urbane Seilbahn in Koblenz
Die Seilbahn in Koblenz verbindet das Konrad-Adenauer-Ufer mit der Festung Ehrenbreitstein.
© Adobe Stock

Streit um Seilbahnen

Warum die Verkehrswende auf sich warten lässt

Werden wir bald die erste zukunftsweisende Vorbildkommune haben, die erfolgreich ein urbanes Seilbahnnetz in den ÖPNV integriert?

Über verstopfte Innenstädte gelassen hinwegschweben – In immer mehr Städten wird die urbane Seilbahn ernsthaft diskutiert. Während die bolivische Stadt La Paz mit ihrem Seilbahnnetz Schlagzeilen macht, sucht Deutschland noch nach einem Vorbild. Für die Befürworter liegen die Vorteile einer urbanen Seilbahn auf der Hand: Umweltverträglichkeit, Entlastung überfüllter Innenstädte, nachhaltige Erweiterung des ÖPNVs. Und das Beste: Die Technik muss nicht erst noch entwickelt werden, sie ist bereits vorhanden. Die Gegner kritisieren die Kosten, die Eingriffe in das Stadtbild und sorgen sich um ihre Privatsphäre. Trotzdem lässt sich in Deutschland kein einziges Modellprojekt finden. Woran liegt das? Gegenüber dem WDR formulierte es Verkehrsexperte Heiner Monheim so: „Wir gehen mit dem Seilbahnthema bisher in Deutschland doch ziemlich dilettantisch um. Also irgendjemand hat halt plötzlich eine Seilbahnidee und dann wird da ein bisschen drüber diskutiert. Wir haben noch keine einzige Stadt in Deutschland, die mal so einen Masterplan gemacht hat, wo man generell mal alle Lücken im Schienennetz analysiert und dann prüft: Welche dieser Lücken wären denn seilbahnwürdig oder seilbahnrelevant?“

Wird Bonn die erste Modellkommune mit urbaner Seilbahn?

Einer solchen Analyse unterzieht sich seit einigen Jahren Bonn. In der ehemaligen Bundeshauptstadt könnte eine urbane Seilbahn bald Teil des ÖPNVs werden. Zumindest ist sie das schon auf dem Papier, dem Bonner Verkehrsentwicklungsplan 2020, mit dem die Stadt den Verkehr nachhaltiger und ökologischer gestalten will. Eine Machbarkeitsstudie sollte 2017 zusätzlich Klarheit schaffen. Die Autoren halten die Seilbahn für technisch realisierbar. Seilbahngegner verweisen wiederum auf Unzulänglichkeiten in der Studie. Auf Bürgerdialogen und Podiumsdiskussionen bindet die Stadt die Bürger in die Diskussion um das Vorhaben ein. Nun warten alle Beteiligten auf die Ergebnisse einer in Auftrag gegebenen Nutzen-Kosten-Analyse, die schon im letzten Sommer präsentiert werden sollte. In einer Stellungnahme der Verwaltung vom 21. Oktober 2019 heißt es nun: „Da in Deutschland bisher noch keine Standardisierte Bewertung in Abstimmung mit dem Fördergeber für eine urbane Seilbahn durchgeführt wurde, mussten hierbei auf Grund der Besonderheiten des Seilbahnsystems von der Verfahrensanleitung nicht umfasste Annahmen getroffen werden.“ Die Beteiligten befänden sich im „Abstimmungsprozess“.

Das sind die Vorteile einer Seilbahn laut einer Machbarkeitsstudie (2017) in Bonn:

  • Seilbahnen können in der Luft schwebend jedes Hindernis überqueren.
  • Seilbahnen haben einen geringen Platzbedarf.
  • Seilbahnen können größere Fahrbahnneigungen bewältigen als jedes andere Fahrzeug.
  • Es gibt keine Kollision mit anderen Verkehrsteilnehmern, da die Fahrbahn exklusiv von der Seilbahn benutzt wird.
  • Der Motor dient beim Bremsen als Generator, der gewonnene Strom kann in das Stromnetz eingespeist werden.
  • Es genügt ein Motor, um mehrere Fahrzeuge zu bewegen.
  • Seilbahnen weisen im Vergleich zu anderen Verkehrssystemen relativ geringe Investitions- und Betriebskosten auf.
  • Seilbahnen benötigen vergleichsweise wenig Personal.
  • Der Energieverbrauch kann an die Passagierzahlen angepasst werden.
  • Seilbahnen sind ressourcenschonend; Verschleißteile können wiederverwertet werden.

Wer sind die Befürworter einer urbanen Seilbahn in Bonn?

Um dem Seilbahnbau etwas näher zu kommen, reichten erst letztes Jahr rund 5.200 Befürworter unter dem Motto „Agil mobil! Sicher und flexibel zur Arbeit“ eine Petition für das geplante Vorhaben ein. Treibende Kraft dahinter war eine Beschäftigteninitiative des Universitätsklinikums Bonn, die von der Anbindung an die Seilbahn besonders profitieren würde. Sie bekommt Rückendeckung von einem breiten Bündnis aus Umweltvereinen, Anwohnerinitiativen, Verkehrsclubs, der Fahrradlobby und der Interessenvertretung der Studierenden der Universität Bonn. Seit neuestem gibt es auch einen prominenten Unterstützer: Erst vor kurzem hat sich Oberbürgermeister Ashok Sridharan laut General-Anzeiger als Befürworter geoutet. Er hatte sich zum Seilbahnprojekt lange nicht positioniert.

Wer sind die Gegner einer urbanen Seilbahn in Bonn?

Aber auch die Seilbahngegner wissen sich zu mobilisieren. Sie diskreditieren die eingereichte Petition als „Stimmungsbarometer“. Die Zentrale des Widerstands liegt wohl in Dottendorf, einem kleinen Stadtteil Bonns mit vielen Reihen- und Einfamilienhäusern. Die Seilbahn soll sich durch den Stadtteil ziehen. Im Onlineforum des Bürgerdialogs bescheinigt Nutzer AKU den Bewohnern ein Organisationstalent: „Das muss man den Dottendorfern lassen: Sie haben den Widerstand gegen die Seilbahn vom ersten Augenblick an sehr gut organisiert.“ Selbst die Webseite „Bonn bleibt seilbahnfrei“ ist in dem Stadtteil zuhause. Die Seilbahngegner kritisieren vor allem die Ästhetik, die hohen Kosten und die Kollateralschäden wie die Abholzung von Bäumen, die durch den Bau der Seilbahn entstehen könnten. Auch die Planung eines Seilbahnträgers auf einem Schulgelände führte zu Irritationen.

Im nahegelegenen Wuppertertal scheiterte das urbane Seilbahnprojekt

Trotz Schwebebahn keine urbane Seilbahn Adobe Stock

Im nahegelegenen Wuppertal ist das Seilbahnprojekt im Jahr 2019 gescheitert. Dabei war die Stadt schon einmal Vorreiterin, als sie 1901 die Schwebebahn fertigstellte. In puncto Seilbahn will die Stadt kein Modell für andere Kommunen mehr sein. Bei einer Bürgerbefragung lehnten 62% der Wuppertaler eine urbane Seilbahn ab. Befürworter und Gegner hatten zuvor erbittert diskutiert. Am Ende hat der eigens gegründete Verein „Seilbahnfreies Wuppertal“ den lokalen Streit für sich entschieden. Die potenziellen Betreiber, die Wuppertaler Stadtwerke, haben nun das Nachsehen. „Wir bedauern dies sehr, denn wir sind von der Idee überzeugt“, ließ der WSW mobil-Geschäftsführer Ulrich Jaeger verlauten.

Experten verteidigen die urbane Seilbahn

Verkehrsexperten wie Heiner Monheim sprechen sich dafür aus, Seilbahnen als ernstzunehmendes Verkehrsmittel in den Pool aus Möglichkeiten aufzunehmen. Sie weisen aber auch darauf hin, dass dies nachhaltig und gewissenhaft geschehen müsse. Rudolf Juchelka, Direktor des Instituts für Geografie an der Universität Duisburg-Essen meint gegenüber dem Deutschlandfunk aber auch: „Die Seilbahn kann kein alleiniges Lösungsmittel aller urbaner Verkehrsprobleme sein, sie muss integriert sein in ein Gesamtkonzept aus Bus, aus Straßen, aus Stadtbahn, aus U-Bahn in den ganz großen Städten.“