Bürgerbahnhof in Sulzfeld

Stadtentwicklung

Bürgerbahnhof Sulzfeld: Vom Schandfleck zum Vorzeigeprojekt

Jahrelang verfiel das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude im Weinort Sulzfeld. Planungen von Investoren gingen über die Millionengrenze hinaus und ließen sich nicht umsetzen –die Gemeindekasse war angespannt. Statt das Gebäude weiter dem Verfall zu überlassen, packten die Bürgerinnen und Bürger selbst an. Da die Mittel der öffentlichen Hand nicht ausreichten, gründeten sie eine Genossenschaft, die den Bahnhof in Eigenregie sanieren und beleben sollte.

Die Gemeinde erwarb das Gebäude und überließ es der Genossenschaft in Erbpacht. Die die Sanierung mit 344.000 Euro Eigenkapital und Fördermitteln in Höhe von 290.000 Euro umsetzte. Mit viel ehrenamtlicher Eigenleistung – ein Team von rund 40 Helfer:innen und regionale Handwerksbetriebe packten mit an – entstand in gut zwei Jahren Bauzeit aus der Ruine ein Schmuckstück

Rund 15 Jahre nach der Sanierung haben wir mit dem heutigen Bürgermeister der Gemeinde über das Projekt gesprochen: darüber, was den Erfolg ausmacht, wie sich der Bahnhof seither entwickelt hat – und warum er die Verwaltung heute praktisch keine Arbeit mehr kostet.

Wie alles begann – die Bürgerinitiative

KOMMUNAL: Herr Bürgermeister, was war der Auslöser für das Bürgerbahnhof-Projekt in Sulzfeld?

Simon Bolg: Die Betreibergesellschaft hatte den Bahnhof damals aufgegeben. Das Gebäude war sich selbst überlassen und ist verfallen. Darauf folgen dann, wie man das kennt, Probleme mit Vandalismus. Das war vielen hier in Sulzfeld ein Dorn im Auge. Wir sind ein touristisch geprägter Weinort und viele Menschen kommen mit der S-Bahn her, so dass sie das Bahnhofsgebäude als erstes bei ihrer Ankunft sehen. Diesen Schandfleck wollte man so nicht länger akzeptieren. Und deshalb gründete sich die Bürgerinitiative, die sich im weiteren Verlauf in eine Genossenschaft entwickelt hat.

Bei Ihnen kam erst die Bürgerinitiative, dann erwarb die Gemeinde das Gebäude, dann gründete sich aus der Initiative die Genossenschaft. War der Schlüssel zum Erfolg, dass die Initiative von den Bürgern ausging?

Das Projekt konnte in der Form nur funktionieren, weil sich damals so viele Bürger für den Bahnhof engagiert haben. Wenn wir das als Kommune vorgegeben hätten, hätte es nie die gleiche Resonanz gegeben.

Das Genossenschaftsmodell als Erfolgsfaktor

Sulzfeld hat den Weg über eine Bürgergenossenschaft gewählt. Was macht aus Ihrer Sicht das Genossenschaftsmodell attraktiv?

Das Genossenschaftsmodell war genau die richtige Wahl. Alle Bürgerinnen und Bürger konnten Teil werden und auch heute können neue Genossen hinzukommen, wenn Anteile frei werden. Die Bürger besitzen also wirklich Anteile am Bahnhof und so wird es auch gelebt. Man spricht von „UNSEREM Bürgerbahnhof".

Das Engagement aus der Bürgerschaft war sehr groß. Ist das in Sulzfeld generell so, oder lag dieser Bahnhof den Bürgern besonders am Herzen?

Man kann schon sagen, dass der Bürgerbahnhof den Menschen hier am Herz liegt. Aber das bürgerschaftliche Engagement in Sulzfeld ist generell sehr hoch. Vor 26 Jahren haben Sulzfelderinnen und Sulzfelder auch das katholische Gemeindehaus komplett in ehrenamtlicher Arbeit errichtet. Wir haben außerdem ein lebendiges Vereinsleben mit vielen verschiedenen Festen im Jahr, die wir als Gemeinde so gar nicht stemmen könnten. Und wir greifen auch selbst in bestimmten Fällen auf die Hilfsbereitschaft der aktiven Bürger und Vereine zurück. Etwa beim Partnerschaftstreffen mit unserer bayerischen, französischen und polnischen Partnerkommune. Die Feierlichkeiten konnten wir auch nur mithilfe des ehrenamtlichen Engagements umsetzen.

Der Bürgerbahnhof heute – Nutzung und Alltag

Wie sieht das Ergebnis heute aus? Was wurde aus dem verfallenen Gebäude?

Die Sanierung des Bahnhofs liegt jetzt gut 15 Jahre zurück. Man hat da einen sehr schönen Ort mit hoher Aufenthaltsqualität geschaffen. Die Räumlichkeiten sind klimatisiert, was gerade heutzutage viel wert ist. Und der Bahnhof ist barrierefrei gestaltet, was sehr geschätzt wird.

Welche Teile im Nutzungsmix funktionieren am besten?

Es gibt einen Veranstaltungssaal, den man mieten kann, einen Tagungsraum in dem VHS-Kurse stattfinden, verschiedene Firmen Schulungen wie Erste-Hilfe-Kurse für ihre Mitarbeitenden anbieten und Büroräume im Obergeschoss, die ebenfalls gut gebucht sind.

Wie sieht es im Alltag rund um den Bahnhof aus? Ist er belebt?

Die Resonanz für den Bahnhof ist überwältigend. Im Bahnhof ist jedes Wochenende was los. Teilweise haben wir Freitag, Samstag und Sonntag Veranstaltungen dort.

Weiterentwicklung und Verwaltungsaufwand

Entwickelt sich der Bürgerbahnhof noch weiter, oder ist das Projekt abgeschlossen?

Trotzdem entwickelt sich der Bürgerbahnhof natürlich weiter. Ich habe zuletzt zum Beispiel initiiert, dass die Veranstaltungsräume im Bahnhof als Trauort gewidmet werden. Dadurch kann man sich dort jetzt standesamtlich trauen lassen und direkt auch Sektempfang oder die ganze Feier dort stattfinden lassen.

Hat die Kommune die Förderung beantragt, oder lief das über die Bürgerinitiative? Und war der Bahnhof Teil Ihrer Ortskernpolitik?

Wir haben damals ein Sanierungsgebiet in unserem Ortskernkonzept ausgewiesen. Hier war damals auch der Bahnhof eingeschlossen, damit wir für diesen Fördermittel anwerben konnten. Heute ist er nicht mehr im Konzept enthalten. Dafür andere Teile der Kommune für deren Sanierung wir Fördermittel benötigen.

Wie viel Aufwand bedeutet der Bahnhof heute für Ihre Verwaltung?

Für die Kommune bedeutet der Bürgerbahnhof keinen Aufwand. Wir haben den Bahnhof damals gekauft und nach Erbbaurecht an die Genossenschaft verpachtet. Die Gemeinde hat Fördermittel für die Sanierung eingeworben und wir machen natürlich gerne jederzeit Werbung für den Bürgerbahnhof. Aber Verwaltungsaufwand entsteht uns heute durch den Bahnhof keiner mehr.

Auch die Gemeindeverwaltung nutzt die Räume im Bürgerbahnhof. Aber die mieten wir dann genau wie jeder andere Kunde auch.