Wohnprojekte
Ko-Dörfer: Anders als gewohnt
„Während in der Stadt oft Wohnungsnot herrscht, ist am Land die Vereinsamung ein Thema. Unser Ziel ist es, den Druck aus den Großstädten rauszunehmen und Leuten Perspektiven auf dem Land zu ermöglichen“, sagt Fischer. Ursprünglich sollten die KoDörfer keine Einfamilienhäuser mehr beinhalten, doch Fischer hat schnell gemerkt: „Der Traum vom Einfamilienhaus bleibt beliebt. Deshalb müssen wir diesen Traum neu denken und nicht mehr so flächenintensiv bauen, sondern nachhaltiger.“ Folglich gibt es zwar nach wie vor Einfamilienhäuser im KoDorf, diese sind aber deutlich kleiner als üblich und all jene Bereiche, die man laut Fischer nicht täglich zum Leben brauche - etwa ein Gästezimmer, ein Büro oder Räume für Essenseinladungen - wurden in ein Gemeinschaftshaus ausgelagert. Um diese Vision umzusetzen, wurde für die KoDörfer auf eine bereits bestehende Genossenschaft Bezug genommen, wobei Genossenschaftsmitglieder nutzungsbezogene Pflichtanteile erwerben. Das heißt: Die Bewohner kaufen keine Grundstücke, sondern Anteile an der Genossenschaft. Dies soll letztlich Spekulationen verhindern und die Mieten langfristig stabil halten.
Langer Weg zum ersten KoDorf in Wiesenburg
Auf der Suche nach einem passenden Ort ist Fischer in Wiesenburg fündig geworden. „Es braucht Bürgermeister, die Lust auf so etwas haben“, sagt Fischer. Bis heute sei die Unterstützung durch die Kommune stark. Es sei ein sehr mühsamer Prozess gewesen, Baurecht zu schaffen. Eigentümer, Genossenschaft und Kommune haben dazu einen städtebaulichen Vertrag geschlossen. Während der kräftezehrenden Umsetzungsphase hat Fischer gemerkt: „Die Kommune auf der Seite zu haben, ist extrem wichtig. Sie hat Fördermittel beantragt, uns sehr unterstützt und auch das Grundstück gehört formal der Gemeinde.“ Nach den Räumungsarbeiten stehen mittlerweile fast alle Häuser und der Innenausbau läuft aktuell. Danach sollen die ersten KoDörfler einziehen. Durch die Berichterstattung von KOMMUNAL hatten die Initiatoren den Standort für ihr erstes KoDorf gefunden.

Wir müssen den Traum vom Einfamilienhaus neu denken.“
Im niedersächsischen Hitzacker an der Elbe ist längst eine außergewöhnliche Wohnsiedlung entstanden. Die Idee dazu kam den Initiatoren in der Flüchtlingskrise 2015. „Damals wurde Raum für die Geflüchteten gesucht und statt Container aufzustellen, wollten wir Wohnungen bauen, die für ganz unterschiedliche Menschen attraktiv sind“, sagt Karoline Klose, Vorstand der Genossenschaft. Ein Drittel Geflüchtete, ein Drittel Familien, ein Drittel Ältere war damals der Plan für die Auslastung und auch die Ziele für den Bau selbst waren hoch. „Wir wollten beweisen, dass man günstig ökologisch bauen kann“, erzählt Klose, „zudem sollte ein sozialer Wohnungsbau gewährt sein.“ Nachdem es anfangs viel Gegenwind aus dem benachbarten Gewerbegebiet gab, konnte erst 2018 mit dem Bau begonnen werden. Das gelang auch dank der Kommune. „Die Kommunalpolitik und -verwaltung waren dem Projekt sehr zugewandt und haben uns auf dem schwierigen Weg sehr unterstützt, runde Tische organisiert und das Gespräch gesucht“, berichtet Klose.
12 Wohnhäuser in innovativem Wohngebiet
Heute stehen in Hitzacker-Dorf 12 Wohnhäuser mit Mehrparteien, die von 70 Erwachsenen und 30 Kindern bewohnt werden, davon etwa 20 Geflüchtete. Der Bau ist nachhaltig, die Warmmiete beträgt 8,30 Euro pro Quadratmeter. Außerdem gibt es ein Gemeinschaftshaus. Zentrale Themen werden in verschiedenen Arbeitsgruppen und einem regelmäßigen Plenum besprochen, in dem basisdemokratisch abgestimmt wird. „Man muss natürlich viele Kompromisse finden“, sagt Klose, aber die Durchmischung sei gelungen und es gebe viel mehr Unterstützung und Kontakt untereinander als in einer herkömmlichen Siedlung. Dabei bringe die heutige Wohnsiedlung auch einen deutlichen Mehrwert für die Kommune. „Hier leben 100 Menschen auf relativ wenig Raum, die Integration wurde gefördert und es sind mehr Bewohner und Fachkräfte in den Ort gekommen“, so Klose.

Wie kann gutes Wohnen im Alter gelingen und welche neuen Ansätze gibt es? Dieser Frage geht die Bundesvereinigung „Forum gemeinschaftliches Wohnen e.V.“ nach. Dabei geht es bei Weitem nicht nur um Barrierefreiheit und ein ausreichendes Pflegeangebot. „Letztlich geht es ganz elementar auch um die Bekämpfung der Einsamkeit. Eine lebendige Nachbarschaft ist hier extrem wichtig und je vielfältiger ein Quartier gestaltet ist, desto besser“, sagt Romy Reimer, die Geschäftsführerin des Forums. Die Vielfalt umfasst die Struktur der Bewohner eines Viertels ebenso wie die sozialen Angebote dort. „Es ist wichtig, genau zu schauen, welchen Bedarf es gibt und Synergien zu nutzen“, sagt Reimer. Eine große Bedeutung hätten Gemeinschaftsräume, in denen sich Menschen begegnen können. Zu empfehlen seien auch Angebote wie Mittagstische. Beispielhaft gelungen ist das im Wohnpark „allengerechtes Wohnen“ in Burgrieden. Gemeinsam mit der Bürgerstiftung Burgrieden und der Bauwohnberatung Karlsruhe hat die Gemeinde dort das Konzept eines Wohnparks für alle Generationen entwickelt, das "allen Bedürfnissen gerecht" werden soll.

Kommunen sollten nicht nur Großinvestoren unterstützen.“
Dr. Romy Reimer, Geschäftsführerin des Forums gemeinschaftliches Wohnen e.V.
In enger Zusammenarbeit mit der Bürgerschaft und dem Verein Lebensqualität Burgrieden e.V., ist schließlich ein lebendiger Wohnpark entstanden, in dem auch die zentrale Anlaufstelle "Kontakt & Rat" angesiedelt ist, die sich um die Netzwerkarbeit kümmert. Die kommunale Bedeutung ist nach Reimers Erfahrung enorm, wenn es darum geht, dass derartige Projekte verwirklicht werden. „Auch wenn es vielleicht erstmal einfacher erscheint, dass ein Großinvestor alles hinstellt, ist es wichtig, als Kommune genau hinzuschauen. Gerade kleinere Initiativen erfordern zwar erstmal mehr Engagement, aber das Ergebnis ist oft viel besser“, lautet ihr Rat. Was auf dem Weg dorthin helfe: die bürokratischen Hürden so gering wie möglich zu halten, möglichst alle Akteure bei runden Tischen zusammenzuholen und die Engagierten so gut es geht zu unterstützen. Denn: „Das A und O ist das Engagement der Bürger. Wenn ich als Kommune Bürger habe, die aktiv sind, ist das gesamte Klima im Ort ein ganz anderes.“
I


