Ehrenamt
Hilfetelefon gegen Diskriminierung
„Schule für mehr Demokratie“ – ein Bündnis mit aktueller Relevanz
„Es gibt bislang keine gut verankerte Demokratiebildung an den Schulen“, sagt Jette Schega. Das würden auch die Ergebnisse der vor kurzem durchgeführten Juniorwahlen belegen, bei denen die AfD in Brandenburg mit 35,6 Prozent der Stimmen deutlich vorne lag. Das Bündnis „Schule für mehr Demokratie“ möchte in Zusammenarbeit von Lehrern, Eltern und Schülern neue Möglichkeiten suchen, um ein demokratisches Verständnis bei den Schülern zu verankern. Auslöser für die Gründung des Bündnisses war der Brandbrief zweier Lehrer aus Burg, in dem diese rechtsextremistische und rassistische Vorfälle an ihrer Schule öffentlich machten. Schega war in der gleichen Fachschaft wie ihre Kollegen, auch sie verließ letztlich die Schule, nachdem dort aus ihrer Wahrnehmung zu wenig intensiv gegen die Vorfälle vorgegangen wurde. Kurz darauf initiierte sie das Bündnis.
Demokratie als grundlegender Wert
„Unser Anliegen ist es, Schülern und Schülerinnen ein sicheres und inklusives Umfeld zu bieten, in dem sie ihre Persönlichkeit entfalten können, unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft oder Religion. Wir glauben fest daran, dass Demokratie nicht nur ein politisches System ist, sondern ein grundlegender Wert, der in allen Lebensbereichen verankert sein sollte“ - so formulieren die Mitglieder des Bündnisses ihren Anspruch. Dazu haben sich in der losen Gruppe Lehrkräfte und Sozialarbeiter, Eltern und Schüler sowie lokale Organisationen zusammengetan. Ein zentrales Anliegen sei dabei von Anfang an auch gewesen, „Ansprechpartner zu sein für Menschen, denen an Schulen Diskriminierung geschieht“, wie Schega sagt. „Wir haben im Bündnis immer wieder gehört, dass es in Akutsituationen schwierig ist, sofort jemanden zu sprechen“, sagt die Initiatorin. Das Hilfetelefon soll das ändern.
Diskriminierung und Rassismus an Schulen
Erst seit wenigen Monaten ist das Hilfetelefon in Betrieb, die Beispiele für erfahrene Diskriminierungen der Anrufer aber sind bereits zahlreich, wie Schega erzählt. Da ist der Schüler, der von seinen Mitschülern als „linke Zecke“ beschimpft worden ist und systematisch gemobbt wurde. Da ist der Lehrer, der in seiner Schule Stellung beziehen wollte für Demokratie und im Kollegium keinen Rückhalt erfahren hat. Oder die Schülerin, die sich getraut hat, gegen die Nazi-Parolen ihrer Klassenkollegen zu sprechen und der brutal ins Gesicht geschlagen wurde. Was nach einem solchen Vorfall geschehe, hängt laut Schega maßgeblich davon ab, wie gut die gesamte Schulfamilie zusammenarbeitet und wie offen kommuniziert würde. „Es gibt an den Schulen zwar eine rechtlich klar geregelte Meldekette“, sagt Schega, diese reiche aber oft nicht aus. Zudem seien derartige Erfahrungen sehr angstbesetzt und würden von den Opfern oft nicht öffentlich gemacht werden.
Verbündete suchen wider die Angst
„Die meisten Schulen denken, dass das nur bei ihnen ein Problem ist und die Betroffenen fühlen sich oft alleine und trauen sich nicht, die Vorfälle zu melden und eine Anzeige zu erstatten“, sagt Schega. Der wichtigste Schritt sei es deshalb, Verbündete zu finden und ein offenes Ohr und praktische Unterstützung zu erhalten bei Gleichgesinnten. „Wir versuchen, Ansprechpartner zu sein für die Betroffenen und damit eine Nische abzudecken, in der es bislang keine derartige Hilfe gab“, so Schega.
Anonym und kostenfrei
Aktuell an zwei Nachmittagen pro Woche bedienen insgesamt zehn Ehrenamtliche des Bündnisses „mit viel Gesprächs- und Berufserfahrung“ das Hilfetelefon, wie Schega sagt. Die Anrufer können sich anonym und kostenfrei unter der Nummer melden und ihre Erlebnisse schildern. Dabei helfe es ihnen oft bereits, auf Gesprächspartner zu stoßen, die Verständnis zeigen für ihre Gefühle und ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind, so Schega. „Das Wichtigste ist es, die Anrufer darin zu bestärken, dass sie richtig unterwegs sind“, sagt die Initiatorin. Zudem würden sie beim Hilfetelefon auch ganz praktische Tipps erhalten, an passende Stellen weitervermittelt werden und rechtliche Informationen bekommen. „Wir weisen die Anrufer zum Beispiel darauf hin, dass man eine Anzeige auch online stellen kann und nicht vor Ort sein muss“, sagt Schega. Das sei vielen nicht bewusst. Aus Erfahrung von Schega hat sich die Einrichtung des Hilfetelefons schon jetzt bewährt. „Wir sehen definitiv die Nachfrage und die Anrufer gehen gestärkt aus den Telefonaten.“
Kommunale Unterstützung dringend notwendig
Die Organisation und Betreuung des Hilfetelefons laufen komplett ehrenamtlich, für die kostenfreie Telefonverbindung hat das Bündnis einen Zuschuss des Bundeslands Brandenburg erhalten. „Langfristig wollen wir uns noch breiter aufstellen“, sagt Schega, die das Hilfetelefon mit ihren Mitstreitern via Flyer und Social Media bekannt gemacht hat und die Schulen Brandenburgs kontaktiert. Ein wichtiger Partner sind beim Einsatz für mehr Demokratie an Schulen laut Schega nicht zuletzt auch die Kommunen als Träger der Schulen vor Ort. „Die jeweiligen Kommunen spielen eine ganz entscheidende Rolle und haben eine riesige Verantwortung, die sie wahrnehmen sollten“, so Schega. So sollten diese aus ihrer Sicht in engem Kontakt mit den jeweiligen Schulen sein und die demokratische Bildung im Unterricht mitunterstützen. Darüber hinaus würden aber auch ganz praktische Dinge langfristig zur Stabilisierung der Demokratie beitragen. So sagt Schega: „Wenn Schulen nicht mit genügend guten Lehrern und Schulsozialarbeitern ausgestattet werden, hat das Folgen. Das, was später für die Beseitigung von Vandalismus bezahlt werden muss, sollte besser vorher in eine gute Ausstattung der Schulen investiert werden.“
Hier gibt es weitere Infos zum Bündnis und zum Hilfetelefon

