Kinder
Der CTC-Aktionsplan wird in der Kinder und Jugendarbeit eingesetzt.
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Aktive Kommunen

CTC - ganzheitliche Methode in Kinder- und Jugendarbeit

26. November 2021
Das Konzept stammt aus den USA, inzwischen nutzen auch 40 Städte und Gemeinden in Deutschland das Konzept: CTC – ein Ansatz, um auffälligen Kindern und Jugendlichen möglichst früh zu helfen – und so Gewalt, Alkoholexzesse und Schulabbrüche zu verhindern. Ein Ansatz zum Nachahmen!

Von Michaela Allgeier und Christian Erhardt

Prävention – das Wort ist in aller Munde. Gerade wenn es um Kinder und Jugendliche geht. Gewalt auf dem Schulhof, Alkohol- und Drogenprobleme sind hier nur einige Stichworte. Doch jeder definiert die Möglichkeiten der Prävention anders. Die Arbeitsmethode „Communities That Care“, kurz CTC, versucht diese Möglichkeiten zu sortieren und einen einheitlichen Ansatz in der Kinder- und Jugendarbeit der Kommunen zu bieten. Ursprünglich in den USA entwickelt, hat sich der Landespräventionsrat in Niedersachsen erstmals schon 2009 mit der Methode befasst und mit ersten Kommunen getestet.

CTC  in 40 Kommunen erprobt

Die Erfahrungen waren gut, so dass auch das Bundesbildungsministerium darauf aufmerksam geworden ist. Der Ansatz soll nun wissenschaftlich überprüft werden. Dazu bieten sich die 40 Kommunen an, die das Konzept in Deutschland bereits offiziell nutzen. Etwa die Gemeinde Rastede im Landkreis Ammerland in Niedersachsen. Etwa 22.000 Menschen leben in dem Ort rund 25 Kilometer von der Nordsee entfernt. Der dortige Gemeinderat hatte im Jahr 2019 beschlossen, CTC einzuführen und als kommunales Planungsinstrument für Prävention zu testen.

Schülerinnen und Schüler befragt



Was folgte, war zunächst eine anonymisierte Schülerbefragung. Das Ergebnis: Viele Schüler in der Gemeinde schätzten die Risiken von Alkohol und Drogen als viel zu gering ein. „Gleichzeitig haben wir festgestellt, dass starke Bindungen innerhalb der Familien und der Nachbarschaft existieren, auf die man aufbauen kann“, sagt Anke Wilken, Gleichstellungsbeauftragte in der Gemeinde Rastede. Sie führt das auch auf die Vorzüge des ländlichen Raums zurück. „Bei uns gibt es ein lebendiges und funktionierendes Vereinsleben sowie zahlreiche Sportangebote.“ Doch nicht nur ältere Schüler waren Teil des ersten Aktionsplans in Rastede.

„Wir haben den Bogen von der Kita bis zu den weiterführenden Schulen gespannt“, berichtet Wilken.  Auch die Eltern wurden aktiv einbezogen. Was nicht immer ganz einfach war. Aber auch hier bot CTC Lösungen an. Die Fortbildungsprogramme ‚Kita-Move’ und ‚SchulMove‘ qualifizieren Fachkräfte in Kitas und Schulen für motivierende „Tür- und Angel“-Gespräche mit den Eltern. „Wir wollten es schaffen, Eltern in ihrem gelebten Alltag zu erreichen und so die Basis für eine vertrauensvolle Partnerschaft zu legen“, beschreibt Wilken das Ziel.

Wilken
Anke Wilken ist Gleichstellungsbeauftragte in der Gemeinde Rastede.



Als Herzstück des Aktionsplans bezeichnet die Gleichstellungsbeauftragte das Mentoring-Programm „Balu und Du“. Es fördert Alltagskompetenzen, indem jeweils ein Schüler der Oberstufe für ein Schuljahr mit einem Grundschulkind ein Tandem bildet. Nach zwei Jahren ist sich Wilken sicher: „Das Konzept hat sich als zukunftsweisend erwiesen, die Ergebnisse werden langsam sichtbar.“  Bevor Kommunen wie Rastede das Konzept aufgebaut haben, nahm der Landespräventionsrat in Niedersachsen sich zuerst dem Konzept an. „CTC hat uns interessiert, weil bei unserer Beratungsarbeit für Kommunen wiederkehrende Probleme zur Sprache kamen“, erklärt Frederick Groeger-Roth vom Landespräventionsrat. Die Akteure wussten aus ihrer Sicht oft zu wenig über die tatsächlichen Bedarfe ihrer Zielgruppe, was die Auswahl passender Programme erschwerte.

CTC: Risikofaktoren erkennen

Der „Entwicklungsorientierte Ansatz“ von CTC habe sich als geeigneter Lösungsweg erwiesen. Dieser beruht darauf, Risikofaktoren, die Verhaltensauffälligkeiten begünstigen, schon zu einem frühen Zeitpunkt zu identifizieren und positiv zu beeinflussen. Sind Jugendliche beispielweise der Ansicht, dass ihr Freundeskreis es „cool“ findet, wenn sie ein Messer bei sich tragen oder Marihuana rauchen, ist das als Risikofaktor zu werten. Zugleich gilt es, bedeutsame Schutzfaktoren zu erkennen und diese mittels wirksamer Programme zu fördern. Zu nennen wären etwa soziale Kompetenzen sowie Mitwirkungsmöglichkeiten im sozialen Umfeld, die das Selbstvertrauen von Kindern und Jugendlichen verbessern.



Ähnlich wie in Rastede werden auch in anderen Kommunen Risiko-und Schutzfaktoren ermittelt, dazu werden an weiterführenden Schulen „CTC-Schülerbefragungen“ durchgeführt – anonymisiert, auf freiwilliger Basis und mit dem Einverständnis der Eltern. Sie beziehen sich auf die Lebensbereiche „Familie, Schule, Freundeskreis und Nachbarschaft/Soziales Umfeld.“ Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren nehmen daran teil. Die Befragung erfasst die unterschiedlichen Ausmaße problematischer Verhaltensweisen, zum Beispiel einen früh beginnenden Konsum von Alkohol und Marihuana, sowie die entsprechenden Risiko- und Schutzfaktoren. Diese Ergebnisse zeigen, welche Verhaltensprobleme besonders ausgeprägt sind und welche Einflussfaktoren beachtet werden sollten.

Aktionsplan erstellen

In einem nächsten Schritt erarbeitet ein Team aus unterschiedlichen Fachbereichen einen Aktionsplan. Die Datenbank „Grüne Liste Prävention“ dient hierbei als wichtiges Instrument, denn diese enthält ausschließlich Programme und Maßnahmen, deren Wirksamkeit nachgewiesen ist. Damit lässt sich überprüfen, ob die bereits eingesetzten Angebote wissenschaftlichen Standards entsprechen. Außerdem gibt die Liste Auskunft darüber, welche Maßnahmen oder Ergänzungen alternativ denkbar sind.

„CTC bietet zum einen den Vorteil, die Zielgruppe aktiv einzubeziehen, zum anderen werden konkrete Kooperationen zwischen Ämtern und örtlichen Organisationen gefördert“, meint Frederick Groeger-Roth. „Anstelle einer Vielzahl unverbundener Einzelprojekte entsteht eine nachhaltige Gesamtstrategie.“ Auch Anke Wilken in Rastede sieht in der Strategie langfristiges Potential für ihre Gemeinde. Der CTC-Ansatz hat sie überzeugt, weil dieser einen vertieften Einblick in die Sichtweise von Kindern und Jugendlichen ermögliche. „Das hat mir zuvor gefehlt.“ Das Gleiche gelte für eine einrichtungsübergreifende Zusammenarbeit. „Man muss ein gemeinsames Verständnis von Prävention entwickeln und alle Aktivitäten ‚Hand in Hand‘ umsetzen.“

Präventionsstrategie im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Auch der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald setzt auf die Präventionsstrategie. Hier ist die Aufgabe besonders herausfordernd, weil dem Flächenlandkreis 50 Städte und Gemeinden angehören. Seit dem Jahr 2018 ist der Kreis Modellregion. „Es reicht nicht aus, isoliert auf einzelne Probleme zu schauen, die im Setting ‚Schule‘ oder innerhalb der Familie auftreten“, sagt Claudia Brotzer vom Landratsamt im Breisgau. Sie leitet dort den Fachbereich „Planung, Qualitätsentwicklung und Bildung“ Sie sagt:„Mit CTC kann man fachübergreifende und fundierte Informationen über das Geschehen vor Ort gewinnen, um Prävention und Jugendhilfeplanung treffsicherer zu gestalten.“

Claudia Brotzer
Claudia Brotzer vom Kreis Breisgau-Hochschwarzwald.

Um das CTC-Konzept bekannt zu machen, wandte sich Claudia Brotzer zunächst schriftlich an alle Gemeinden und Schulen im Landkreis. Zusätzlich stellte sie die Idee im Rahmen unterschiedlicher Netzwerktreffen vor. „Die Corona-Pandemie hat diese Form der Gremienarbeit jedoch erschwert.“ Die Stadt Löffingen erklärte sich als erste Kommune im Landkreis dazu bereit, das Konzept umzusetzen. „Die dortigen Akteure sind sehr engagiert“, freut sich  Claudia Brotzer. "Löffingen ist beispielgebend für den Landkreis.“  Im ersten Durchgang von Oktober 2019 bis Februar 2020 haben sich im Landkreis 13 Schulen aus acht Kommunen beteiligt.

„Auf dieser Grundlage haben wir die Anerkennung von antisozialem Verhalten sowie die Zustimmung zum Substanzkonsum durch den Freundeskreis und durch die Eltern als wichtigste Risikofaktoren erkannt“, erläutert Brotzer. Jetzt gehe es darum, Schutzfaktoren wie „Moralische Überzeugungen“ und „Soziale Kompetenzen“ durch wirksame Programme zu stärken. „Die CTC-Strategie sorgt für mehr Transparenz und Orientierung im Bereich der Prävention“, so die CTC-Koordinatorin. In diesem Jahr sind sechs weitere Kommunen im Landkreis in die Strategie eingestiegen.

Fotocredits: Fotos: Anke Wilken: privat Claudia Brotzer: Diana Raab/Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald