Tipps für Kommunen
Geheimtipps: Wie kleine Orte Gäste anziehen
Nischen für mehr Tourismus besetzen
Spezialisierung kann sich lohnen. Statt zu versuchen, alles für jeden zu bieten, setzen einige Kommunen erfolgreich auf ein spezielles Thema und ziehen damit ein großes Publikum an. Eines der bekanntesten Beispiele hierfür ist der kleine Ort Wacken, der längst als Heavy Metal Hochburg zur Marke geworden ist. Aber auch weniger laute Inhalte können großen Output haben, ob es sich nun um die Spezialisierung auf „Eselwanderungen“ oder alte Obstsorten handelt. Ein weiterer Ansatz: Wurde im Ort ein bekannter Film gedreht, können entsprechend touristische Angebote entwickelt werden - etwa wie in Hillesheim, das sich konsequent als Schauplatz für Eifelkrimis inszeniert und verschiedene Begleittouren und -aktionen anbietet.
Ländliche Ruhe statt städtische Hektik bewerben
Gerade für gestresste Großstädter sind Kommunen auf dem Land ein attraktiver Ort, um dort Kraft zu tanken und in Ruhe zu arbeiten. In Zeiten von Remote-Work und Home-Office bietet das große Chancen für ländliche Kommunen. So kann es Sinn machen, gezielte Coworking-Spaces in alten Scheunen oder Dorfzentren aufzubauen und diese entsprechend als „Workation-Pakete“ zu vermarkten. In Prignitz hat man damit großen Erfolg.
Interkommunal zusammenarbeiten
Kleine Gemeinden allein haben oft zu wenig Budget für Marketing. Eine gute Lösung kann hier der Zusammenschluss mit anderen Kommunen sein, um gemeinsam touristische Angebote zu bestimmen Themen zu entwickeln. Ein Beispiel hierfür ist die Deutsche Spielzeugstraße, eine rund 300 Kilometer lange Ferienstraße, die durch die traditionellen Spielzeugregionen in Franken und Thüringen führt und auch etliche kleine Kommunen beinhaltet.
Geschichten über die Region erzählen
Oft fehlt es nicht an Attraktionen in Regionen, sondern an der entsprechenden Inszenierung. Ein Schlüssel dabei kann es sein, um die verschiedenen Anlaufpunkte herum Geschichten zu erzählen, etwa mithilfe digitaler Schatzsuchen, der Aufwertung bestehender Wanderwege durch Audio-Guides per QR-Code oder durch die Einrichtung von sogenannten „Insta-Points“. Wie das gelingen kann, kann man in Haßberge beobachten.
Erfolgreiche Tourismus-Strategie in Haßberge
Die Haßberge liegen im Norden Bayerns und die beteiligten Landkreise liegen größenteils im Regierungsbezirk Unterfranken. Deutlich jenseits der Hauptrouten und Hauptattraktionen und hat es dennoch geschafft, die Besonderheiten und charakteristischen Merkmale der Region attraktiv zu vermarkten. Wie Susanne Volkheimer, die Geschäftsführerin der Haßberge Tourismus e.V. im Naturpark Haßberge erzählt, wird dort seit den 2010er Jahren ein gezieltes Lebensraumkonzept verfolgt. Der Grund: „Der Tourismus im ländlichen Raum wurde als wichtiger Wirtschafts- und Standortfaktor erkannt, dessen positive Effekte über Gästezahlen hinausgehen und auch Handel, Gastronomie, regionale Produzenten und Arbeitsplätze stärken können“, so Volkheimer.
Verträglicher Tourismus in Einklang mit Bevölkerung
Seit 2016/2017 steht im Zentrum der Tourismus-Strategie der Lebensraum. Dabei ist es laut der Geschäftsführerin das Ziel, „einen verträglichen Tourismus im Einklang mit der Bevölkerung und den natürlichen Ressourcen zu gestalten“ und hochwertige freizeit-touristische Angebote zu schaffen, die an erster Stelle der eigenen Bevölkerung zugutekommen und darüber hinaus auch für Gäste attraktiv sind.

Preisgekröntes (E-)Radtourismus-Konzept
Wie man diesen Ansatz in Haßberge konkret umsetzt, verdeutlicht das neu gestaltete Radtourismus-Konzept, das gerade erst mit dem Goldenen Pedal des ADFC Bayern als „Bestes Radtourismus Gesamtkonzept 2025“ ausgezeichnet worden ist. Innerhalb von drei Jahren wurde in der Region das komplette Radtourenangebot überarbeitet und aufbereitet. Das Ergebnis: 23 neue Thementouren, die von 10 zentralen Orten ausgehend die gesamte Urlaubsregion in Rundtouren kleeblattförmig erschließen. Jede Tour fokussiert dabei ein für die Haßberge typisches Thema: von Burgen und Schlössern, Weinbau und Biervielfalt, über Fachwerk und Naturausstattung bis hin zur ehemaligen Innerdeutschen Grenze. Ergänzend gibt es einen Entdecker-Guide, der die Radfahrer unterwegs begleitet und spannende Hintergrundinformationen und witziges Sidestories zum jeweiligen Thema der Tour direkt aufs Smartphone liefert. 109 Stationen liefern Bilder, Videos und Texte zu den Sehenswürdigkeiten entlang der Touren und bieten auf diese Weise ein mehr oder weniger vollständiges Lexikon der natur- und kulturgeschichtlichen Schätzte der Region. Wer alle Stationen einer Tour einsammelt, kann sich schließlich in der Tourist-Information in Hofheim ein kleines Präsent abholen.
Erneuerung der Infrastruktur
Neben der Entwicklung des neuen Netzplans wurden mit dem Projekt außerdem gut 600 Radwegweiser und 97 dreiteilige Informationstafeln erneuert, über 1.800 Routenlogos zur Markierung der Touren verbaut und 15 Rad-Service-Stationen aufgestellt. Die Finanzierung des Projektes übernahmen die 56 beteiligten Kommunen aus 7 Landkreisen in Bayern und Thüringen. Gefördert wurde das Projekt durch LEADER-Mittel, einem Förderprogramm der EU zur Stärkung des Ländlichen Raumes. Projektpartner waren unter anderem das Tiefbauamt des Landkreises sowie die Bauhöfe der Kommunen.
Netzwerkarbeit ist das A und O
Dass Projekte wie das Radtourismus-Konzept in Haßberge derart erfolgreich sind, liegt laut der Tourismus-Expertin maßgeblich an der intensiven Zusammenarbeit und engen Abstimmung zwischen den verschiedenen Beteiligten. So gibt es ein großes Netzwerk aus Gastgebern, der Gastronomie, der örtlichen Tourist Informationen, den Direktvermarktern wie Winzern, Brauern, Landwirten, kommunalen Vertretern, den Wirtschaftsförderungen, dem Naturpark sowie den überregionalen Partnern und sind die Aufgaben klar verteilt. Während die Haßberge Tourismus e. V. Strategie, Produktentwicklung und Vermarktung koordiniert, sorgen die beteiligten Landkreise und Kommunen für die politische und organisatorische Rahmensetzung. „Wir übernehmen mit den Landkreisen, den Kommunen und bspw. dem Naturpark die Infrastruktur- und Angebotsentwicklung, während unsere Gastgeber die konkreten Erlebnisse liefern“, sagt Volkheimer. Die Werbung über die Region hinaus würde durch Partner wie der Franken Tourismus e.V. und der Bayern Tourismus Marketing GmbH mit gezielten nationalen und internationalen Maßnahmen garantiert.
Marktentwicklungen im Blick behalten
Damit das Lebensraumkonzept konstant trägt, ist es wichtig, die aktuellen Marktentwicklungen im Blick zu behalten. So würden aktuelle Reiseanalysen etwa zeigen, dass Gäste im Urlaub vor allem Erholung suchen, Sicherheit einen hohen Stellenwert einnimmt und naturnahe, gesundheitsfördernde Angebote zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Profil, Kooperation und Qualität
In Haßberge hat man in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gemerkt, dass Aufmerksamkeit nicht mehr automatisch durch Lage oder Größe entsteht, sondern „durch Profil, Kooperation und Qualität“. Ihrer Erfahrung nach bewährt es sich, wenn Kommunen jenseits der Hauptrouten ihr Alleinstellungsmerkmal klar definieren, sich in bestehende Netzwerke einbinden, Gesamterlebnisse statt Einzelattraktionen entwickeln und vermarkten und digitale Sichtbarkeit ernst nehmen. Authentisch sein - das ist aus Sicht von Volkheimer der Schlüssel, wenn es darum geht, eine glaubwürdige touristische Entwicklung anzustoßen. Das heißt auch: statt auf spektakuläre, aber isolierte Großprojekte zu setzen, macht es mehr Sinn, eine Region kontinuierlich touristisch zu entwickeln und zu vermarkten. All das aber funktioniert nur, wenn man auf ein stabiles Netzwerk setzen kann. So sagt die Geschäftsführerin: „Freizeit- und Tourismusentwicklung gelingen nur im Zusammenspiel von Kommunalpolitik, Verwaltung, Wirtschaft, Ehrenamt und Bürgerschaft. Vertrauen, Verlässlichkeit und ein kontinuierlicher Austausch sind die eigentlichen Träger nachhaltiger Entwicklung.“


