Familien
Wie Babylotsen Familien in Not Halt geben
Hilfe für junge Familien in Krisen
„Wir versuchen, Belastungen und Krisensituationen in Familien zu erkennen und dann entsprechend weiterzuvermitteln“, sagt Jennifer Konradt, die als ambulante Babylotsin beim Caritasverband für die Stadt Castrop-Rauxel e.V. tätig ist. Zusammen mit ihrer Kollegin, die stationär im Krankenhaus arbeitet, sei sie ein freiwilliges Angebot an die Familien, um diese psychosozial zu beraten und mit ihren Anliegen an die passenden Stellen weiterzuvermitteln.
Zusammenarbeit mit Gynäkologen und Kinderarzt
Um die Familien möglichst in der Breite zu erreichen, arbeitet Konradt mit zwei gynäkologischen und einer Kinderarzt-Praxis zusammen. Dort können die Eltern einen sogenannten „Anhaltsbogen“ ausfüllen und mögliche Probleme bei ihrer persönlichen Situation kundtun. Die ausgefüllten Bögen werden von ihr gesichtet. Dabei gibt es verschiedene Hinweise, die bei der Lotsin dazu führen, dass sie Kontakt aufnimmt mit der Familie. Dazu gehören etwa die Minderjährigkeit der Mutter, Verständigungsschwierigkeiten, Anzeichen für Armut, ein Flüchtlings- oder Asylstatus oder Anzeichen für eine psychische, chronische oder eine Sucht-Erkrankung bei Mutter oder Vater. „Bei circa 30 Prozent der Familien mit jungen Kindern finden sich gleich mehrere solcher Belastungsfaktoren“, sagt Konradt, und entsprechend hoch sei dann der Unterstützungsbedarf.
Von der Hebammensuche bis zur Kindeswohlgefährdung
Die Themen, die die ambulante Babylotsin in den Gesprächen mit den Familien bespricht, sind ausgesprochen vielfältig und reichen von fehlenden Informationen beim Ausfüllen von Anträgen über die Suche nach einer Hebamme bis hin zur drohenden Wohnungslosigkeit, Bekämpfung einer Suchterkrankung oder möglicher Gefährdung des Kindeswohls. „Manchmal ist ein Problem mit nur einem Telefonat geklärt und geht es um ganz praktische Dinge wie die korrekte Beantragung von Elterngeld, manchmal treffe ich die Frauen aber auch mehrmals und brauchen diese eine intensive Unterstützung durch weitere Anlaufstellen“, so Konradt. Entsprechend ihrer Lotsen-Aufgabe vermittelt sie an entsprechende Stellen wie die frühen Hilfen der Kommune weiter und baut Brücken hin zu intensiveren Unterstützungsangeboten. „Letztlich geht es darum, die Eltern so zu stärken, dass sie sich selbst gut um ihr Kind kümmern können“, sagt die Babylotsin.

Bundesweites Programm
Beim Programm der „Babylotsen“ handelt es sich um ein bundesweit verbreitetes Präventionsprogramm zum Schutz und zur frühen Gesundheitsförderung von Kindern, das 2007 am Katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg entwickelt wurde. Mittlerweile sind Babylotsinnen an über 96 Geburtskliniken in 13 Bundesländern aktiv, außerdem in Arztpraxen in sechs Kommunen, und begleiten Familien ab Beginn der Schwangerschaft bis zum ersten Geburtstag des Kindes. Die verschiedenen Träger des Programms wie etwa der Caritasverband in Castrop-Rauxel sind dabei Mitglied im Qualitätsverbund Babylotse, der einheitliche Qualitätsstandards für die Begleitung der Eltern und Kinder festlegt.
Finanzierung der Babylotsen: Ein ungelöstes Problem
Um als Babylotsin im Einsatz zu sein, hat Jennifer Konradt wie auch ihre Kolleginnen ein Studium im Bereich Soziale Arbeit abgeschlossen; darauf aufbauend hat sie beim Qualitätsverbund eine Weiterbildung zur zertifizierten Babylotsin in zwei Theoriemodulen und einem Praxismodul absolviert. Für ihre Arbeit ist sie damit ausreichend geschult – einzig die Arbeitszeit ist mit nur 7 Stunden pro Woche viel zu wenig, wie sie sagt. „Die Nachfrage ist groß und es gibt einen enormen Bedarf“, so die Babylotsin. Diesen könnten sie und ihre Kollegin im Moment nur zum Teil bedienen, was an der schwierigen Finanzierungslage liegt. Das Problem: Aktuell gibt es keine Regelfinanzierung für das Programm, stattdessen hängt die Tätigkeit der Babylotsen oft an befristeten Verträgen und Fördermitteln. Die Stelle von Jennifer Konradt wird komplett finanziert aus Fördermitteln des Programms „kinderstark“ NRW finanziert und ermöglicht so aktuell sieben Stunden ambulante Babylotsenarbeit in der Woche.
Starke Netzwerke entscheidend
In den Kommunen sind die Babylotsen intensiv eingebunden und eng im Austausch mit den verschiedenen Anlaufstellen. „Es braucht definitiv ein gutes Netzwerk, um Familien schnellst- und bestmöglich zu den Unterstützungsangeboten zu lotsen“, stellt sie fest. Die Stadt Castrop-Rauxel sei daher Teil der Netzwerke Kinderschutz und Frühe Hilfen seitens der Kommune. Auch mit dem Bürgermeister bestünde ein regelmäßiger Kontakt. „Es gibt in den Kommunen ja meist bereits ein großes Hilfsangebot für Eltern und Familien“, betont Konrad. Das Problem sei nur häufig, dass dieses aus Unkenntnis, Überforderung oder auch Scham nicht in Anspruch genommen werde. Die Babylotsen versuchen das zu ändern und stabilisieren damit die Situation von Familien vor Ort.


