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Innenstadt beleben: Warum Stadtmarketing allein nicht reicht
Deutsche Innenstädte stehen unter Druck. Der Einzelhandel verändert sich, große Kaufhäuser verschwinden, Leerstände entstehen und mancher Ortskern sieht inzwischen aus, als hätte jemand bei der Stadtplanung die Kopiertaste gedrückt.
Doch ist die Innenstadt wirklich verloren?
Bernadette Spinnen widerspricht dieser einfachen Diagnose. Seit 2001 verantwortet sie das Stadtmarketing in Münster und gehört seit vielen Jahren zu den profilierten Stimmen der deutschen Stadtmarketing-Szene. In Folge 2 unserer Podcast-Reihe „Das Loch in der Mitte“ sprechen Rebecca Piron und Christian Erhardt-Maciejewski mit ihr darüber, warum manche Innenstädte funktionieren und andere langsam ausbluten.
Und vor allem darüber, warum Stadtmarketing heute sehr viel mehr sein muss als Weihnachtsmarkt, Stadtfest und verkaufsoffener Sonntag.
Innenstadt beleben: Der Handel allein wird es nicht mehr richten
Eine der wichtigsten Veränderungen der vergangenen 25 Jahre ist für Spinnen offensichtlich: Die Erkenntnis, dass sich eine Innenstadt nicht einfach dem Markt überlassen lässt.
Früher bestimmte vor allem der Einzelhandel, ob eine Innenstadt attraktiv war. Heute funktioniert dieses Modell immer weniger. Handelsflächen verschwinden, Ketten ziehen sich zurück und der Onlinehandel hat das Einkaufsverhalten grundlegend verändert.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr allein: Wie bekommen wir mehr Geschäfte in die Innenstadt?
Sondern: Warum sollten Menschen überhaupt noch in die Innenstadt kommen?
Spinnens Antwort lautet: wegen einer guten Mischung.
Handel, Gastronomie, Ärzte, Dienstleistungen, Verwaltung, Kultur, Hochschulen, Wohnen und Orte zum Treffen müssen zusammenspielen. Eine lebendige Innenstadt müsse im Alltag funktionieren – nicht nur dann, wenn gerade Stadtfest ist.
Stadtmarketing darf nicht zur Dauer-Eventagentur werden
Gerade hier wird Spinnen deutlich.
Viele Kommunen reagieren auf sinkende Besucherzahlen mit immer neuen Veranstaltungen. Noch ein Fest, noch ein Aktionstag, noch ein Wochenende mit Bühne und Hüpfburg.
Das kann helfen. Es ersetzt aber keine Strategie.
Spinnen spricht von einer „Eventisierung der Innenstädte“. Stadtmarketing dürfe nicht darin bestehen, ständig die nächste Veranstaltung zu organisieren.
Benötigt werde vielmehr ein professionelles Zentrenmanagement.
Das bedeutet: Stadtmarketing muss zwischen Händlern, Eigentümern, Verwaltung, Politik, Gastronomen und anderen Innenstadtakteuren vermitteln. Es muss wissen, wo Leerstände entstehen, welche Nutzungen fehlen und welche Konflikte sich im öffentlichen Raum abzeichnen.
Oder etwas salopper gesagt: Der Mann mit dem Schlüssel für den Weihnachtsmarkt darf nicht automatisch derjenige sein, der nebenbei noch die Innenstadt retten soll.
Warum Kommunen bei schlechter Qualität nicht einfach wegsehen sollten
Besonders spannend ist Spinnens Blick auf einen Konflikt, den viele Rathäuser kennen.
Wenn Handel und Gastronomie wirtschaftlich unter Druck geraten, steigt häufig der politische Druck, Regeln großzügiger auszulegen. Mehr Warenständer auf dem Gehweg, zusätzliche Aufsteller, größere Außenflächen, mehr Werbung.
Spinnen warnt davor, dabei jeden Qualitätsanspruch aufzugeben.
Denn wenn eine Innenstadt aus Angst vor Leerstand jede Nutzung akzeptiert, kann genau das den Standort weiter schwächen. Ein attraktiver Straßenraum ist kein Luxus. Er entscheidet darüber mit, ob Menschen gerne kommen – und bleiben.
Auch die Eigentümer spielen deshalb eine Schlüsselrolle. Wenn im selben Straßenzug bereits zahlreiche nahezu identische Angebote vorhanden sind, kann der nächste Mietvertrag Auswirkungen auf die gesamte Lage haben.
Die Stadt kann nicht alles bestimmen. Sie kann aber moderieren, Netzwerke aufbauen und Gespräche organisieren.
Dritte Orte: Warum Menschen auch ohne Einkauf in die Innenstadt kommen müssen
Ein weiterer Schlüssel sind sogenannte Dritte Orte.
Gemeint sind Orte außerhalb von Wohnung und Arbeitsplatz, an denen Menschen sich treffen, aufhalten oder einfach Zeit verbringen können.
Das können Bibliotheken sein. Hochschulräume. Plätze. Grünflächen. Sitzgelegenheiten.
Spinnen nennt ein verblüffend einfaches Beispiel aus Münster: Dort wurden Stühle im öffentlichen Raum aufgestellt, die Besucher frei nutzen und verschieben können. Studenten treffen sich dort zur Gruppenarbeit, andere essen ihr Mittagessen oder sitzen schlicht eine Weile zusammen.
Keine Reservierung. Kein Konsumzwang. Kein Förderprogramm mit 47-seitigem Verwendungsnachweis.
Manchmal können 80 Stühle für eine Innenstadt offenbar mehr bewirken als die nächste Hochglanzbroschüre.
Kaufhäuser kaufen: Müssen Kommunen selbst zum Immobilienbesitzer werden?
Besonders heikel wird es bei großen leerstehenden Kaufhäusern.
Mehrere Städte haben solche Immobilien inzwischen selbst gekauft oder nutzen sie für öffentliche Einrichtungen. Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar: Bevor ein riesiger Gebäudekomplex mitten im Zentrum jahrelang leer steht, greift die Kommune ein.
Spinnen sieht diesen Weg dennoch nicht als dauerhaftes Patentrezept.
Angesichts der angespannten kommunalen Haushalte sei fraglich, ob Städte langfristig immer stärker selbst zum Immobilieneigentümer ihrer Innenstädte werden können.
Für sie ist das eher ein Übergangsphänomen.
Denn eine lebendige Innenstadt entsteht gerade durch viele unterschiedliche Akteure und Entscheidungen. Wird alles von der öffentlichen Hand gesteuert, geht womöglich genau jene Mischung verloren, die attraktive Stadtzentren auszeichnet.
Kleine Gemeinde? Stadtmarketing funktioniert trotzdem
Bemerkenswert ist: Spinnens Empfehlungen gelten keineswegs nur für Münster, Stuttgart oder Nürnberg.
Auch eine kleine Gemeinde mit einer halben Stelle für Stadtmarketing könne viel erreichen.
Der erste Schritt sei dabei organisatorisch entscheidend: Der Verantwortliche für das Stadtmarketing brauche Zugang zur Verwaltung und zur Rathausspitze.
Wenn Stadtmarketing irgendwo ausgelagert wird, ohne Einfluss auf Stadtplanung, Grünpflege, Baustellenmanagement oder Wirtschaftsförderung zu haben, bleibt seine Wirkung begrenzt.
Der zweite Schritt: Händler, Eigentümer und andere Akteure an einen Tisch holen.
Und der dritte ist fast erschreckend simpel: durch den Ortskern laufen.
Gemeinsam mit Bürgern und Geschäftsleuten könne man bei solchen Rundgängen sehr schnell feststellen, wo die Probleme tatsächlich liegen.
Sicherheit in der Innenstadt wird zur Standortfrage
Zu einer attraktiven Innenstadt gehört allerdings noch etwas, worüber lange erstaunlich ungern gesprochen wurde: Sicherheit.
Unsichere Plätze, aggressive Situationen, offene Drogenszenen oder Menschen, die Eingangsbereiche von Geschäften als Schlafplätze nutzen, beeinflussen das Verhalten der Besucher.
Spinnens Ansatz dabei ist pragmatisch.
Probleme dürften weder ignoriert noch ausschließlich weitergeschoben werden. Stadtmarketing, Ordnungsamt, Polizei, Sozialarbeit und die betroffenen Geschäftsleute müssten gemeinsam überlegen, was an einem konkreten Ort verbessert werden könne.
Manchmal seien es große Maßnahmen, manchmal erstaunlich kleine: bessere Sichtachsen, andere Beleuchtung, zurückgeschnittene Sträucher oder in bestimmten Situationen auch Videoüberwachung.
Entscheidend sei zunächst, dass Bürger und Geschäftsleute merken: Die Stadt sieht das Problem und kümmert sich.
Wohnen allein rettet die Innenstadt ebenfalls nicht
Auch die Forderung „Wir brauchen einfach mehr Wohnungen in der Innenstadt“ greift für Spinnen zu kurz.
Wohnen bringt Leben in die Zentren – auch außerhalb der Ladenöffnungszeiten. Gleichzeitig entstehen neue Konflikte.
Eine lebendige Innenstadt macht Geräusche. Restaurants, Veranstaltungen, Nachtleben und Besucher gehören dazu. Wer gleichzeitig hochwertigen und entsprechend teuren Wohnraum schafft, produziert möglicherweise neue Auseinandersetzungen über Lärm und Nutzung.
Auch hier lautet das Zauberwort deshalb nicht Wohnen, sondern Mischung.
Interkommunale Zusammenarbeit: Muss wirklich jede Stadt alles selbst haben?
Am Ende des Gesprächs wird der Blick noch größer.
Muss wirklich jede Kommune ein eigenes Schwimmbad, Ärztehaus, Kulturzentrum oder andere große Einrichtungen vorhalten?
Angesichts immer knapperer kommunaler Haushalte dürfte diese Frage in den kommenden Jahren noch wichtiger werden.
Spinnen sieht in der stärkeren interkommunalen Zusammenarbeit eine große Chance. Kommunen müssten stärker über ihre Grenzen hinausdenken und gemeinsam entscheiden, welche Angebote wo sinnvoll sind.
Einfach ist das nicht. Bürgermeister wollen ihren Bürgern naturgemäß lieber erklären, was sie selbst geschaffen haben, als warum die schöne neue Einrichtung drei Orte weiter steht.
Aber womöglich erledigen die kommunalen Haushalte einen Teil dieser Überzeugungsarbeit künftig von ganz allein.
Der größte Fehler bei der Innenstadtpolitik
Zum Schluss stellen wir Bernadette Spinnen drei kurze Fragen.
Auf die Frage nach dem häufigsten Fehler kommunaler Innenstadtpolitik antwortet sie mit einem Begriff, der vermutlich in ziemlich vielen Rathäusern an die Wand gehört:
„Sektoralisierung.“
Gemeint ist das Denken in Zuständigkeiten.
Hier das Ordnungsamt, dort die Stadtplanung, daneben Wirtschaftsförderung, Grünflächenamt und Kulturverwaltung.
Für den Bürger ist das ziemlich egal.
Er erlebt nicht fünf Fachämter.
Er erlebt eine Innenstadt.
Und genau deshalb muss auch die Kommune anfangen, sie als Ganzes zu betrachten.
Wie das gelingen kann, warum manchmal weniger Regeln und manchmal gerade mehr Konsequenz nötig sind und weshalb Bernadette Spinnen beim Stadtmarketing nach 25 Jahren erstaunlicherweise „gar nichts“ anders machen würde, hören Sie in der vollständigen neuen Folge von „KOMMUNAL-Perspektive – Das Loch in der Mitte“.