend lange. Niedermoore werden durch Grundwasser gespeist und bilden größere hydrologische Einheiten. Diese Flächen befinden sich zumeist in vielen Händen. Da müssten schon alle an einem Strang ziehen, damit eine Wiedervernässung gelingen kann."
Idealerweise, sagt er, verlaufe der Prozess der Wiedervernässung in diesen Schritten:
- Flächenanalyse erstellen,
- hydrologische Untersuchungen vornehmen,
- Eigentümer ins Boot holen,
- Wasserstandsplanungen erstellen.
- Entwässerungsgräben schließen,
- Drainagen zurückbauen (Biber machen diesen Job gerne und schnell),
- regelmäßige Monitorings und Pegelmessungen.
Wiedervernässung - wie Kommunen Landwirte überzeugen können
Eine angepasste Nutzung wiedervernässter Moore, sagt der Experte, sei durchaus möglich und nennt auch gleich das passende Stichwort: Paludi-Kulturen. Paludikultur („palus“ – lat. „Sumpf, Morast“) ist der Fachbegriff für die land- und forstwirtschaftliche Nutzung nasser Hoch- und Niedermoore. "Ein traditionelles Beispiel dafür ist der Anbau von Schilf für Dachreet. Neue innovative und nachhaltige Nutzungen sind etwa die energetische Verwertung von Niedermoor-Biomasse, die Nutzung von Röhrichten für neue Baustoffe oder die Kultivierung von Torfmoosen als Torfersatz in Substraten für den Gartenbau", heißt es auf der Website des Moorzentrums in Greifswald. Kevin Keiner hat noch einen weiteren Vorschlag: die Beweidung der wiedervernässten Flächen durch Wasserbüffel. "Natürlich bedeutet eine Wiedervernässung für Landwirte, dass sie bereit sind müssten, für mehr Klimaschutz eine Transformation ihrer Flächen in Kauf zu nehmen. Gewinne wären aber immer noch zu erzielen - nur mit anderen Pflanzen. Wir verzeichnen für solche natürlichen, auf Mooren gewachsene Produkte schon echtes Interesse - etwa von Baumarktketten, der Bau- und Dämmstoffbranche und der Papierindustrie."

Was Kommunen und Landkreise selbst unternehmen können
Wie groß das Interesse von Bürgermeistern und Landräten an Wiedervernässungsmaßnahmen ist, hängt laut Kevin Keiner oft davon ab, welchen Stellenwert der Klimaschutz in einzelnen Kommunen generell einnimmt und welche Persönlichkeiten dahinter stünden. Wenn Kommunen, Landkreise und Flächenbesitzer an einem Strang zögen, dann könne in Sachen Wiedervernässung auf kommunaler Ebene und auf der Ebene eines Landkreises einiges bewegt werden. "Im Ostallgäu hat man zum Beispiel gute Erfahrungen mit Flächentausch gemacht. Landwirte bekommen andere Flächen zur Nutzung, wenn sie Moorflächen aufgeben.
Ohne große, zusammenhängende Ländereien, lassen sich solche Projekte natürlich nicht realisieren." In Greifswald, erklärt der Experte, gebe es bereits einen Moor-Manager. Ein Beispiel, das Schule machen sollte. Auch weil die touristischen Möglichkeiten nach einer Wiedervernässung durchaus groß sind. Als Beispiel nennt Kevin Keiner das Schwarze und das Rote Moor an der Rhön als Teil eines Biosphären-Reservats mit touristischem Lehrpfad. Engagierte Kommunen bräuchten vor allem Mut und den Willen voranzugehen, unterstreicht Kevin Keiner. Netzwerken sei wichtig, das Anschauen von Pilotprojekten, die Wissensvermehrung und die Beschäftigung mit entsprechenden Förderprogrammen, die es bei der EU, beim Bund und in den Ländern gibt.
Wiedervernässung der Moore - die wichtigsten Förderprogramme
"1000 Moore-Klimamoorschutz" des Bundesumweltministeriums
LIFE-Programm der Europäischen Union
ELER (Europäischer Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums)
LIFE Strategic Nature Projects (SNP) und Strategic Integrated Projects (SIP)

