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  3. Oberbürgermeister: "Eine Stadt funktioniert kaum anders als ein Wald"
 Uli Burchardt, Oberbürgermeister von Konstanz
Oberbürgermeister Uli Burchardt wirbt für ein neues Verständnis in der Stadtplanung.
© Stadt Konstanz/Chris Daneffel

Interview

Oberbürgermeister: "Eine Stadt funktioniert kaum anders als ein Wald"

von Annette Lübbers
Reporterin
16. Juni 2026
Der Konstanzer Oberbürgermeister Uli Burchardt fordert, dass urbane Räume zu lebenswerten Ökosystemen werden sollen. Dafür brauchen Kommunen mehr Gestaltungsspielraum.

KOMMUNAL: In Ihrem Buch „Menschens­chutzgebiet“ werben Sie für ein neues Verständnis von Mensch und Natur. Wie meinen Sie das?

Uli Burchardt: Oft heißt es, Naturschutz bedeute, die Natur vor dem Menschen zu schützen. Ich sehe das anders: Wir Menschen sind Teil der Natur. Wenn wir uns endlich auch als einen solchen begreifen, dann schützen wir die Natur ganz selbstverständlich mit. Naturschutz ergibt für mich vor allem Sinn als Schutz unserer Umwelt vor Zerstörung – und damit auch als Schutz unserer eigenen Lebensgrundlagen.

Sie sprechen vom Ökosystem „urbaner Raum“, das noch viel lernen muss. Was genau?

Die Denkweise „Natur – Mensch – Besiedelung – Tod der Natur“ greift zu kurz. Besiedelung darf nicht einfach nur Versiegelung bedeuten. Wir dürfen uns unsere Nester schaffen, wie die Vögel – sollten dafür aber weitgehend natürliche und nachwachsende Rohstoffe nutzen. Und wir sollten nur Materialien verwenden, die sich wieder in Kreisläufe zurückführen lassen. In Konstanz haben wir zwei Flüchtlingsunterkünfte aus Holz gebaut: schnell, wirtschaftlich und schön. Natürlich gibt es zugleich die Debatte, dass der Wald wieder wild werden muss. Ja, das muss er. Aber daneben braucht es auch Nutzwälder.

Städte bezeichnen Sie als „Menschenschutz­gebiete“. Welche Überlegungen stehen dahinter?

Wir müssen uns als Kommunen radikal an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, die in unseren Städten leben. Eine Stadt muss für Achtjährige genauso lebenswert sein wie für 80-Jährige. Gleichzeitig müssen Städte geschützte Lebensräume für Tiere und Pflanzen sein. Es geht um gegenseitigen Respekt und darum, ein gutes Leben für alle Lebewesen zu ermöglichen.

Welche Entwicklungsschritte braucht es dafür?

Quartiere müssen wir nicht nur vom Menschen her denken, sondern Natur und Tiere viel stärker einbeziehen. In Konstanz bauen wir bald einen kompletten neuen Stadtteil, der sich nicht mehr um Straßen, sondern um drei intakte Bachläufe herum gliedert. In Holzbauweise, mit viel Grün und Rückzugsräumen für Tiere. Gleichzeitig verdichten wir Wohnraum, um an anderer Stelle möglichst wenig Natur wegzunehmen. Der individuelle Verkehr bleibt draußen, die Wege bleiben kurz.

Welche Projekte zahlen außerdem auf diese Vision ein?

Wir sind dabei, den Verkehr in unserer mittelalterlichen Altstadt zurückzubauen – gegen durchaus spürbaren Widerstand. Auf dem Rhein planen wir perspektivisch ein elektrisch betriebenes Schiff, den Wasserbus. Im April 2026 startete eine Testphase hierfür, um zu sehen, wie das Angebot angenommen wird; allerdings noch mit einem bereits vorhandenen Diesel-Schiff. Innovative Ideen, die den Alltag neu denken, begeistern manche und irritieren andere. Nicht jede Idee wird auch Realität: Eine elektrisch betriebene Seilbahn haben wir aus Kostengründen nach einer Machbarkeitsstudie vorerst zurückgestellt.

Sie beklagen Entmischung und Ghettoisierung.

 

Eine Stadt funktioniert kaum anders als ein Wald. Je mehr unterschiedliche Baumarten, desto stabiler und resilienter ist er. Das gilt auch für Städte. Quartiere brauchen ärmere und reichere Menschen, Jüngere und Ältere, Zugezogene und Einheimische. Sie sollten Räume zum Wohnen, Arbeiten und Leben zugleich bieten. Die Zukunft gehört der Mischung.

Wir dürfen uns unsere Nester schaffen, wie die Vögel – sollten dafür aber weitgehend natürliche und nachwachsende Rohstoffe nutzen."

Uli Burchardt, Oberbürgermeister Stadt Konstanz

Viele Kommunen stehen finanziell unter Druck. Wie kann der Umbau gelingen?

Das Problem ist nicht, dass zu wenig Geld im System ist. Das Problem ist, wo es landet. Zu viel wandert nach oben – in Bürokratie, in Verwaltungsebenen, in Förderprogramme mit Bedingungen, die vor Ort kaum jemand braucht. Während Kommunen Angebote einschränken und Straßen verfallen lassen müssen, werden anderswo Zuständigkeiten verwaltet. Das ist falsch. Wer nah an den Menschen ist, muss auch die Mittel haben, um zu handeln. Bund und Länder sollten aufhören, Kommunen mit immer neuen Aufgaben zu belasten, ohne dafür zu bezahlen. Unterstützen statt regulieren – das wäre ein Anfang.

Warum sollten Kommunen mehr Einfluss erhalten?

Weil wir nah an den Bürgerinnen und Bürgern sind. Wir begegnen den Menschen täglich und hören zu. Diese Nähe ist ein großer Vorteil, wenn es um konkrete Politik für den Alltag und um den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen geht.

Warum setzen Sie auf ein Höchstmaß an Bürgerbeteiligung?

Weil Demokratie Mitmachen bedeutet. Dafür braucht es aber Formen und Formate. Gerade junge Menschen erreichen wir nicht, indem wir nur die Türen offenlassen. Wir müssen auf die Menschen zugehen und Beteiligung aktiv einfordern.

Wie kann das konkret gelingen?

Bei einer klassischen Informationsveranstaltung kommen oft dieselben, die sehr interessiert oder vor allem dagegen sind. Die Leiseren gehen unter. Wir gehen aber noch einen Schritt weiter: Konstanz hat Leitlinien für Bürgerinnen- und Bürgerräte erarbeitet und bereits erste Veranstaltungen durchgeführt. Weitere Themen sind bereits festgelegt. Das ist kein Experiment mehr – das ist ein fester Bestandteil unserer Demokratiekultur.

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