Bürgernähe
Sprechstunde daheim: Wohnzimmer statt Rathaus
Das Gespräch zu Hause ist intensiver
Die Termine werden nach unseren sechs Ortsteilen Conweiler, Schwann, Feldrennach, Ottenhausen, Langenalb und Pfinzweiler gebündelt. Anschließend besuche ich die Menschen zu Hause – für ein Gespräch von etwa 20 Minuten, ganz ohne großen Aufwand und auf Wunsch auch ohne vorherige Themenangabe. Warum dieser zusätzliche Weg? Weil kommunale Politik vom persönlichen Austausch lebt. Natürlich gibt es in einer Verwaltung Fachabteilungen, die Anliegen bearbeiten und Probleme lösen. Dennoch ist es etwas anderes, wenn ich vor Ort erlebe, was die Menschen beschäftigt. Wenn mir jemand schildert, dass Autos regelmäßig zu schnell durch die Straße fahren, gewinnt die Situation an Kontur, wenn ich direkt vor der Haustür stehe.
Temposünder und "böse Nachbarn"
Oft ergeben sich im Gespräch Perspektiven, die in einem Schreiben oder Telefonat verborgen bleiben würden. Es gibt Besuche, die Schicksale offenlegen und mich traurig zurücklassen. Da geht es oft nicht um Lösungen, sondern um das Zuhören. Ich war bei einer Bürgerin, die kaum noch mobil ist, eine sehr schmale Rente hat und leider auch nicht die Möglichkeit hat, so aufzutreten, dass ihr die Mitmenschen helfend zur Seite stehen. Das macht mich betroffen. Ich höre ihr zu und sehe viele Möglichkeiten und weiß, sie wird keine ergreifen. Einsame Menschen nehmen in meiner Wahrnehmung zu. Ich glaube, am Ende des Gesprächs hatte sie schon den Grund des Besuchs vergessen.
Temposünder oder „böse“ Nachbarn sind auch recht oft Hintergrund der Gespräche. So wird mir dann hinter dem Vorhang die Situation geschildert und ich muss aufpassen, mich nicht als beauftragter Privatdetektiv zu fühlen. Und es gibt lustige Treffen. Eine Turngruppe hat nun beschlossen, den Bürgermeister zum Frühstück einzuladen. Damit das klappt, wollen sie als Gruppe, getarnt durch
Einzelbuchungen hintereinander, die Sprechstunde daheim buchen. Ich werde diesen Spaß selbstverständlich mitmachen und da dies erst nach Veröffentlichung dieser Ausgabe stattfinden wird, kann ich leider nicht berichten, was es gab und ob es lecker war.
Sprechstunde daheim eine schöne Form der Bürgerbeteiligung
Die „Sprechstunde daheim“ ist zugleich eine Weiterentwicklung unserer bisherigen Bürgerbeteiligung. Außerdem teile ich im „Wort zum Freitag“ jede Woche auf Instagram ein paar Einblicke in aktuelle Themen und Entwicklungen – das kommt richtig gut an und ist auch eine schöne Form von Bürgerbeteiligung. Vor der Corona-Pandemie wurden die Sprechstundentermine vor allem persönlich im Rathaus wahrgenommen. Während der Pandemie kamen Telefon- und Videosprechstunden hinzu, die bis heute bestehen. Bürgerinnen und Bürger können ihre Termine online buchen und zwischen digitalem, telefonischem oder dem persönlichen Gespräch im Rathaus wählen. Gelegentlich biete ich auch Abendsprechstunden an.
Wer kommunale Politik
gestalten will, muss zuhören.“
Helge Viehweg, Bürgermeister der Gemeinde Straubenhardt, Baden-Württemberg
Bürgermeister kommt regelmäßig in die Wohnzimmer
Trotz dieser vielfältigen Möglichkeiten haben wir vor einigen Jahren festgestellt, dass die Nachfrage zurückging. Das musste nicht bedeuten, dass es weniger Anliegen gab. Vielmehr stellte sich die Frage, ob manche Menschen möglicherweise Hemmungen haben, einen Termin im Rathaus zu vereinbaren oder den Weg dorthin auf sich zu nehmen. Genau hier setzt die „Sprechstunde daheim“ an. Ein weiterer Vorteil liegt in der besseren Erreichbarkeit. Unsere Gemeinde verfügt über drei Rathausgebäude, von denen nur eines vollständig barrierefrei ist. Mit Hausbesuchen kann ich auch Menschen erreichen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind oder denen ein Besuch im Rathaus schwerfällt. Damit wird kommunale Teilhabe einfacher und unmittelbarer. Die Idee entstand auch aus konkreten Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern. Immer wieder wurde der Wunsch an mich herangetragen, ein Problem nicht nur zu schildern, sondern direkt vor Ort zu zeigen. Aus diesen Einzelanliegen entwickelte sich schließlich ein regelmäßiges Angebot.
Straubenhardt mit seinen rund 11.600 Einwohnerinnen und Einwohnern lebt von einem starken Gemeinschaftsgefühl. Unsere sechs Ortsteile, das überregional bekannte Happiness Festival, der Naturpark-Markt, das Straubenhardter Frühlingsfest, die Sonnwendfeier an der Schwanner Warte, der Familientheatertag und zahlreiche Vereinsveranstaltungen schaffen viele Gelegenheiten zur Begegnung. Die „Sprechstunde daheim“ ergänzt für mich diese Begegnungen um einen ganz persönlichen Rahmen.
Mein Fazit nach fast eineinhalb Jahren fällt positiv aus: Wer kommunale Politik gestalten will, muss zuhören. Manchmal geschieht das im Rathaus, manchmal digital – und manchmal eben direkt am Küchentisch der Bürgerinnen und Bürger. Gerade dort entstehen oft die Gespräche, die helfen, einander besser zu verstehen.


