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grünes Dach
Das grüne Dach auf dem Müritzeum in Waren - ein gelungenes Beispiel dafür, was Kommunen für mehr Biodiversität tun können.
© Müritzeum

Biodiversität

Was auf einem Gründach wirklich passiert

von Dorothea Walchshäusl
Reporterin | KOMMUNAL
14. April 2026
Was können Kommunen ganz konkret für mehr Biodiversität tun – jenseits von Strategien und guten Vorsätzen? Ein Blick nach Waren (Müritz) zeigt: Manchmal reicht ein Dach, um ein ganzes Ökosystem entstehen zu lassen. Auf dem Müritzeum hat sich über Jahre hinweg ein überraschend lebendiger Naturraum entwickelt – mit Insekten, Fledermäusen und sogar Füchse. Die Entwicklung wurde von Anfang an genau beobachtet und dokumentiert. Dabei sind Erkenntnisse entstanden, die für viele Städte und Gemeinden relevant sein dürften – gerade dort, wo Flächen knapp und versiegelt sind.

Wie Biodiversität ganz konkret und lebendig aussehen kann, ist in der Stadt Waren zu erleben. Unter dem Titel „Lebensraum grünes Dach -Forschung, Bildung und Schutz der Biodiversität in der Stadt“ wurde dort auf dem Dach des Natur-Erlebnis-Zentrums Müritzeum ein außergewöhnliches Projekt durchgeführt, das deutlich vor Augen führt, wie die Begrünung von Dächern zu mehr Biodiversität beitragen kann. „Mit dem Projekt möchten wir zeigen, dass begrünte Dächer voller Leben stecken und für verschiedene Tierarten einen Lebensraum bieten. Besonders in versiegelten Räumen sind begrünte Dächer, auch wenn sie künstlich angelegt sind, oftmals grüne Inseln und bieten verschiedenen Tierarten Nahrungsgrundlagen oder Brutplätze“, sagt Birte Schadlowski, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Müritzeum arbeitet. Mit der Zeit würde sich auf derartigen Dächern dabei eine eigene Dynamik entwickeln, die ebenso von klimatischen Faktoren wie vom Zusammenspiel der Arten abhänge.

grünes Dach
Blick auf das grüne Dach des Natur-Erlebnis-Zentrums

Beeindruckendes Biotop auf dem Dach

Das grüne Dach befindet sich auf dem Hauptgebäude des Müritzeums und erstreckt sich über mehrere Ebenen. Nachdem das Gebäude 2007 fertig gestellt worden war, wurde auf dem Dach eine Saat- und Sprossenmischung verteilt, wobei die derart begrünte Fläche nicht gepflegt wird und die dort vorkommenden Pflanzenarten extremen Witterungen standhalten müssen. Mittlerweile ist dort ein beeindruckendes Biotop entstanden. „Im Laufe der Jahre entwickelte sich eine dauerhafte, extensive Begrünung, die zahlreichen Tierarten wie zum Beispiel Insekten und Lachmöwen einen Lebensraum bietet“, sagt Schadlowski.

Müritzeum
Das Müritzeum in Waren 

Aus der ursprünglichen Saatmischung mit 78 ausgebrachten Arten wurden nach Ende der dreijährigen Projektlaufzeit 38 Prozent der Arten nachgewiesen, außerdem konnten zahlreiche Arten auf den Dachflächen erfasst werden, die durch einen Spontaneintrag auf das Dach gekommen sind. Die Pflanzen auf dem Dach bieten wiederum eine Nahrungsgrundlage für viele Insekten, die ebenfalls wieder Nahrung für andere Tiere, wie Lachmöwen und Fledermäuse, darstellen.

Lachmöwen
Lachmöwen-Küken auf dem begrünten Dach

Vom Landkreis getragen

Beim Müritzeum handelt es sich um eine öffentliche Einrichtung, wobei sich der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte als Eigentümer und Gesellschafter seinerzeit beim Bau des Gebäudes bewusst für ein begrüntes Dach entschieden hat. Initiiert vom Geschäftsführer des Natur-Erlebnis-Zentrums Dr. Mathias Küster waren bei der Umsetzung des Projekts verschiedene Partner beteiligt, darunter der Entomologische Verein Mecklenburg e. V., die Fachgruppe Ornithologie „Karl Bartels“ des NABU-Regionalverbandes Müritz, die Fachgruppe Botanik „Carl Struck“ des NABU-Regionalverbandes Müritz und der Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide. Gefördert wurde das Ganze über drei Jahre hinweg durch die Norddeutsche Stiftung für Umwelt und Entwicklung (NUE).

Grünes Dach: Entwicklung dokumentiert 

Die Entwicklung des grünen Dachs wurde von Beginn an genau dokumentiert. Dabei lag der Fokus anfangs auf der Erfassung der Pflanzenarten, die mit den 2007 ausgebrachten Arten aus der Saatmischung verglichen wurden, und der Erfassung nachtaktiver Schmetterlinge mithilfe von Lichtfallen. Im Verlauf des Projektes sind laut Schadlowski dann weitere ehrenamtliche Projektpartner hinzugekommen, die u. a. Heuschrecken, Wanzen, Zikaden, Eintagsfliegen, Großflügler und Köcherfliegen erfasst haben. „Mit einem Batcorder wurden zudem akustisch Fledermäuse und mit einer Wildkamera visuell verschiedene Säugetiere wie der Waschbär, Fuchs, Steinmarder, die Wanderratte oder die Brandmaus auf dem Dach aufgenommen. Die Anzahl der Lachmöwen-Brutpaare auf dem Dach und auf der Brutinsel des an das Museumsgebäude angrenzenden Herrensees wurde ebenfalls dokumentiert“, so die Mitarbeiterin.

Fuchs
Auch Füchse wurden via einer Wildkamera dokumentiert

Begrünung lohnt sich

Nach den bisherigen Erfahrungen in Waren kann Schadlowski anderen Kommunen nur empfehlen, über die Begrünung von Dächern nachzudenken. „Als künstlich angelegtes Ökosystem leistet das grüne Dach bei uns einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität in der Stadt. Die Kleinstadt Waren liegt zwar direkt an der Müritz und unweit des Müritz-Nationalparks, aber weist trotz dieser naturnahen Lage zahlreiche versiegelte Flächen auf“, so Schadlowski.

Umso wichtiger sei das grüne Dach für die Region. Was die Übertragung auf andere Orte betrifft, betont sie, dass es in jedem Fall eine gute Beratung für eine geeignete Dachbegrünung brauche, denn: „Dachbegrünung ist nicht gleich Dachbegrünung, da sie individuell an die vorhandenen Dachstrukturen angepasst werden muss“, sagt die Mitarbeiterin. Sollte der finanzielle oder logistische Rahmen dabei kein Großprojekt wie in Waren ermöglichen, könnten auch kleinere Projekte sehr lohnend sein, wie die Begrünung von Carports oder Schuppen. Schließlich hätten begrünte Dächer neben ihrer Funktion als Lebensraum noch weitere nützliche Eigenschaften, wie zum Beispiel einen Lärm- und Schallschutz, Bindung von Feinstaub, Hitzeabschirmung im Sommer, eine Wärmedämmung im Winter sowie eine Speicherung von Regenwasser. „Und auch optisch sind begrünte Dächer natürlich ein Hingucker und in jedem Fall artenfreundlicher als ein Steingarten oder die unbegrünte Dachpappe“, betont Schadlowski.

Biodiversität: Umfrage in Kommunen

Die Vielfalt unserer Ökosysteme ist eine wesentliche Voraussetzung für ein gesundes Leben in den Kommunen. Gerade angesichts des Klimawandels und zunehmender Extremwetter-Ereignisse ist Biodiversität bei Weitem kein "Luxus", sondern zentrale Lebensgrundlage. Immer mehr Kommunen investieren deshalb gezielt in Biodiversität in ihrer Region. Das belegt auch eine Befragung des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) im Auftrag von KfW Research. Für die Befragung wurden im September und Oktober 2025 mehr als 1.000 Kommunen mit mehr als 2.000 Einwohnern befragt, wovon sich 289 Städte, Gemeinden und Kreise beteiligt haben. Damit sind die Ergebnisse zwar nicht repräsentativ, aber vermitteln dennoch einen belastbaren Eindruck der Situation vor Ort.

Kommunen investieren mehr in Biodiversität

15 Prozent der Kommunen gaben dabei an, dass sie bereits eine Biodiversitätsstrategie einsetzen, weitere 18 Prozent erklärten, die Einführung einer solchen Strategie zu planen. Insgesamt 57 Prozent der Kommunen erklärten zudem, dass ihre Ausgaben in dem Bereich in den vergangenen Jahren gestiegen sind, wobei mehr als die Hälfte damit rechnet, dass in den kommenden Jahren noch mehr für Biodiversitätsmaßnahmen ausgeben werden wird.

Verschiedene Maßnahmen zum Erhalt der Biodiversität

Um die Biodiversität zu erhalten und zu unterstützen, gibt es in den Kommunen verschiedene Ansätze. 85 Prozent der an der Befragung teilnehmenden Kommunen gaben an, dass sie bei der Baumpflanzung oder Baumpflege im Straßenraum aktiv sind, 81 Prozent engagieren sich im biodiversitätsfördernden Grünflächenmanagement. Das bedeutet konkret, dass dort beispielsweise Wiesen mit heimischen Blühpflanzen anstatt mit Rasen bepflanzt werden, nur schonend gemäht oder auf Herbizide verzichtet wird. 58 Prozent der Kommunen haben in den vergangenen fünf Jahren außerdem in die Renaturierung oder die Neuanlage von Gewässern investiert und jeweils 56 Prozent in Sickerflächen in bebauten Gebieten oder in den natürlichen Hochwasserschutz.

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Fotocredits: Müritzeum
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