Bürgermeister Oberschwaben

Bürgermeisterportrait

Wenn der Bürgermeister plötzlich im Rollstuhl sitzt

Ein protestantischer Bürgermeister, der im Rollstuhl sitzt und mit einem Mann verheiratet ist: Im ländlichen Raum im katholisch geprägten Oberschwaben überhaupt kein Problem – im Gegenteil! Unser Bürgermeister-Portrait als Podcast.

Das alte, repräsentative Bürgermeisterbüro in der zweiten Etage des Rathauses von Weingarten ist verwaist. Markus Ewald, der Oberbürgermeister der kleinsten Großen Kreisstadt in Baden-Württemberg, empfängt seine Besucher heute gegenüber, im Amtshaus. Denn dort gibt es einen Aufzug: Und seit einem Autounfall Ende 2018 ist der Kommunalpolitiker auf den Rollstuhl angewiesen. „Wenn Sie so einen Unfall erlebt haben, gibt es für Sie zwei Möglichkeiten: Entweder, Sie nehmen es an, als eine Herausforderung, die Sie auch weiterhin fordert“, sagt Ewald. „Oder Sie wenden den Blick nach hinten, hadern mit dem Thema, bedauern das, was nicht mehr geht, blicken zurück aber kommen aus der Konstellation nicht mehr heraus. Ewald selbst hat sich für das Kämpfen entschieden. Seit Januar 2020 ist er, nach gut einem Jahr Behandlungen und Therapien, wieder voll im Dienst.

Seit Ewald selbst im Rollstuhl sitzt, hat insgesamt in der Stadt ein neues Nachdenken eingesetzt. Ein Beispiel ist das örtliche Freibad. Das war für Rollstuhlfahrer bislang nicht zugänglich. „Jetzt ist es barrierefrei“, sagt Ewald. Auch mit dem Thema Arbeitslosigkeit hatte man vor Corona keine Probleme: Gerade einmal zwei Prozent der Stadtbevölkerung waren vor der Pandemie ohne Job. Im Gegenzug führt es aber auch dazu, dass die Grundstückspreise jedes Jahr steigen, ein Quadratmeter Bauland kostet inzwischen fast 500 Euro. Das Wachstum unserer Bevölkerung nimmt jedes Jahr zu, auch durch eine Reihe von „Hidden Champions“: Computerfirmen und Automobilzulieferer, die weltweit im Geschäft sind. Zudem gibt es eine lebendige Innenstadt. „Sobald irgendwo in der Stadt einem Geschäft die Insolvenz droht, kümmern wir uns gezielt um mögliche Nachfolger.“ Leere Läden gibt es derzeit in der Weingartener Fußgängerzone kaum.

Wie Markus Ewald zum Bürgermeister wurde

Eigentlich hatte Markus Ewald bei einer internationalen Unternehmensberatung gearbeitet. Bis eher überraschend die Anfrage von Freunden aus seiner Heimatstadt Bad Urbach kam, ob er nicht Bürgermeister werden wolle. Gesagt, Getan. Jedoch - „Nach vier Jahren in Bad Urach gab es manche Differenzen mit einigen Stadträten, auch aufgrund meiner Partnerschaft“, sagt Ewald. „Mir wurde klar: Wenn ich mit meinem Partner zusammenbleiben will, gibt es in dieser Stadt keine Perspektive mehr.“ Doch dann hörte Ewald davon, dass in Weingarten ein Oberbürgermeister gesucht werde. Einer Stadt, in der sein Vater vor einigen Jahren Baudezernent war und aufgrund dessen er die Stadt gut kannte. Es folgte der Deal: Entweder, wir probieren es in Weingarten noch einmal und es gelingt, oder ich suche mir wieder einen Beruf in der Wirtschaft“, erinnert sich Ewald. „Und es war nicht klar, ob ein Protestant, in einer homosexuellen Partnerschaft lebend, in einem katholischen Wallfahrtsort tatsächlich siegen kann.“ Doch es funktionierte im ersten Wahlgang, gegen zwei andere Bewerber. Und Ewald hat das seit 12 Jahren nicht bereut. „Wir sind in Weingarten sehr wohlwollend aufgenommen worden und haben selten Widerstände wahrgenommen“, so Ewald. „Oberschwaben im Süden Baden-Württembergs ist eben eine weltoffene Region."

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