Fachkräftemangel
Vom Flüchtling zum Kämmerer
Bürgermeister verhindert Abschiebung
Der Ratzeburger Kämmerer stammt aus Afghanistan - und dürfte eigentlich gar nicht mehr hier sein. Am Tag seiner Volljährigkeit drohte ihm die Abschiebung. Für die Eltern und die noch minderjährigen Geschwistern galt das nicht. Dabei war der junge Mann bestens integriert, besuchte die Schule, arbeitete an einem beruflich orientierten Gymnasium an seinem Abitur, engagierte sich im Diakonischen Werk. Diesen bürokratischen Vorgang bekam der damalige Bürgermeister mit und wandte sich an Said Ramez Payenda - mit einem Ausbildungsangebot zum Verwaltungsfachangestellten. "Interessant für Sie?", fragte er, erinnert sich der Flüchtling. "Ich sagte ehrlich: Nein. Ich will Mathematik studieren." Trotzdem nahm er das Angebot an und durfte in Deutschland bleiben. "Wirklich alle haben sich für mich eingesetzt. Dafür bin ich noch heute dankbar." Payenda verkürzte seine Ausbildung sogar um sechs Monate. Er blieb bei der Stadt und machte nebenbei eine Weiterbildung zum Diplom-Verwaltungsfachwirt.
Kämmerer zur Bürokratie
Was braucht es, um den Job eines Kämmerers so zu mögen wie Said Ramez Payenda das tut? Der noch immer junge Mann lacht: "Man muss Zahlen mögen und braucht gute Beziehungen und eine enge Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen in den anderen Ressorts." Und wie kommt er mit der allgegenwärtigen deutschen Bürokratie zurecht? "Das Jammern kann ich einerseits nachvollziehen. Andererseits hat die Bürokratie auch Vorteile: Es gibt in Deutschland keine willkürlichen Entscheidungen wie in manch anderem Land." Derzeit arbeitet er in Ratzeburg intensiv an einem kommunalen Investitionsplan. "Wir haben 15 Jahre lang Schulden abgebaut, jetzt müssen wir - leider - neue Schulden machen."
Wie hat er seine eigene Integration in Deutschland erlebt? "Mir ist die Integration leicht gefallen. Flüchtlinge brauchen Ziele, ohne sie wird es schwierig. Lernen ist sinnstiftend, arbeiten auch." Auch habe er sich, sagt der Kämmerer, nicht darauf konzentriert, mit Menschen aus Afghanistan zusammen zu sein. "Wenn Flüchtlinge in ihrer eigenen Blase bleiben, dann werden die wenigsten echte Entwicklungen erleben. Ich wollte immer Eingang in die deutsche Gesellschaft finden und das ist mir auch gelungen."

Ich kann jeden verstehen, der beklagt, dass es Geld gegen Nichtstun gibt und so manche Rentnerin, die ihr Leben lang gearbeitet hat, im Alter von ihrer Rente nicht leben kann."
Migrationspolitik: Chancen geben, Pflichten einfordern
Und wie beurteilt der gebürtige Afghane die deutsche Migrationspolitik? "Wir brauchen, denke ich, schon an den Grenzen erste Interviews und Aufnahmestationen. Diese Prozesse dauern einfach zu lange. Ich bin auch dafür, Flüchtlinge, die hier kriminell werden, sofort abzuschieben. Auch wenn das für den oder die Einzelne hart sein kann." Allerdings, fügt er an, müsse man sich auch nicht wundern, wenn junge, beschäftigungslose Männer auf dumme Gedanken kämen. Gegen dumme Gedanken helfe vor allem eines: Arbeit. "Es kann nicht sein, dass all diese jungen Menschen für ihren Unterhalt nichts tun, obwohl viele gerne etwas tun würden. Eine verpflichtende ehrenamtliche Arbeit, die Teilnahme an Deutschkursen oder 400-Euro-Jobs sollten die Regel sein. Ich kann jeden verstehen, der beklagt, dass es Geld gegen Nichtstun gibt und so manche Rentnerin, die ihr Leben lang gearbeitet hat, im Alter von ihrer Rente nicht leben kann."
Bürgermeister als Berufsziel?
Said Ramez Payenda ist nur ein Beispiel dafür, wie Migrantinnen und Migranten dabei helfen, den Fachkräftemangel - auch in den Kommunen - abzufedern. Der 30-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von fünf und zwei Jahren. Im Urlaub war die Familie einmal in Afghanistan, aber davon abgesehen, unterhält Payenda keinerlei Beziehungen zu seinem Heimatland. Beruflich glaubt sich der engagierte Mann noch längst nicht am Ziel: "Ich kann mir vorstellen, auf Landesebene zu arbeiten oder in meiner Stadt für das Bürgermeisteramt zu kandidieren." Ach ja. Bürgermeisterkandidatinnen und -kandidaten lassen sich hierzulande häufig auch nicht finden.

