Die Zeit eilt
Heizungsgesetz: Regierung streitet wie die Kesselflicker – zahlen kleine Kommunen am Ende die Zeche?
Die Koalition aus Union und SPD hatte im Koalitionsvertrag eigentlich versprochen, das Gesetz wieder zurückzudrehen. Doch jetzt bremst die SPD massiv. Trotz Vereinbarung stemmt sie sich gegen größere Änderungen. Ergebnis: Stillstand, Streit, Unsicherheit.
Dieses politische Hickhack trifft längst nicht nur Hauseigentümer. Es trifft vor allem Kommunen und kommunale Dienstleister, die planen sollen – ohne zu wissen, welche Regeln morgen gelten. Besonders betroffen: kleine Städte und Gemeinden unter 100.000 Einwohnern. Denn dort ist die Lage komplizierter, teurer – und politisch gefährlicher.
Kleine Kommunen könnten die Leidtragenden sein – obwohl sie erst bis 2028 eine Wärmeplanung vorlegen müssen
Im Zentrum des Streits stehen das Gebäudeenergiegesetz und die kommunale Wärmeplanung. Kommunen sollen festlegen, wie künftig geheizt wird: Wärmenetze, Wasserstoff, Hybridlösungen – möglichst klimaneutral, möglichst schnell.
Für Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern greift die 65-Prozent-Regel bereits ab Juli 2026, für kleinere Kommunen offiziell erst ab 2028. Allerdings nur dann, wenn sie bis dahin keinen eigenen Wärmeplan vorlegen. Wer früher plant, rutscht auch früher in die Pflicht.
Das ist die Theorie aus Berlin. Die Praxis vor Ort sieht anders aus.
Denn während Politiker noch diskutieren, müssen Kommunen bereits handeln. Sie müssen investieren, planen, informieren – und dabei hoffen, dass das Gesetz nicht schon wieder geändert wird. Für viele kleinere Städte ist das ein riskantes Spiel mit offenem Ausgang.
Kleine Kommunen im Fokus: Planen trotz Unsicherheit
Für kleine und mittlere Kommunen heißt das: Abwarten ist keine Option. Zwar gelten längere Fristen, doch die Realität zieht längst vorbei. Hauseigentümer entscheiden heute, ob sie noch einmal in eine Gasheizung investieren oder auf Wärmepumpe, Hybridtechnik oder andere Lösungen setzen.
Der Druck steigt – nicht zuletzt, weil fossile Energie teuer bleibt und Förderprogramme den Umstieg attraktiv machen sollen. Doch genau hier beginnt das Problem: Was heute gefördert wird, kann morgen politisch wieder kassiert werden.
Kommunen stehen damit vor einer doppelten Aufgabe:
- Sie müssen eine verbindliche Wärmeplanung auf den Weg bringen.
- Und sie müssen Stadtwerke und Versorger auf einen tiefgreifenden Umbau vorbereiten.
Das ist keine Planspiel-Übung. Es geht um Millioneninvestitionen, um Netze, um Personal – und um die Frage, wer das alles am Ende bezahlt. Denn klar ist: Billiger wird es für die Bürger kaum.
Wärmeplanung: Kein Papier, sondern Fahrplan
Die kommunale Wärmeplanung ist das Herzstück der ganzen Reform. Sie entscheidet darüber,
- wo künftig Wärmenetze entstehen,
- wo Einzelheizungen bleiben,
- wo Hybrid- oder Wasserstofflösungen denkbar sind.
Für kleinere Kommunen heißt das konkret:
- Wärmebedarf analysieren: Wer heizt womit? Welche Gebäude sind sanierungsbedürftig?
- Netzplanung betreiben: Gibt es Fern- oder Nahwärme? Lohnt ein Ausbau überhaupt?
- Technologie-Mix festlegen: Wärmepumpe, Biomasse, Solarthermie – oder doch Gas auf Zeit?
- Regionale Kooperationen eingehen: Alleine stemmen das viele Kommunen weder finanziell noch personell.
Brisant: Liegt ein Wärmeplan frühzeitig vor, zieht die 65-Prozent-Regel früher. Wer plant, verpflichtet sich. Wer wartet, gewinnt Zeit – riskiert aber Chaos.
Und wo bleibt das Gas?
Ein häufiges Argument lautet: Wenn Großstädte aus dem Gas aussteigen, werden die Dörfer gleich mit abgeschnitten. So einfach ist es technisch nicht. Deutschlands Gasversorgung besteht aus einem Fernleitungsnetz und regionalen Verteilnetzen.
Ein Ausstieg der Großstadt bedeutet nicht automatisch, dass auf dem Land das Licht – oder besser: die Heizung – ausgeht. Aber: Es wird teurer.
Denn wenn immer weniger Haushalte Gas nutzen, müssen immer weniger Kunden die gleichen Netzkosten tragen. Leitungen, Wartung, Sicherheit – all das bleibt. Die Folge: steigende Netzentgelte. Und die treffen am Ende genau jene, die gar keine schnelle Alternative haben.
Der Umbau des Gasnetzes – Stilllegung, Umrüstung, Einbindung in Wärmenetze – ist technisch machbar. Finanziell ist er eine offene Rechnung.
Herausforderungen für kommunale Dienstleister
Für Stadtwerke und kommunale Versorger bedeutet das Heizungsgesetz einen tiefen Einschnitt:
1) Investitionsdruck
Netze müssen umgebaut, neue Wärmelösungen aufgebaut werden – oft ohne zu wissen, ob sich die Investition rechnet.
2) Steigende Netzentgelte
Weniger Gasnutzer, gleiche Fixkosten – das treibt die Preise. Für Bürger und Betriebe wird Heizen damit nicht grüner, sondern vor allem teurer.
3) Fehlende Fachkompetenz
Viele kleine Verwaltungen sind mit Wärmeplanung überfordert. Externe Gutachten kosten Geld, Personal fehlt.
4) Kommunikation unter Hochspannung
Bürger wollen wissen: Was kostet mich das? Was muss ich tun? Wann wird es ernst? Klare Antworten gibt es oft nicht – und das schafft Misstrauen.
Was jetzt passieren muss
Damit die Wärmewende nicht zur Kostenfalle wird, müssen kleine Kommunen jetzt handeln:
- Wärmeplanung ernst nehmen
Nicht aussitzen, sondern strategisch angehen – sonst drohen teure Fehlentscheidungen. - Regionale Zusammenarbeit suchen
Alleine wird es für viele Kommunen unbezahlbar. - Netzstrukturen offen prüfen
Gas, Wärme, Hybrid – was ist realistisch und bezahlbar? - Finanzierung klären
Fördermittel nutzen, aber ehrlich rechnen. Am Ende zahlt sonst der Bürger. - Offen kommunizieren
Keine Beschwichtigungen. Wer Klartext redet, behält Vertrauen.
Wärmewende wird zur lokalen Kraftprobe
In Berlin wird gestritten, vertagt und taktiert. In den Kommunen muss entschieden werden. Für kleine Städte und Gemeinden wird die Wärmewende zur echten Kraftprobe – finanziell, organisatorisch und politisch.
Scheitert die Planung, verlieren nicht Ministerien. Sondern Bürger, Stadtwerke und lokale Betriebe. Und je länger der politische Streit anhält, desto teurer wird es am Ende für alle.

