Bürgermeisterin von Pattensen, Ramona Schumann in ihrem Amszimmer.
Die Rathauschefin von Pattensen
© Benjamin Lassiwe

Pattensen

Bürgermeisterin als Social-Media-Fan

Ramona Schumann ist als Rathauschefin von Pattensen überregional in sozialen Netzwerken bekannt. In die Kommunalpolitik kam sie durch die vergebliche Suche nach einem Krippenplatz.

Es war die Frage, die Ramona Schumann nach ihrer Wahl am häufigsten hörte: ”Was trägt die Bürgermeisterin wohl am Schützenfestsonntag?” Denn in Pattensen, einer niedersächsischen Kleinstadt wenige Kilometer südlich von Hannover, ist es eine alte Tradition: Wenn das ”Uniformierte Jägercorps der Stadt Pattensen” zum Schützenfest aufmarschiert, ist auch der Bürgermeister dabei. Und eine noch aus dem 19. Jahrhundert stammende Satzung regelt, dass er dabei Frack, Zylinder und weisse Handschuhe tragen muss.

Zuerst bei der Finanzkontrolle Schwarzarbeit, dann Bürgermeisterin

Ramona Schumann kam selbstverständlich nicht in Frack und Zylinder zum Schützenfest. Die Sozialdemokratin ist die erste Frau an der Spitze des Rathauses von Pattensen – einen Präzedenzfall, an dem sie sich orientieren konnte, gab es nicht. Wie es dazu kam, dass sie sich kommunalpolitisch engagiert? „Als ich mit 25 nach Pattensen gezogen bin, stand ich kurz vor der Geburt meiner älteren Tochter“, sagt Schumann. Damals arbeitete sie bei der „Finanzkontrolle Schwarzarbeit“, die zunächst bei der Bundesagentur für Arbeit und später dann beim Zoll angesiedelt war. Und eigentlich wollte sie zeitnah wieder arbeiten, um nicht durch eine Elternzeit die Zeit bis zur nächsten Beförderung zu verlängern. „Aber als ich im Rathaus anrief, und nach einem Krippenplatz fragte, sagte man mir: Das gibt es hier nicht“, sagt Schumann. „Das brauchen wir hier nicht.“

Die junge Mutter war empört. Schließlich fand sie in Hildesheim eine Tagesmutter für ihre Tochter – doch in Pattensen begann sie, sich zunächst in Elterninitiativen, dem Elternbeirat und dem Stadtelternrat für mehr Kinderbetreuung zu engagieren. Mit der Zeit kam eines zum anderen, Schumann wurde sachkundige Einwohnerin. In eine Partei freilich trat sie vorläufig nicht ein. Im Gegenteil. Mehr als einmal sagte Ramona Schumann: „So lange ich nicht 30 bin, trete ich in keine Partei ein.“ Mit dem Ergebnis, dass an ihrem 30. Geburtstag eine Freundin, die Sozialdemokratin war, mit Blumenstrauß und Aufnahmeantrag vor der Haustür stand.

Ramona Schumann nutzt Social-Media



Als Bürgermeisterin ist Schumann heute über die Grenzen von Pattensen hinaus bekannt. Was auch an ihrem Engagement im digitalen Raum liegt. Sie organisiert Talkrunden im Netzwerk „Clubhouse“, ist bei Facebook aktiv und auf Instagram präsent - und sagt doch klar und deutlich: „Das Internet kann das Analoge nicht ersetzen.“ Gerade wenn man zum ersten Mal eine Person treffe, sollte die Begegnung eine aus Fleisch und Blut sein, meint Schumann. Zudem würden in der digitalen Welt Dinge oft unnötig gehypt. Ein Beispiel? „Im Sommer hatten wir bei heißen Temperaturen das Rathaus schon mittags geschlossen, damit die Kollegen Überstunden abbauen“, sagt Schumann. „Ich war im Urlaub. Entschieden wurde das also in Vertretung. Wenn ich Urlaub mache, dann ruhen auch meine social media Kanäle."

Wenn ich Urlaub mache, dann ruhen auch meine social media Kanäle."

Ramona Schumann, Bürgermeisterin von Pattensen

Die Reaktionen in den sozialen Netzwerken waren dennoch immens. „Es kann doch nicht sein, dass Beamte hitzefrei bekommen“, hieß es da etwa. „Es gab zwei Tage richtige Aufregung – aber nur zwei Tage und ich habe davon gar nichts mitbekommen“, sagt Schumann. „Es fühlte sich aber für die Mitarbeiter, die da eine Entscheidung getroffen hatten, wie ein wahnsinniger Hype an.“  Als die Bürgermeisterin aus dem Urlaub wiederkam, war „alles verraucht“. Sie stellt fest: „So ist es in der digitalen Welt fast immer.“

Pattensen hofft auf Schienenanschluss

In der Kohlenstoffwelt beschäftigt sich die Bürgermeisterin dagegen mit Themen wie dem fehlenden Schienenanschluss: Pattensen ist eine der letzten Kommunen in der Region Hannover, in die keine Gleise führen. In der Nachbarstadt Hemmingen allerdings soll demnächst die Stadtbahn von Hannover enden. „Da gibt es durchaus Bestrebungen, die Bahn zu uns zu verlängern“, sagt Schumann. „Aber vorerst wäre schon eine besser getaktete Busanbindung zur Schiene wünschenswert, um wenigstens Wartezeiten zu reduzieren.“ Und dann sind da die Finanzen. Denn wie viele Kommunen leidet auch Pattensen unter der notorischen Unterfinanzierung der kommunalen Ebene. „Wir sind kaum in der Lage, mit unserem Budget die Pflichtaufgaben zu erfüllen“, sagt Schumann. Mehr als 97 Prozent des Haushalts seien etwa mit dem Betrieb von Kitas, Schulen und der Feuerwehr belegt. Nur rund 2,4 Prozent stünden noch frei zur Verfügung. „Und die Vorschriften, etwa beim Brandschutz beim Bau, werden immer mehr und zu echten Kostentreibern“, beklagt die Bürgermeisterin.

Pattensen
Die Kleinstadt Pattensen in Niedersachsen ist etwa 15 Kilometer von Hannover entfernt.

Um eine Million Euro im Haushalt einzusparen, hat sich die Kommune auf viele schmerzhafte Einschnitte geeinigt: Der Neujahrsempfang fällt auch nach Corona aus, die Adventsbeleuchtung wird reduziert, im Bürgeramt bleibt eine Stelle länger als geplant unbesetzt, es wird keine Aufforstung bereits entnommener Bäume geben und die Gleichstellungsarbeit soll reduziert werden. Das sind nur einige, kleine Beispiele. Ramona Schumann schmerzen solche Einsparungen. Denn der Bürgermeisterin liegt ihre Stadt am Herzen. „Eine gute Bürgermeisterin muss Leidenschaft für ihr Amt und Liebe zur Stadt haben“, sagt sie. „Und man muss im Dialog bleiben, auch wenn es hakelig ist.“

Da bleibt am Ende nur die Frage, was Ramona Schumann denn nun anhatte, in ihrem ersten Amtsjahr, am Schützenfestsonntag? Die Bürgermeisterin lacht. „Ich habe mich beraten lassen“, erzählt sie. „Der Frack und der Zylinder, das war ja der Staat, also die ganz formelle Kleidung, den der Bürgermeister tragen sollte – da habe ich mich für das weibliche Pendant entschieden: Schwarzes Kleid, weiße Handschuhe und ein Hut.“ Im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen, die an ihrer Kleidung nicht viel ändern können, hat die Bürgermeisterin dabei die Freiheit, zum Beispiel mit der Wahl der Kopfbedeckung auch eine Stimmung auszudrücken. „Mittlerweile habe ich schon eine stattliche Zahl von Hüten, die ich beim Schützenfest getragen habe“, sagt Schumann. „Und vielleicht werden einige davon ja noch für einen guten Zweck versteigert.“