Die essbare Stadt
Pflücken erlaubt - Lebensqualität, die man schmeckt
Essbare Stadt als ganz neuer Ansatz
Die Idee hinter dem Motto der „Essbaren Stadt“ ist ebenso schlicht wie wirkungsvoll: Dort, wo vorher eine ungenutzte Grünfläche brach lag oder sogar grauer Asphalt das Bild bestimmte, werden Beete, Blumenwiesen oder Obstgärten angelegt, die von allen Bürgern jederzeit genutzt und deren Früchte geerntet werden dürfen. Dadurch soll das Bewusstsein für gesunde und regionale Ernährung direkt vor der Haustür geschärft werden, können Begegnungsräume entstehen und fungieren die Grünflächen nicht zuletzt als natürliche Klimaanlagen, die das Stadtklima abkühlen und die Luftqualität verbessern.
„Pflücken erlaubt“ in Andernach
In Andernach, einer Stadt mit rund 30.000 Einwohnern in der nördlichen Rheinland-Pfalz, ist das Konzept der „Essbaren Stadt“ bereits seit Langem Teil der kommunalen Identität. Insgesamt 1,5 Hektar Gesamtfläche an Beeten sind in Andernach mittlerweile in der Innenstadt und den Stadtteilen entstanden, wobei sich 3000 Quadratmeter davon alleine im Stadtgraben verteilen. Das, was heute selbstverständlich erscheint, hat sich schrittweise entwickelt
. Ausgehend von einer Initiative 2007, in deren Rahmen eine Permakulturfläche im Stadtteil Eich entwickelt wurde, entstand damals die Idee, weitere Flächen aufzuwerten. „Wir wollen die ungenutzten Grünflächen in der Kommune attraktiver gestalten“, erzählt Jonas Gesell, der Sachgebietsleiter für Umwelt und Nachhaltigkeit in Andernach, schließlich seien damals etliche Flächen brach gelegen und hätten diese kaum ökologischen Nutzwert gehabt. Als schließlich 2010 das Jahr der Biodiversität ausgerufen wurde, war das ein weiterer Anlass für die Neugestaltung von Flächen in der Stadt und wurden in einem ersten großen Schritt Beete im Schlossgarten angelegt.

Kontinuierliche Weiterentwicklung
Seither wurden die Nutzflächen in Andernach laut Gesell kontinuierlich erweitert. „Es gibt mittlerweile sehr viele Flächen im Altstadtbereich und in den Stadtteilen, auf denen geerntet werden kann“, sagt Gesell. Dabei würden dort Obst und Gemüse ebenso angebaut wie verschiedene Kräuter und Chilisorten, zudem bevölkern auf manchen Flächen Hühner, Schafe und Bienen das Areal. Ergänzend zu den offenen Bereichen wurden außerdem verschiedene Schulgärten angelegt und ein Dachgarten geschaffen. „Die Essbare Stadt bedient ganz verschiedene Aspekte“, sagt Gesell. So würden die Nachhaltigkeit, die Biodiversität und die Anpassung an den Klimawandel ebenso von Bedeutung sein wie die soziale Teilhabe und die Schaffung von niedrigschwelligen Begegnungsräumen und kommunaler Identität.
Bürger tragen keine Verantwortung
Die Anlegung und Pflege der Beete werden in Andernach von der durch die Stadt beauftragten Perspektive gGmbH übernommen. Dabei handelt es sich um eine gemeinnützige Gesellschaft für berufsbezogene Bildung, Qualifizierung und Integration, bei der die Stadt Andernach einer von drei Gesellschaftern ist. „Die Essbare Stadt ist ein klares Top-Down-Projekt“, sagt Gesell, und die komplette Organisation und Umsetzung erfolge durch die Verwaltung und die Stadt. „Die Bürger sind natürlich eingeladen mitzuhelfen, aber tragen erst einmal keine Verantwortung“, betont Gesell. Ergänzend zur städtischen Pflege gibt es Partnerschaften mit Vereinen und Ehrenamtlichen vor Ort, Ernten und die Natur genießen aber dürfen und sollen alle Bürger, ohne dafür selbst etwas einbringen zu müssen. Damit einhergehen laut Gesell in manchen Fällen kleinere Probleme, etwa, dass zu früh abgeerntet werde oder zu viel. In der Gesamtbetrachtung würden diese allerdings kaum ins Gewicht fallen. „Der Nutzen überwiegt eindeutig und die meisten Bürger haben ein starkes Bewusstsein entwickelt für den Wert dieser Flächen“, so Gesell.
Besonderes Angebot prägt die Identität
Waren die Meinungen zur Essbaren Stadt in Andernach anfangs noch durchwachsen, hat sich das Konzept mittlerweile laut Gesell längst etabliert und ist es zu einem wichtigen Aushängeschild der Stadt und elementarem Teil der Identität geworden. „Die Beete werden sehr gut angenommen und die Menschen sind stolz darauf. Die grünen Flächen in der Stadt sind zu Begegnungsorten geworden, bei denen man zusammenkommt, gemeinsam erntet und die Natur genießt“, so der Sachgebietsleiter. Darüber hinaus würden auch Touristen die Essbare Stadt schätzen und gäbe es längst verschiedene spezielle Führungen, in denen die verschiedenen Flächen und Beete abgegangen werden und neben den Pflanzen auch die Grünflächen mit den Insektenhotels, Bänken, Infotafeln und Eidechsenhabitaten bewundert.
So gelingt die „Essbare Stadt“
Durch die jahrelange Erfahrung hat man in Andernach gemerkt, worauf es bei der Umsetzung einer „Essbaren Stadt“ ankommt. Dabei sind laut Gesell die wichtigsten Erkenntnisse:
- Der politische Rückhalt und Willen in der Stadtverwaltung sind essenziell. Nur, wenn die leitenden Gremien dahinter stehen, kann das Projekt langfristig Erfolg haben.
- Partnern vor Ort einzubeziehen, bewährt sich. So gibt es in Andernach Kooperationen mit den Schulen und Kitas ebenso wie mit dem Einzelhandel, der Gastronomie und dem Tourismus.
- Es braucht ein fest eingeplantes Budget und klare Zuständigkeiten. In Andernach sind die finanziellen Mittel für die Bewirtschaftung der Beete fester Bestandteil des kommunalen Haushalts. Die Betreuung liegt ausschließlich bei der gemeinnützigen Perspektive GmbH, mit der die Stadt in enger Abstimmung steht.
Weitere Infos zur Essbaren Stadt in Andernach gibt es hier
