Management
Streit in der Kommune konstruktiv lösen
Konfliktbewältigung in Greifswald
„Wie geht man in der Stadt mit Konflikten um und welche Rolle kann die Kommune dabei spielen?“ Diese Fragen standen laut Marvin Mel Medau, dem Beauftragten für Bürgerbeteiligung und Prävention in Greifswald am Beginn des Prozesses. Um hierauf Antworten zu finden, hat sich die Stadt Greifswald gemeinsam mit dem Freien Träger "Kultur- und Initativenhaus Greifswald e.V." für das Projekt KoKoMa im Rahmen des Bundesprogramm "Demokratie leben!" beworben und wurde hierfür als eine von bundesweit 13 Kommunen ausgewählt. Von 2022 bis 2024 lief schließlich das Projekt vor Ort, die Förderung belief sich auf insgesamt 150.000 Euro.
Nutzungskonflikt als Ausgangspunkt
Um das Konfliktmanagement möglichst konkret erlernen und anwenden zu können, hat man in Greifswald zu Beginn des Projekts ein Thema ausgewählt, das die Kommune schon länger beschäftigt hat. „Es gab auf verschiedenen Plätzen im Stadtgebiet immer wieder Nutzungskonflikte zwischen Jung und Alt“, erzählt Medau, beispielsweise hätten sich Jugendliche auf einem Kinderspielplatz aufgehalten und dort Sachen beschädigt, zudem gab es Beschwerden von Anwohnern. Im Zuge des Projekts haben die städtischen Mitarbeiter versucht, „den Konflikt aufzudröseln und über Dialog eine Lösung zu finden“. So wurden die beteiligten Akteure bei verschiedenen Austauschformaten zum Gespräch gebeten und hat man die Situation letztlich gut in den Griff bekommen. Noch viel eindrucksvoller aber war laut Medau die Auswirkung des Konfliktmanagements bei einem akut entstandenen Konflikt im Ort.
Heftige Eskalation während Projektzeitraums
So entstand zufälligerweise während des Projektzeitraums ein heftiger Konflikt in der Stadt Greifswald, den so kaum jemand vorhergesehen hatte. Ausgangslage war die Tatsache, dass angesichts der lokalen Wohnungsnot Bauland benötigt wird in Greifswald. Um hier mögliche neue Flächen zu erschließen, wurde eine Verwaltungsvorlage zur Prüfung der existierenden Garagen verabschiedet. Die Reaktionen seitens der Bürger waren hochemotional, wie Medau berichtet: „Diese Vorlage wurde damals extrem negativ von der Zivilgesellschaft aufgenommen. Als der Bauausschuss stattfand, sind hunderte Garagenpächter vors Rathaus gezogen, haben lautstark protestiert und es gab heftige Vorwürfe gegen „die da oben“ und „die Politik“ als solche“.
Umfangreicher Beteiligungsprozess gestartet
Durch die vorhandenen Projektmittel hat die Stadt Greifswald damals eine Prozessbegleitung eingekauft und einen groß angelegten Beteiligungsprozess organisiert. Mit hohem Aufwand wurden laut Medau alle Garagenpächter eingeladen, sich zu erklären, gleichzeitig haben die Ämter versucht, die Hintergründe der Vorlage darzustellen. „Das Ziel war es, das Vertrauen wieder aufzubauen und ins Gespräch zu kommen. Dabei war es wichtig, dass alle Seiten des Konflikts dargestellt werden und allen ein Podium geboten wird in einem sicheren Rahmen“, sagt der Beauftragten für Bürgerbeteiligung und Prävention. Wie das durch die bewusste Aufdröselung des Konflikts und die Einbindung aller gelungen ist, sei beeindruckend gewesen. „Bei den Szenen vorm Rathaus hätte man nie gedacht, dass wieder einmal ein Gespräch möglich sein werde“, so , doch am Ende sei die Stimmung durchaus friedvoll gewesen. Das hatte schließlich auch damit zu tun, dass die Garagenpächter Gehör fanden und das Thema der Neunutzung vertagt worden ist.
Ausbildung von Konfliktmoderatoren
Ergänzend zu der Konfliktbewältigung in den konkreten Fällen wurden im Rahmen des Projekts verschiedene Interessierten zu Konfliktmoderatorinnen ausgebildet, wobei auch viele Verwaltungsmitarbeiter die Ausbildung absolviert haben. Über ein Jahr hinweg fanden hier regelmäßige Termine statt, bei denen eine Art „Werkzeugkasten“ zum Konfliktmanagement vermittelt wurde. „Bei der Ausbildung wurden ganz verschiedene Aspekte behandelt. Was ist überhaupt ein Konflikt? Wie entstehen Konflikte? Welche Eskalationsstufen gibt es, an welchem Punkt befinden wir uns gerade? Welche Akteure sind beteiligt und welche Möglichkeiten hat man, wann zu reagieren?“ Parallel zur Ausbildung der Moderatoren wurde das Thema Konfliktmanagement zusätzlich auch in einer Dienstanweisung aufgenommen, die bislang zur auf das Thema Moderation bezogen war, außerdem gibt es hierzu nun einmal jährlich eine Weiterbildung.
Projekt wirkt positiv nach
Das konkrete Projekt ist in Greifswald mittlerweile vor fast zwei Jahren ausgelaufen, doch die erlernten Fähigkeiten zum Management von Konflikten wirken bis heute positiv nach, wie Medau sagt. „Alleine die Weiterbildung und die Sensibilisierung der Mitarbeiter war schon entscheidend, schließlich hilft es wie bei allen anderen Themen auch, etwa dem Brandschutz oder der Gleichberechtigung, wenn Mitarbeiter wachsamer sind und mehr wahrnehmen“. Komme es nun zu Konflikten, könnten die ausgebildeten Konfliktmoderatoren in der Verwaltung direkt hinzugeholt werden und manche schwelende Auseinandersetzung bereits am Beginn beigelegt werden, bevor es zur Eskalation kommt.
Tipps für andere Kommunen
Auf Basis der Erfahrungen in Greifswald gibt es verschiedene Dinge, der Beauftragte auch anderen Kommunen raten kann, wenn es um das Management von Konflikten vor Ort geht:
- Keine Angst haben vor Konflikten: „Die meisten Menschen haben erst einmal Angst davor, einen Konflikt zu wagen, aber wir haben gelernt, dass sich die Offenheit für Konflikte auszahlt“, so Medau. So würde am Ende oft ein deutlich besseres Verhältnis stehen und könnten Probleme direkt angegangen werden.
- Hinschauen statt wegschauen: Oft bahnen sich Konflikt über einen längeren Zeitraum an und gibt es verschiedene kleine Anzeichen, dass etwas unrund läuft. „Natürlich will niemand so etwas gerne auf dem Schreibtisch haben und jeder hofft, dass es von selbst verebbt“, sagt Medau. Dennoch lohne es sich, hinzuschauen und Konflikte schon im Kleinen anzugehen, um schwerere Krisen zu verhindern.
- Raum und Ressourcen bereitstellen: „Konfliktbewältigung sollte viel öfter passieren“, ist der Beauftragte in Greifswald überzeugt, allerdings braucht es dafür Offenheit ebenso wie einen Raum und die nötigen personellen Ressourcen. Schließlich kostet die Organisation von Gesprächsformaten Zeit und ist eine professionelle Begleitung gerade bei größeren Konflikten seiner Erfahrung nach essenziell. Ist das gegeben, könnten aus Konflikten im besten Fall Chancen erwachsen, die zu einem größeren Verständnis füreinander und einem stärkeren gesellschaftlichen Halt führen.

