Stadtforst

Spaziergang mit einem Förster

Wie wird der Stadtforst zukunftssicher?

Der Stadtforst Fürstenwalde steht vor großen Herausforderungen: Die Waldbrandgefahr nimmt zu, der Holzpreis ist zu niedrig und ein Bestattungswald bedeutet neue Aufgaben. Stadtforstdirektor Thomas Weber hat uns den kommunalen Eigenbetrieb gezeigt.

Angekommen in der Innenstadt, machen wir uns auf den Weg zum Büro des Stadtforsts Fürstenwalde. Uns wird versichert: Dass sich der Eigenbetrieb Stadtforst die Etage mit der Bewährungshilfe teilt, sei nur ein Zufall. Stadtforstdirektor Thomas Weber ist noch am Telefon und wir werden von der schwarzbraunen Hündin Chiwa begrüßt. „Mit C. Damit es zu keinen Verwechslungen mit dem Hindukulturkreis kommt“, sagt Weber nach seinem Telefonat. An den Wänden seines Büros hängen Aquarellbilder vom Wald. Hier und da findet sich ein richtiges Waldgimmick, wie zum Beispiel die täuschend echten Baumscheiben-Sitzunterlagen auf den Stühlen, auf denen wir uns zum Gespräch erstmal hinsetzen.

Zum Stadtforst Fürstenwalde zählt auch ein Bestattungswald

Förster Weber kommt gerade von einer Inspektion der Flächenerweiterung des Bestattungswalds. Der erste in den neuen Bundesländern, betont er. Flächenerweiterung heißt, dass er neue Bäume für Grabstätten ausgewählt hat, die freigestellt und dann zusammen mit den Samariteranstalten Fürstenwalde aufbereitet werden. Der Bestattungswald ist gerade mal 45 ha groß und macht damit weniger als 1% der Gesamtfläche von den rund 4.700 ha des kommunalen Forsts aus. Aufgrund der niedrigen Holzpreise lohne sich der Bestattungswald aber.
Der Bestattungswald ist arbeitsintensiv und beansprucht eine halbe bis dreiviertel Stelle. Der Forstbetrieb hat einen Dienstleistungsvertrag mit der FriedWald GmbH, die deutschlandweit über 64 Standorte verfügt. Neben der Pflege des Friedhofsregisters kümmern sich die Förster vorrangig um die Baumauswahltermine, bereiten die Grabstätten vor und begleiten die Angehörigen bei der Beisetzung. Ab Februar bieten sie regelmäßige Waldführungen an, damit Interessierte den Wald kennenlernen können. FriedWald kümmert sich um die Kundengespräche und das Marketing. Dort sitzen auch die Profis für die Trauergespräche. „Das können wir gar nicht leisten“, sagt Weber. Am Ende des Prozederes bekommt der Stadtforst eine Abrechnung.

Die Arbeit des Försters hat sich verändert

Auch in anderen Bereichen haben sich die Aufgaben des Försters verändert. „Was früher nett in der Postmappe gelandet ist, kommt heute natürlich auf dem kurzen Weg“, bemerkt Weber. „Auf dem Postweg war es üblich, sich bis zu 14 Tage Zeit zu lassen, aber beim E-Mail-Verkehr gehen die Leute davon aus, sofort eine Antwort zu bekommen.“ Neben Verwaltungsaufgaben liegt ein Schwerpunkt der Arbeit auf der Pflege der Baumbestände. Zusammen mit Förster Weber fahren wir in den Wald. Hündin Chiwa ist mit von der Partie und sitzt auf der Hinterbank. Auf dem Weg kommen wir an Jagdständen und Bahntrassen vorbei. Links vom Weg ist der kommunale Stadtforst und rechts ist der Zuständigkeitsbereich der Bahn. Unter dem Nadeldach des Kiefernwalds treffen wir zwei Mitarbeiter des Stadtforstbetriebs. Einer von ihnen ist Praktikant Jeremy, der hier ein Semester lang wichtige Praxiserfahrungen sammelt. Er studiert Forstwirtschaft an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung im nahegelegenen Eberswalde.
Mit seiner Sprühflasche zeichnet Jeremy einen „Habitatbaum“ aus. Obwohl dieser Baum schon tot ist, soll er nicht gefällt werden, sondern Tieren in Zukunft einen Unterschlupf bieten. Daneben steht eine dichte Gruppe von Bäumen. Nach genauer Begutachtung wird entschieden, welcher von ihnen gefällt wird, damit die anderen genug Platz haben. „Bäume sind wie Menschen: Wenn sie sich mögen, bilden sie eine Gruppe“, witzeln die Förster.

Stadtforst Spruehflasche

„Der Förster läuft mit der Sprühflasche durch den Wald - nicht mehr mit einem Beilchen - und kennzeichnet die Bäume, die dann wegkommen“, erklärt Weber. Es laufe auch niemand mehr mit einer Motorsäge rum. Das wäre gar nicht mehr ökonomisch. Stattdessen werden im Rahmen einer Ausschreibung Firmen beauftragt, die die markierten Bäume fällen. Hinter den Baummarkierungen steht ein ausgefeiltes System aus Punkten, Abkürzungen, Wellenlinien und Farben. Rückegassen und Bearbeitungsmerkmale für bestimmte Baumarten werden so hervorgehoben. Die Auszeichnung der Arbeitsgassen ist besonders wichtig, um den Waldboden zu schonen. Einige Bäume sind mit „VKS“ markiert – „Verkehrssicherheit“. Diese Bäume müssen gefällt werden, damit sie dem Bahnverkehr nicht in die Quere kommen können. Dass die Förster nicht mehr selbst fällen, bringt neue Aufgaben mit sich. Denn geht ein Auftrag über eine bestimmte Summe hinaus, muss er ausgeschrieben werden.

Stadtforst Foerster

Die Förster machen den Wald für den Klimawandel fit

Stadtforstdirektor Weber und sein Team stehen vor wichtigen Zukunftsaufgaben: Sie müssen den Wald für den Klimawandel fit machen. Noch diese Woche sollen neue Bäume gepflanzt werden. Der Stadtforst Fürstenwalde besteht zu 90% aus Nadelwald und nur zu 10% aus Laubwald. Historisch ist das durch die Reparationshiebe, die Aufforstung und den Brennholzbedarf zu erklären. Der uns umgebende Kiefernwald - von dem die Gesellschaft heute lebt - ist immerhin über 70 Jahre alt. Heute wissen wir, dass Mischwälder widerstandsfähiger sind als Monokulturen – besonders wenn es zu Dürren kommt, wie in den letzten Hitzesommern. Je nach Standort sollen daher Laubbäume wie Edelkastanien, Rotbuchen und Stieleichen gepflanzt werden. Aber ob wir die Zeit haben? Weber zuckt mit den Schultern. Wenn aber im Feuilletonartikel einer Zeitung stehe, dass das Pflanzen „doof“ sei, ärgere er sich: „Wir können nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag warten, bis die Natur - die uns ohnehin nicht braucht - da irgendwann mal klimastabile Baumbestände selber bildet.“

Die Gesellschaft braucht ein Gesamtkonzept

Ob Greta Thunberg recht hat, wisse Weber nicht, aber auf jeden Fall hätten wir nicht mehr hundert Jahre Zeit. „Wald ist eine langfristige Geschichte. Das heißt, ich müsste jetzt mit Hochdruck Sicherheit als Ziel ausgeben. Ich müsste in den Waldumbau enorm investieren und da brauche ich eine ganz andere Schlagkraft. Da brauche es in der Gesellschaft ein Gesamtkonzept und da ist nichts vorhanden“, ärgert er sich. Ein besonderes Problem stellen die vielen kleinen Waldbesitzer dar, die nicht die gleichen Möglichkeiten hätten wie der Eigenbetrieb. Der kann sich um seinen Wald professionell kümmern. Allein die Verwaltung und die Formalien, wie die Beantragung von Fördergeldern, überfordere aber kleine Waldbesitzer mit gerade mal vier bis fünf Hektar Wald. „Dass man erstmal in Vorkasse gehen muss, schließt schon fast vollständig aus, dass kleine Privatwaldbesitzer sich sinnvoll an der Sicherung des Waldumbaus beteiligen können“, so Weber.
Ein Beispiel ist der Ausbau von Flachspiegelbrunnen, um den Feuerwehren möglichst kurze Wege zum Löschwasser zu ermöglichen. „Die erste Stunde ist ganz entscheidend bei Waldbränden. So lange das Feuer noch am Boden ist, hast du gute Chancen. Wenn das Feuer in den Kronen ist und über Thermik – sieht man jetzt in Australien – weitergetragen wird, dann hast du verloren“, erklärt Weber. In Anbetracht der kritischen Lage hätten wir in Deutschland bisher Glück gehabt, dass Waldbrände noch keine Menschenleben gefordert oder Ortschaften verschluckt haben. Bei der Umsetzung wichtiger Maßnahmen wünscht sich Weber daher mehr Koordination durch das Land. So könnte das Land etwa in sinnvollen Abständen Löschwasserbrunnen planen, die jeweiligen Waldbesitzer um Erlaubnis bitten und selbst Brunnen bauen. „Es ist ohnehin eine hundertprozentige Förderung vorgesehen“, gibt Weber zu bedenken. „Warum kann man den Vorgang da nicht verschlanken?“

Gibt es den Fachkräftemangel auch bei Förstern?

Auf Nachfrage bezüglich der nächsten Generation von Förstern sagt Weber, dass sein Team aus drei Förstern und einer Försterin relativ gut aufgestellt ist. Vielerorts sei das Alter aber ein Problem und es brauche dringend gut ausgebildeten Nachwuchs. Schließlich bräuchten vielfältige Waldstrukturen auch vielfältige Expertisen. Für Stadtforstdirektor Weber steht fest: „Der Wald im Land Brandenburg ist es wert, dass man sich drum kümmert.“ Wir geben ihm Recht und sind gespannt wie der Wald in 70 Jahren aussehen wird.