Energiewende Windräder, Solaranlage
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Analyse

Raus aus der Hormus-Falle: Energie wird kommunal

Trump, Putin und fossile Krisen zeigen: Die Zukunft liegt nicht in langen Lieferketten an der Straße von Hormus, sondern vor Ort – in Netzen, Speichern und Kommunen, meint Zukunftsforscher Daniel Dettling.

Zukunft verläuft oft nicht linear, sondern disruptiv. Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Wie beim Kampf der Fossilpopulisten gegen den Klimawandel. Die aktuellen Kriege lassen sich auch als Energiekonflikte lesen. In der Ukraine und im Nahen Osten geht es vor allem um Zugang zu Energie, Rohstoffen und Handelswegen. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran ist auch unser (Energie-)Krieg. Die Lage sei schlimmer als die Ölkrise 1973 und die Energiekrise 2022 zusammen, so die EU-Kommission. Noch vor vier Jahren bezeichnete der deutsche Finanzminister Christian Lindner erneuerbare Energien als „Freiheitsenergien“, da sie Deutschland unabhängiger von Rohstoffimporten machen und die Versorgung sichern. Klimaschutz, Sicherheitspolitik und der Ausbau der erneuerbaren Energie gehörten für den damaligen FDP-Vorsitzenden in der Ampel-Regierung untrennbar zusammen.

Energiepolitischer Stillstand in Deutschland

Vier Jahre und eine Koalition später leistet sich Deutschland einen energiepolitischen Stillstand. Aus Angst vor der Wut der Wähler bezuschusst die Koalition aus Union und SPD für zwei Monate die Preise an deutschen Tankstellen. Dabei ist allen klar, dass fossile Brennstoffe nicht nur wegen anhaltender geopolitischer Konflikte, sondern auch wegen der steigenden CO₂-Kosten teurer werden. Investitionen in grüne Technologien sind längst Investitionen in unsere sicherheitspolitische und ökonomische Resilienz.

Aus der Risikoforschung kennen wir den Begriff „Schwarzer Schwan“. Geprägt hat ihn der US-amerikanische Bestsellerautor Nassim Nicholas Taleb. Gemeint sind äußerst seltene, unvorhersehbare Ereignisse, welche die Menschheit völlig überraschend und mit negativen Folgen treffen. Beispiele sind die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts und „9/11“, der Aufstieg des islamischen Fundamentalismus. Der Klimawandel ist kein Schwarzer Schwan.

Der Ökonom und Erfinder der Tripple Bottom Line, John Elkington, nennt Ereignisse, die zwar selten sind, jedoch einen exponentiellen Fortschritt in Form von wirtschaftlichem, sozialem und ökologischem Wohlstand erzeugen können, „Grüne Schwäne“. Sie sind die Booster eines grünen und sozial integrativen neuen Wohlstandsmodells. In den großen Städten sorgen unterirdische Wasserkühlsysteme für saubere und kühle Luft für Gebäude. Zum neuen Standard werden Aktivhäuser, die mehr Energie produzieren als sie verbrauchen. Die Bürgerinnen und Bürger sind längst weiter und setzen auf den Umstieg bei Wärme und Mobilität. Bei Wärmepumpen verzeichnen die Hersteller seit Jahresbeginn einen Rekordwert (plus 55Prozent). Die bundesweit fünf Millionen Solaranlagen produzieren viel mehr Strom als nötig, weil Batteriespeicher und Netzausbau nicht hinterher kommen.  

China ist Marktführer beim Ausbau der Erneuerbaren

Global ist die ökologische Transformation längst im Gang, die Nachfrage nach grüner Infrastruktur steigt exponentiell, auch dank des Fossilpopulismus. Marktführer für saubere Technologien sind heute China und Brasilien. China hat im letzten Jahr mehr Strom aus erneuerbaren denn aus fossilen Quellen erzeugt. Zwei Drittel der weltweit im Bau befindlichen Solar- und Windanlagen stammen von dort, das Land investiert am meisten in die Energiewende. Auf Platz zwei folgt Brasilien. Das Partnerland der diesjährigen Hannover-Messe, setzt auf Energiesouveränität und alternative Biokraftstoffe, während der US-Präsident Umweltschützer als Terroristen und den Klimawandel als chinesische Verschwörung bezeichnet.

Wer gegen Windräder und Solaranlagen kämpft und den Ausbau der Netze und Batteriespeicher ausbremst, handelt ökonomisch und sicherheitspolitisch gefährlich. Dabei hat Deutschland alle Chancen mit Europa vorne mitzuspielen, wenn es um die Energien der Zukunft geht. Nach China ist Deutschland der zweitgrößte Anbieter von Elektroautos. Der Kulturkampf um das Heizungsgesetz hat viel Vertrauen in die Energiewende verspielt und kostbare Zeit vergeudet. Nicht nur global, auch im eigenen Land werden Konflikte und Wahlen in der Energiepolitik entschieden. In Baden-Württemberg war die Solarförderung bei der Landtagswahl im März zentrales Thema und hat die CDU entscheidende Stimmen gekostet.

Der Kulturkampf um das Heizungsgesetz hat viel Vertrauen in die Energiewende verspielt und kostbare Zeit vergeudet."

Daniel Dettling, Zukunftsforscher

In Zukunft brauchen wir mehr Strom und Energie. Die Nachfrage wird sich durch den Markt für Rechenzentren und Künstliche Intelligenz innerhalb von fünf Jahren verdoppeln. Auch weltweit steigt der Stromverbrauch. Das Wachstum wurde vollständige durch erneuerbare Energien gedeckt, die CO₂-Emissionen gehen zurück. Derzeit wächst allein die solare Stromerzeugung um 20 Prozent im Jahr, Erneuerbare Energien mit einer Verdopplungszeit von etwa drei Jahren exponentiell. So kann die globale Solar-Kapazität Mitte der 2030er Jahre, also in zehn Jahren, den weltweiten Strombedarf decken.

Die drei D der Energiepolitik: Dekarbonisierung, Digitalisierung und Diversifikation

Und Deutschland? Die drittstärkste Volkswirtschaft sollte auf den schnelleren Ausbau der Erneuerbaren, der Netze und Speicher setzen. Nicht langen Lieferketten bis an die Straße von Hormus, sondern lokal produzierten, kommunal getragenen und von den Bürgern akzeptierten Energieformen gehört die Zukunft. Europäische Energieautarkie und ein europäischer Energiemarkt sind möglich. Trump, Putin und fossile Terrorstaaten wie der Iran werden die Energiewende vor unserer Haustür und in unseren Heizungskellern beschleunigen.

Die kommunale Energiewende, der lokale Umbau der Energieversorgung auf erneuerbare Energien, wird zum Treiber und bietet enorme Chancen zur regionalen Wertschöpfung. Sie auf Bundesebene abzuwürgen, kostet Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum und Zukunft. Die Antwort auf alten globalen Fossilismus ist eine regionale Energiepolitik: Dekarbonisierung, Digitalisierung und Diversifikation sind die drei „D“, die Risiken minimieren und Resilienz aufbauen. Demokratien gelingt dieser Wandel besser als autoritären Fossilsystemen.