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Mann bei Modell
Bei der Neugestaltung des alten Gärtnerei-Areals in Münnerstadt werden die Bürger aktiv eingebunden.
© Münnerstadt

Außergewöhnliches Projekt

Bauen: Wie Bürgerbeteiligung zur Identifikation beiträgt

von Dorothea Walchshäusl
Reporterin | KOMMUNAL
3. Juni 2026
Bürgerbeteiligung ist besonders dann erfolgreich, wenn ihre Ergebnisse sichtbar werden und sie zur Identifikation der Bürger mit ihrer Heimat beiträgt. Wie das gelingen kann, zeigt ein beispielhafter Beteiligungsprozess rund um das Treibhaus-Wohnprojekt in Münnerstadt.

Wohnraum ist in vielen Kommunen rar. Eine Variante, um weitere Wohnungen zu schaffen, ist die Umgestaltung von Brachflächen im Stadtraum. Damit diese neu entstandenen Areale als lebendiger Teil der Kommune wahrgenommen werden, macht es Sinn, die Bürger bereits bei der Planung miteinzubeziehen. Wie effizient und gut das gelingen kann, zeigt ein Beispiel aus Münnerstadt, wo die Planungen des sogenannten „Treibhaus-Projektes“ auf Hochtouren laufen.

Ehemalige Gärtnerei am Rande der Altstadt

Beim neu geplanten „Treibhaus“-Areal handelt es sich um eine drei Hektar große Fläche direkt vor den Stadtmauern von Münnerstadt, auf der seit dem frühen 20. Jahrhundert Treibhäuser standen und viele Jahrzehnte lang eine Gärtnerei betrieben wurde. Seitdem die Gärtnerei weggezogen war, lag das Areal brach; ursprünglich in Privatbesitz, hat die Stadt die Fläche vor drei Jahren schließlich gekauft. „Die Fläche war optisch ein Missstand direkt neben der Altstadt, zudem gibt es bei uns in Münnerstadt einen hohen Bedarf an Wohnraum“, sagt Stefan Richter, der Klimamanager der Stadt. Dabei würde es zwar einerseits zahlreiche große Einfamilienhäuser geben, in denen nurmehr ein oder zwei Personen leben, andererseits würden viele junge Familien Wohnraum suchen. Die Idee war nun: „Wir schaffen auf der Brache altstadtnah ein Wohnareal, das die Innenstadt belebt und aufgrund der Fußläufigkeit gerade auch für ältere Menschen attraktiv ist“. Entsprechend hat man sich in Münnerstadt bewusst dazu entschieden, keine neuen Baugebiete auszuweisen, sondern erst einmal das vorhandene Potential auf dem ehemaligen Gärtnerei-Gelände zu nutzen. Eines der Gewächshäuser von einst soll hierbei erhalten und zum Gemeinschaftshaus umgebaut werden, außerdem sollen neue Mehrparteienhäuser entstehen.

„Treibhaus“-Projekt gemeinsam mit den Bürgern

Im Sommer 2022 wurde das Projekt schließlich im Kontext des Modellvorhabens „Landstadt Bayern“ des Bayerischen Staatsministeriums für Wohnen, Bau und Verkehr gestartet. Dabei war das Ganze von Beginn an parallel zu den architektonischen und baulichen Planungen bewusst als Bürgerprojekt angelegt. „Wir wollten den Prozess maximal transparent und partizipativ gestalten“, sagt Richter. Die Botschaft an die Bürger sollte sein: „Schafft euch euer eigenes Quartier – wir als Stadt unterstützen euch!“

Ideen der Bürger als wesentlicher Input für Planungsprozess

Das Besondere: Im Gegensatz zu sonstigen städtebaulichen Projekten stand laut Richter beim Treibhaus-Projekt von Beginn an fest, dass die Bürgerideen nicht nur berücksichtigt, sondern vielmehr zur Grundlage der weiteren Planung, insbesondere des Architektenwettbewerbs, gemacht werden sollen. Konkret bedeutet das, dass die Fachleute und Behörden in Münnerstadt in allen Phasen des Planungsprozesses, darunter dem Architektenwettbewerb, den Machbarkeitsstudien, der Rahmenplanung und der Bebauungsplanung, auf die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung zurückgreifen und diese unter Berücksichtigung der formalen Rahmenbedingungen miteinbeziehen.

Bürger
Bei der Gestaltung des Areals sind die Bürger intensiv beteiligt.

Vielfältige Beteiligungsformate

Im November 2022 wurde als Eröffnung eine große Bürgerwerkstatt durchgeführt, bei der die über 150 Teilnehmer laut Richter eine Vielzahl von Ideen und Vorschlägen eingebracht haben. Dabei haben sich die Bürger in verschiedene „Baumeistergruppen“ aufgeteilt und detaillierte Ansätze zu verschiedensten Bereichen des Bauprojekts erarbeitet, vor allem zu den Themen Gemeinschaft, ökologische Bauweise und Nutzung, modernes Arbeiten und kulturelle Nutzungsmöglichkeiten. Die entwickelten Vorschläge wurden in Folge von den Teilnehmern anhand eines Modells des Gärtnereiareals mit verschiedenen Baumodulen, Straßen und Grünfächen selbst in die Tat umgesetzt und anschließend im Plenum diskutiert und von den Fachleuten aufgenommen. In Ergänzung zu der Bürgerbeteiligung von Ort hat die Stadt außerdem eine zweimonatige Online-Bürgerbeteiligung zum Projekt Treibhaus gestartet, im Rahmen derer Nutzer ihre Wünsche und Ideen für das Areal auf einer digitalen Karte festhalten konnten. „Die bewusste Ansprache der Bürger und die Einbeziehung ihrer Gedanken hat uns sehr geholfen“, sagt Richter. Das Interesse sei groß gewesen und es konnten viele spannende Ideen gesammelt werden, die das Bauprojekt nun besonders machen würden. Damit einher geht eine aktive Öffentlichkeitsarbeit. So werden die Bürger auf einer eigenen Unterseite der städtischen Website seit Beginn regelmäßig über den aktuellen Stand des Projekts informiert.

Bürger
In verschiedenen Workshops wurden Ideen zusammengetragen

Kulturelle Erschließung des Areals

Neben den klassischen Beteiligungsformaten hat sich laut Richter insbesondere die Öffnung des Areals für kulturelle Projekte bewährt. Ausgangspunkt war hier die in Münnerstadt aktive Initiative else!, die den wiederbelebten Standort mit einem dreimonatigen Kunst- und Kulturprojekt namens else!³ aktiviert hat. „Das hat dazu geführt, dass der Raum schon vor Beginn der formellen Planungen bespielt wurde. Es fand da eine Art soziokulturelle Rückeroberung statt“, sagt Richter. Die Folge: Für die Bürger sei das Areal bereits jetzt vertraut und viele freuen sich auf die weitere Belebung. Dazu haben auch die weiteren Aktionen beigetragen, die von der Kommune durchgeführt wurden. So gab es vor Ort Reallabore und thematische Gesprächsrunden, im Sommer wurden die Außenbereiche bespielt und in den Gewächshäusern thematische Menüs mit Fachvorträgen und gemeinsamen Koch- und Essensrunden veranstaltet.

Starke Identifikation der Bürger mit dem Projekt

Diese Einbindung der Bürger auf verschiedenen Wegen hat in Münnerstadt laut Richter zu einer starken Identifikation mit dem „Treibhaus“-Projekt geführt. So sagt der Klimamanager: „Die Bürger begreifen das Vorhaben zunehmend als ihr Projekt: Sie tragen Verantwortung, bringen Wissen, Zeit und Herzblut ein und merken, dass sie aktiv die Entwicklung beeinflussen können.“ Die Stadt selbst übernehme in dem ganzen Prozess eine eher koordinierende Rolle, wobei sich das Zusammenspiel aus professioneller Planung, kommunaler Unterstützung und echter Bürgerschaftsbeteiligung sehr bewährt habe. Aktuell befindet man sich bei der Konzeption des Treibhaus-Projekts am Ende der Rahmenplanung, danach soll die Bauleitplanung beginnen, ab 2027 sind die Erschließung und Renaturierung und ab 2028 der Bau selbst geplant. Aus Sicht von Richter wurde der wichtigste Punkt aber bereits erreicht - die Identifikation der Bürger vor Ort mit dem Areal: „Unser Ziel war es, dass jeder, der dort vorbei geht, das Gefühl haben soll, das hier etwas aus der Kraft der Bürger entsteht. Bei vielen Münnerstädtern ist das bereits der Fall“.

Fotocredits: Münnerstadt
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