Ein Schwimmbad brennt ab - dank erfolgreicher Bürgerbeteiligung ist in Konstanz ein neues entstanden

Bürgerbeteiligung sinnvoll nutzen

Sa, 06.01.2018

In vielen Städten müssen Schwimmbäder geschlossen werden. In Konstanz hingegen wird zur Zeit ein Neues gebaut – unter massiver Beteiligung der Bürgerschaft, von Vereinen und der Stadtverwaltung. Im KOMMUNAL-Gastbeitrag spricht der Konstanzer Bürgermeister für Soziales, Bildung, Kultur und Sport, Andreas Osner, über den „heißen Herbst der Aushandlungen“.

Text: Bürgermeister Andreas Osner In Konstanz am Bodensee brannte 2015 das Schwaketenbad, das größte Schwimmbad der Stadt, vollständig ab. Nun wird bis 2019 ein neues gebaut – und das größer als zuvor. Tatsächlich sahen wir uns mit der Situation konfrontiert, ob wir es uns leisten können, ein zu kleines Bad zu bauen. Konstanz ist eine dramatisch wachsende Schwarm-Stadt: Die Bevölkerung nimmt jedes Jahr um mehr als 1.000 Menschen zu. Die Nachfrage nach mehr Wasserfläche ist also vorhanden. Schwimmen ist bei uns kein Luxus, sondern gehört zur Grundversorgung. Nahezu jeder zweite der rund 86.000 Konstanzer geht Schwimmen. Allein die Konstanzer Vereine stellen über 1.000 aktive Schwimmer. Die Universität nutzt das Bad für ihre Lehrerausbildung und den Hochschulsport. Wie der Sport überhaupt leistet Schwimmen einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsförderung, zur Integration und damit zum sozialen Zusammenhalt.

Kostenfrage war anfangs ungeklärt

Unsere Zwickmühle war: Können wir uns ein deutlich größeres Bad finanziell leisten? Bloß keine Luftschlösser! Andererseits: Können wir uns aus sozialen und Bildungsgesichtspunkten ein zu kleines Bad leisten? Unser Ansatz war, zunächst einmal die verschiedenen Akteure und Interessengruppen frühzeitig einzubinden. Konstanz hat eine hochengagierte und sehr gut organisierte Bürgerschaft.  So suchten der Sportbürgermeister und die städtische Bädergesellschaft Konstanz  das Gespräch mit den Konstanzer Schwimmvereinen, Stadtsportverband, DLRG, Schulen und der Universität. Es wurde auch der frisch gegründete Förderverein „Wiederaufbau Schwaketenbad“ zu den Planungstreffen eingeladen.

Bürgerbeteiligung war der Schlüssel zum Erfolg

Es folgte ein „heißer Herbst“ der Aushandlungen. In mehreren Runden Tischen im Herbst 2015 legten die verschiedenen Vertreter ihre Anforderungen und Wünsche schriftlich dar. Schwimmvereine und Universität erstellten Modellvarianten, die aus ihrer Sicht den künftigen Bedarf an Schwimmflächen abdeckten. Darüber hinaus legten sie ganzjährige, stundenscharfe Belegungspläne bei, die die Notwendigkeit zusätzlicher Wasserflächen aufzeigten. Der Förderverein seinerseits führte eine Umfrage auf Facebook durch und wertete mehrere Hundert Fragebögen aus.

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Alles lag auf dem Tisch: Vom Riesenbad mit acht 50-Meter-Bahnen mit getrennten Hubböden und integriertem Sprungturm bis zum „kleinen“ Schwimmbad alter Dimension mit den allernötigsten technischen Updates.  

Was für uns als Fachverwaltung faszinierend war: Alle Analysen, Berechnungen und Umfrageauswertungen der Aktiven waren außerordentlich detailliert und professionell gemacht. Wir haben das vorgelegte Material als wesentliche Informationen für die weitere Konzeption angesehen und verwertet. Das geht nur, wenn man aus Sicht der Verwaltung / Bädergesellschaft die Vereine nicht als reine „Lobbyisten“ ansieht, sondern auch als kompetente Partner wertschätzt. Daher konnten wir in den vielen Gesprächen gegenseitiges Vertrauen aufbauen und Konsens erzielen. Der vorläufige Abschluss der Planungsrunden mit den Vereinen war der Workshop im November 2015. Dieser Termin führte schließlich zu einer von Stadt, Bädergesellschaft und Sportvereinen gemeinsam getragenen und empfohlenen Modellvariante. Dieses Modell lieferte die Basis für die politische Beratung, die europaweite Ausschreibung, das überarbeitete Preiskonzept und den Projektbeschluss des Gemeinderates.

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Dank der Bürgerbeteiligung gab es ein überzeugendes Ergebnis

Am Ende gab es ein bemerkenswertes Ergebnis: Es sollte ein ungewöhnliches Familien- und Sportbad, mit zwei 25-Meter-Becken mit je sechs Bahnen, werden. Dadurch können Öffentlichkeit und Vereine wie Uni abgetrennt voneinander und parallel trainieren und das neue Bad ist mit Blick auf unser überproportionales Bevölkerungswachstum im wahrsten Sinne nachhaltig geplant: Es ist sowohl bezüglich der Wasserfläche, der Grundfläche als auch der Gebäudedimension 1,6-fach so groß wie das Alte.Wir lernen auch aus einem kommunikativen Vorlauf, der als Blaupause für andere Planungen dienen kann: Mit der Einbindung von Engagement und Erfahrung breiter Nutzerschichten auf Augenhöhe haben wir etwas mehr Zeit gebraucht, aber noch viel mehr gewonnen: Die Kombination aus Fachexpertise und der Kompetenz engagierter Bürger verlieh der Diskussion eine hohe Ernsthaftigkeit und Qualität. Die gefundene Lösung genießt eine hohe Akzeptanz. Der Ratsentschluss im September 2016 für das größere Bad fiel fast einstimmig. Damit tragen wir den Bedürfnissen aller Nutzer Rechnung und erkennen die Leistung der Bürger, die sich in die Planung einbrachten, nicht nur im Reden, sondern im Tun an.

Bürgerbeteiligung beim Badbau - eine kleine Chronologie:

  1. Juli 2015 – Das Schwaketenbad brennt ab18. und 19. September 2015 – aufeinander folgende Runde Tische mit Vertretern der Schulen, Schwimmvereinen, Universität und Förderverein.November 2015 – Workshop mit den SportvereinenMärz 2016 – Europaweite AusschreibungAugust 2016 – Ein Architekturbüro erhält den Zuschlag. Der Kostenrahmen beträgt 28,4 Millionen Euro.September 2016 – Der Gemeinderat fasst Projektbeschluss zum Neubau des Schwaketenbades mit zweitem Becken.

Anfang Dezember 2017 – Baubeginn. Mitte Oktober 2019 – Geplante Eröffnung.

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