Offline-Handel

Offline-Handel online retten

Di, 17.09.2019

Diepholz versucht den Einzelhandel in der Innenstadt zu retten. Dazu hat sie sich Hilfe beim Online-Riesen Ebay gesucht. Nun zieht die Stadt Bilanz und gibt anderen Kommunen Tipps.

Text: Michael Althaus

Einkaufen bei lokalen Einzelhändlern? Im niedersächsischen Diepholz geht das auch online. 2016 gewann die 17.000-Einwohner-Stadt einen Wettbewerb zur Förderung des digitalen Handels und bekam einen eigenen lokalen Marktplatz auf der Internetplattform eBay. Die örtlichen Geschäfte können sich seither in einer Art „digitalen Innenstadt“ präsentieren und ihre Waren anbieten. Nach knapp dreijähriger Laufzeit fällt die Bilanz des Projekts gemischt aus.

Wie viele Klein- und Mittelstädte hat auch Diepholz seit einigen Jahren vermehrt mit Ladenleerständen zu kämpfen. Vor zehn Jahren gab es in der zwischen Osnabrück und Bremen gelegenen Stadt noch rund 60 Einzelhändler, heute sind es noch 45. Als 2016 der Wettbewerb „Die digitale Innenstadt“ ausgeschrieben wurde, witterte der Diepholzer Wirtschaftsförderer Bernd Öhlmann eine Chance für seine Kommune. „Ein besonderes Merkmal von Diepholz ist der inhabergeführte Facheinzelhandel, der hier nach wie vor sehr stark vertreten ist“, so Öhlmann damals. „Damit dies so bleibt, müssen die Einzelhändler auch im Internet präsent sein, um das Potenzial des E-Commerce ausschöpfen zu können.“ Er gewann rund 30 örtliche Händler zum Mitmachen und überzeugte die Jury mit einem 90-seitigen Konzept. Diepholz gewann und bekam die Landing-Page „Diepholz bei eBay“, auf der sich die teilnehmenden Händler einen für ein Jahr lang kostenlosen Online-Shop einrichten konnten. Darüber hinaus erhielten sie eine Schulung und Beratung. Das Anlegen des Shops sei relativ unkompliziert, erklärt Öhlmann. Weiterer Vorteil sei, dass es sich um eine reine Handelsplattform handle.

Offline-Handel in Diepholz

Im November 2016 ging der lokale Marktplatz online. Auf der Startseite kann sich jeder Händler mit einem Foto präsentieren. Mit einem Klick auf das Bild gelangt der Nutzer dann zum jeweiligen Shop, wo er die angebotenen Produkte anschauen und teils gegen Versandgebühr, teils kostenlos nach Hause bestellen kann. Heute sind noch 14 Händler auf dem Portal aktiv, darunter Schuh- und Modehäuser, Schmuckgeschäfte, Buch- und Bürohändler, ein Spielwarenladen, ein Sportgeschäft, ein Fachhandel für Modellbahnen und sogar eine Behindertenwerkstatt. Nach Ablauf der einjährigen Startphase wird inzwischen eine monatliche Gebühr sowie eine Provision von in der Regel neun Prozent pro verkauftem Artikel für die teilnehmenden Händler fällig. Für Öhlmann hat das Projekt aus heutiger Sicht „seinen Zweck voll erfüllt“. Schon zu Beginn habe sich herauskristallisiert, dass zehn bis zwölf Händler richtig viel Arbeit in den Aufbau des neuen Vertriebskanals gesteckt hätten. Acht bis zehn seien mit durchschnittlichem Engagement unterwegs gewesen. Dementsprechend sei es nicht überraschend, dass heute nur noch zirka ein Drittel der 2016 gestarteten Händler auf dem Portal aktiv sei. Viele seien ausgestiegen, als sie nach einem Jahr die Gebühren zahlen mussten. „Der wirtschaftliche Nutzen, der aus dem Projekt resultiert, variiert von Ladengeschäft zu Ladengeschäft, kann aber in Summe als positiv bezeichnet werden“, so Öhlmann. Hinzu komme, dass Diepholz durch das Projekt bundesweite Aufmerksamkeit in den Medien bekommen habe.

Online-Plattform unterstützt den Offline-Handel

Auch der Konzern eBay beurteilt das Projekt als Erfolg. Im ersten Jahr habe jeder teilnehmende Verkäufer im Durchschnitt rund 30.000 Euro umgesetzt, sagt Sprecher Dario Wilding. Die Ergebnisse seien „vielversprechend“ und würden unterstreichen, wie der Verkauf über die Plattform Verkäufern helfen kann, ihr Offline-Geschäft zu unterstützen. Durch den Erfolg inspiriert, habe das Unternehmen weitere City-Projekte in den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Italien, Russland, Irland und Israel gestartet. In Deutschland gebe es vergleichbare Marktplätze bislang nur für die nordrhein-westfälischen Städte Mönchengladbach und Velbert, so Wilding.

Unter den Diepholzer Händlern ist dagegen eine gewisse Skepsis gegenüber dem Portal zu spüren. Siegfried Brückner, Inhaber eines Schuhgeschäfts, ist einerseits dankbar für den zusätzlichen Umsatz. Der Online-Verkauf laufe, die Kunden verteilten sich über das gesamte Bundesgebiet. Andererseits beklagt Brückner den unverhältnismäßig hohen Aufwand, den der Verkauf auf dem Online-Marktplatz erfordert. Insbesondere das Verpacken der Ware sei sehr zeitaufwändig. Hinzu kämen die zahlreichen Rechtsvorschriften, die beachtet werden müssten, etwa des Verpackungsgesetzes. Einmal sei er wegen Nichteinhaltung schon abgemahnt worden. Die zusätzliche Arbeit erledige er nebenbei. „Eine eigene Kraft anzustellen lohnt sich nicht. Dafür bleibt unterm Strich zu wenig übrig“, sagt er. Dennoch mache er weiterhin gerne mit, weil er dem Online-Handel wachsende Bedeutung beimesse. Brückners Konkurrentin, Schuhhändlerin Melanie Seegers, verließ das Portal im vergangenen Jahr. Zwar ist auch sie von der Notwendigkeit des Online-Geschäfts überzeugt. „Es gibt für den Einzelhandel keine Alternative. Wer sich nicht beteiligt, den wird es über kurz oder lang nicht mehr geben“, sagt sie. Doch die Pflege des Marktplatzes, auf dem alle Produkte manuell eingestellt werden müssten, sei sehr zeitintensiv. „Viele andere Plattformen machen es mir leichter“, sagt sie. Die Unternehmerin entschied sich daher für den Verkauf im Online-Shop auf der eigenen Homepage sowie auf einigen anderen Portalen.

Schuh Brueckner

Kann der digitale Marktplatz die Innenstadt vor dem Aussterben retten? Nein, sind sich die beiden Händler einig. „Der zusätzliche Vertriebskanal steigert die Abverkäufe, aber die Miete für mein Ladengeschäft könnte ich davon nicht finanzieren“, sagt Siegfried Brückner. Und Melanie Seegers betont: „Ich locke dadurch keine zusätzlichen Kunden in die Innenstadt.“ Auch für Bernd Öhlmann ist der Online-Marktplatz kein Patentrezept. Aber: „Das Internet können wir nicht abschalten. Die Händler müssen sich damit auseinandersetzen“, sagt er. Dass das zusätzliche Arbeit bedeute, sei klar. „Aber wenn ich einen stationären Handel habe, muss ich mein Schaufenster auch ab und zu mal umdekorieren.“ Die zusätzlichen Umsätze könnten helfen, wenigstens die verbliebenen Geschäfte in der Innenstadt zu erhalten. Der Online-Marktplatz ist daher für ihn einer von mehreren Bausteinen zur Rettung der Innenstadt. Ein anderer Baustein sei etwa eine Umgestaltung des Zentrums und der Einkaufsstraße, über die sich Diepholz derzeit im Rahmen der Städtebauförderung Gedanken mache. „Die Innenstadt wird zukünftig nicht mehr nur zum Einkaufen da sein“, so Öhlmann. Es gelte daher, andere Anreize zu schaffen, die Ortsmitte zu besuchen, wie Gastronomie, Kultur und die Möglichkeit, Freunde zu treffen, so Öhlmann.

Kann er anderen Kommunen die Förderung eines digitalen Marktplatzes empfehlen? „Das hängt von der jeweiligen Stadt ab“, sagt er. „Sicher ist: Jede Kommune und jeder Wirtschaftsförderer muss sich mit dem Thema beschäftigen und mit den jeweiligen Händlern reden, was sie wollen.“ Gemeinsam gelte es dann das Projekt oder die Plattform zu finden, die zu den eigenen Schwerpunkten passe.

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