Seniorenheime vor dem Aus? Der Leitartikel zum Pflegestärkungsgesetz von Christian Erhardt

Seniorenheime vor dem Aus?

Zum 1. Januar tritt das neue Pflegestärkungsgesetz in Kraft. Es mag einige Probleme beseitigen und neue schaffen. Die „Seniorenstadt der Zukunft“ wird damit aber nicht gelingen – hier können Kommunen an ganz anderen Stellschrauben drehen, meint Christian Erhardt.

Diverse Boulevardzeitungen titelten bereits, die Heimplätze von bis zu 80.000 Senioren seien bedroht. Andere sehen das Ende der klassischen Seniorenheime, weil sich diese nicht mehr finanzieren könnten. In der Tat: Für Patienten, die heute in Pflegestufe 2 eingestuft sind, bekommt ein Seniorenheim aktuell 1330 Euro. Künftig, nach der Umrechnung in Pflegegrad 3, sind es rund 1250 Euro. Gleichzeitig steigt der Satz, wenn Angehörige die Pflege übernehmen massiv, was das Seniorenheim noch unattraktiver erscheinen lassen könnte. Die wirklichen Herausforderungen in der Seniorenpolitik unserer Zeit – hin zum Umbau zur Seniorenstadt – sind aber ganz andere.

Seniorenheime waren gestern - und in der Zukunft?

Schauen wir in die USA: Viel zitiert natürlich Sun City – die US Rentnerstadt verspricht „die pure Lust am Älterwerden“. Dort leben rund 42.000 alte Menschen zusammen in einer Stadt, die sich weitgehend selbst verwaltet. Mehr als 100 Bewohner haben bereits das Lebensalter von 100 Jahren überschritten – damit leben dort so viele Hundertjährige wie nirgends sonst auf der Welt. Das Durchschnittsalter von Sun City, mitten in der Wüste von Arizona, liegt bei 75 Jahren. In der Stadt gibt es zwei große Krankenhäuser, 200 Ärzte, 300 freiwillige Polizisten und ebenso viele Feuerwehrmänner, außerdem unzählige Kneipen und Restaurants. Nach Berechnungen der Bundesstaates spart die Gemeinde durch das Modell Kosten in Höhe von rund 34 Millionen Dollar. Ein kurzes Video über Sun City findet sich auch HIER bei YouTube.

Die Gründungsidee ist aktueller denn je

Mehr als die nackten Zahlen ist es aber die Gründungsidee, die aufhorchen lässt. Entstanden schon 1959 hatte der Unternehmer Del Webb die Vorstellung, dass Menschen auch im fortgeschrittenen Alter mehr vom Leben haben sollen als nur „in einem Schaukelstuhl zu sitzen und auf den Tod zu warten“, wie er es damals drastisch formulierte. Die Idee ist auch bei uns aktueller denn je.

Von wegen reif fürs Seniorenheim: Immer mehr Menschen wollen im Alter fit bleiben

Unterhalten wir uns in der Seniorenpolitik doch häufiger über Finanzierung oder technische Möglichkeiten, als über den Wert von Senioren für eine Gesellschaft an sich. Senioren im Umfeld verlangsamen das Leben ein wenig, was nicht immer das Schlechteste sein muss. Ältere Menschen sind besonders häufig ehrenamtlich unterwegs. Überdurchschnittlich häufig sind Senioren bereit, sich bei der Hilfe Pflegebedürftiger, für Flüchtlinge oder für Jugendliche in schwierigen Lebensverhältnissen einzusetzen. Hier liegt ein gigantisches Potential, für Kommunen und die ganze Gesellschaft.

Was bedeutet das für die Zukunft der Senioren in Deutschland?

Diese Einbindung gelingt, wenn Senioren eben nicht ihr Quartier verlassen müssen, wenn sie alt sind – auch nicht, wenn sie später schwerst pflegebedürftig sein sollten. Das Seniorenheim ist nicht die Zukunft. Sollen die Menschen ihr Quartier aber nicht verlassen müssen, müssen ganz banale Fragen vor Ort geregelt werden. Was sagt etwa die Bauordnung zu Abstellplätzen für den Rollator im Hausflur? Der elektrische Rollstuhl der Zukunft braucht möglicherweise eine Ladestation. Und da viele Senioren eben nicht mehr mit dem Auto fahren wollen oder können, müssen die Takte des Busses mit den Öffnungszeiten von Apotheken, Krankenhäusern und Ärztehäusern kompatibel sein. Auch hier wieder das Thema Breitband. Im Seniorenheim leider nur selten ein Thema, in kleineren Städten ohnehin immer noch ein riesiges Problem. Die Senioren müssen möglicherweise nicht mehr für jede Visitation zu ihrem Arzt fahren, Telemedizin macht vieles möglich – vorausgesetzt die Internetleitung gibt das her.

Gerade die Bedeutung der Selbstbestimmung und der Erhalt der Selbstständigkeit sind häufig noch nicht genug im Fokus kommunalen Handelns. Bei allen berechtigten Diskussionen um das Pflegestärkungsgesetz: Wenn wir wollen, dass Menschen auch im Alter „Teil unserer Stadt“ bleiben, müssen wir den Fokus der Diskussion darauf lenken, wie wir dieses Zusammenleben gestalten können. Der „Geist von Sun City“

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