Marcus Weise ist seit zwei Jahren Bürgermeister von Harzgerode.
Benjamin Lassiwe
Marcus Weise ist seit zwei Jahren Bürgermeister von Harzgerode.

Bürgermeister mit 26 - Marcus Weise ist stolz auf seine Heimat

Mit 26 wurde er Bürgermeister, nun ist er seit zwei Jahren im Amt in einer malerischen Kleinstadt mit Dampfzug und typischen Fachwerkbauten. Marcus Weise ist Bürgermeister von Harzgerode im Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt. KOMMUNAL hat ihn in seinem traditionsreichen Rathaus besucht.

„Ich liebe die Stadt und die Menschen hier, und habe mich schon immer hier engagiert“, sagt Weise. Als 14-Jähriger wurde er Schülersprecher, zwei Jahre lang war er sogar Landesschülersprecher von Sachsen-Anhalt. Nach seinem Studium von Politik und Wirtschaft in Halle wurde er zunächst Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten. 2009 trat er das erste Mal für den Stadtrat an. Warum er in die Kommunalpolitik ging? „Weil man hier so nahe an den Menschen dran ist, wie auf keiner anderen politischen Ebene“, sagt Weise. Jeden Tag habe er direkten Kontakt mit den Bürgern. „Natürlich ist man damit auch direkter Kritik ausgesetzt – aber es gebe eben auch keinen anderen politischen Bereich, wo man so schnell Dank und Anerkennung erhält“. Denn als Kommunalpolitiker sei man eben in erster Linie einmal Problemlöser. Aber wie gehen die Seniorenvereine damit um, wenn da so ein verhältnismäßig junger Bürgermeister zur Weihnachtsfeier kommt? „Für viele bin ich wohl der personifizierte Enkel“, meint der 28-Jährige. Vor allem geht es aber ums Vertrauen: „Gerade die Älteren kostet es ja auch Mut, zu sagen, wir übertragen dem Jungen die Verantwortung unserer Stadt.“ Dieses Vertrauen sei ihm wichtig. „Damit muss man verantwortungsvoll umgehen.“ Dann berichtet der Bürgermeister von einer Seniorenweihnachtsfeier in Harzgerode. 190 Menschen sitzen an Tischen im Saal. „Wenn ich nicht zu jedem einzelnen Tisch komme, gibt es hinterher Ärger“, erklärt er uns. Und am Ende so eines Tages hat das Stadtoberhaupt dann 30 bis 40 Arbeitsaufträge in seinem Notizblock stehen. „Ich bin mal mit dem Anspruch angetreten: Ich möchte, dass die Menschen, die hier leben, stolz auf ihre Heimat sind“.

Bürgermeister Marcus Weise will Schrumpfung stoppen

Im vergangenen Jahr wurde das Engagement belohnt: Harzgerode wurde Sachsen-Anhalts Kommune des Jahres 2018. „Es ist uns gelungen, eine fünfzig-Millionen-Euro-Investition der Schlote-Gruppe nach Harzgerode zu holen“, so der Bürgermeister. 150 neue Jobs seien entstanden. „Und wir haben von Februar bis Dezember die komplette Halle stehen gehabt.“ Vom Bauantrag bis zur Produktion. Dazu kommt das „innovative Demographiemanagement“ von Harzgerode. Die Stadt hat seit 1990 ein Drittel ihrer Bevölkerung verloren, ist von 12.000 auf 8.000 Einwohner geschrumpft. „Wir müssen etwas tun, um wieder mehr zu werden“, sagt der Bürgermeister. Die Stadt hat eine Internetplattform aufgebaut, die sich an den drei Themen „Arbeiten“, „Wohnen“ und „Leben“ orientiert. Auf der Seite findet sich das komplette Arbeitsplatzangebot der Stadt. Und man kann eine Initiativbewerbung ans Rathaus schicken – die Stadtverwaltung verschickt diese dann an alle Gewerbetreibenden der Stadt. Und gibt die Kontaktdaten bei Bedarf auch an die Agentur für Arbeit weiter, die dann im Umfeld der Stadt nach passenden Arbeitsplätzen sucht. Genau so läuft es auch bei Wohnungsgesuchen: Die Kommune hat eine Liste aller Vermieter der Stadt erstellt, und leitet die Angebote einfach weiter. „Über diese Seite stellen wir den Kontakt des Interessenten, der in die Stadt zurück will, mit allen Unternehmen und allen Wohnungsanbietern der Stadt her“, erklärt der 28 jährige. „Wir können das gesamte Portfolio vermitteln.“

Daniel Schultheiß ist neuer Oberbürgermeister von Ilmenau.

Dazu hat sich die Stadt entschieden, ein eigenes Baukindergeld zu bezahlen. „Bei uns bekommt jede Familie je Kind 2.000 Euro – egal, ob er ein Haus kauft, saniert oder neu baut“. Es muss nur Eigentum sein, und man muss seinen Hauptwohnsitz in der geförderten Immobilie haben. Das fördere den Anreiz, sich vor Ort niederzulassen. Die Unternehmen vor Ort würden dann meist ebenfalls noch etwas dazugeben, um die Mitarbeiter vor Ort zu halten. Und auch beim Bürgerservice geht die Stadt neue Wege: Das Bürgeramt der Stadt ist auch am Samstag geöffnet. Wer in Harzgerode wohnt und zum Arbeiten woanders hin pendele, habe kaum Möglichkeiten, ansonsten mit den städtischen Behörden in Kontakt zu treten und beispielsweise einen neuen Personalausweis zu beantragen, so die Begründung. „Vom Bürger zu verlangen, er muss einen Tag Urlaub nehmen, um beim Amt irgendeinen Antrag zu stellen, geht doch nicht."

Mehr zum Thema Nachbarschaft mit unserem Probe-Abonnement!

Ein Problem für die Stadt sind allerdings die unterschiedlichen Löhne in Ost und West. Denn nur ein paar Kilometer von Harzgerode entfernt beginnt das Bundesland Niedersachsen. „Man kann heute doch keinem mehr erklären, warum Leute für die gleiche Arbeit unterschiedlich entlohnt werden“, sagt der Bürgermeister. „Hier muss sich etwas ändern.“ Mittlerweile bleibe den Unternehmen in Harzgerode oft nur noch übrig, freiwillig den Westtarif zu bezahlen, wenn sie neue Mitarbeiter finden wollen. Und auch beim Freizeitangebot hat Harzgerode Nachholbedarf. Ein Kino, ein Theater, selbst ein Fitnesstudio gibt es noch nicht in der Stadt. Hier will sich die Kommune in den nächsten Jahren engagieren, ein neues Freizeitzentrum bauen. „Es fährt ja niemand eine halbe Stunde nach der Arbeit durch die Gegend, nur um ins Fitnesstudio zu gehen.“

Mehr zum Thema

Weitere Artikel von Benjamin Lassiwe

Neuester Inhalt

Immer informiert bleiben!

Jetzt für KOMMUNE.HEUTE anmelden und die Neuigkeiten der kommunalen Welt kommen direkt in Ihr Postfach.
 Ja, ich habe die Datenschutzerklärung verstanden und akzeptiere sie.*

Ja, ich möchte im Newsletter persönlich angesprochen werden! (optional)