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Carsharing auf dem Land - in Welferode startet der Weg, in Vaterstetten ist es längst etabliert
© Rolf Walter

Mobil auf dem Land

Carsharing - Geteilt fährt besser

von Rebecca Piron
Stellvertretende Chefredakteurin | KOMMUNAL
20. August 2025
Eigene Autos abschaffen, um andere zu teilen – geht das auf dem Land überhaupt? Einige Beispiele zeigen, wie das Erfolg haben kann. Und was Carsharing auf dem Land von dem in der Stadt unterscheidet.

Was in Großstädten längst zur Alltagsmobilität gehört – App öffnen, Auto buchen, losfahren – ist auf dem Land noch spärlich gesät. Denn: Während in der Stadt hohe Bevölkerungsdichte und Parkraummangel das Teilen von Pkw attraktiv machen, hat auf dem Land fast jeder Haushalt gleich mehrere Autos vor der Tür, Bus und Bahn fahren dagegen selten – und der nächste Carsharing-Wagen steht im Zweifel zwei Dörfer weiter. Carsharing im ländlichen Raum braucht deshalb andere Konzepte, andere Partner und vor allem: andere Erwartungen.

Carsharing auf dem Land – geht das überhaupt?

In Sulzfeld im Kraichgau hat man bereits 2014 auf E-Carsharing gesetzt, gemeinsam mit einem kommerziellen jedoch lokalen Anbieter und der Partnergemeinde Zaisenhausen. Drei Fahrzeuge, zentrale Standorte, sogar Unternehmen als Grundlastträger. Mit Testfahrten, Ministerbesuch und Presseberichten wurde auf das Angebot aufmerksam gemacht.

Doch heute: Die Autos stehen ungenutzt, das Projekt wackelt. Die Nutzung des Angebots sei im Prinzip nicht vorhanden, sagt die Gemeinde mit knapp 5.000 Einwohnerinnen und Einwohnern gegenüber KOMMUNAL. Sie vermutet, dass der Bedarf schlicht nicht gegeben ist. 

Und das ist durchaus möglich. Ein Praktiker und Experte für Carsharing auf dem Land ist Klaus Breindl. Er hat im bayerischen Vaterstetten bereits 1992 ein Carsharing-Angebot gestartet und gibt zu bedenken: „Die Offenheit für das Thema muss da sein und das ist von Ort zu Ort ganz unterschiedlich gelagert.“ Deshalb rät er dazu, Carsharing-Angebote immer von der Bürgerschaft selbst aufbauen zu lassen. Wenn sich genug Bürgerinnen und Bürger finden, die sich diese Mühe machen, dann ist auch genügend Interesse im Ort zu vermuten. Dabei hilft Breindl gerne. „Ich war schon bei vielen Vereinsgründungen dabei und unterstütze immer, wenn in einem Ort ein bürgerschaftliches Carsharing aufgebaut werden soll.“

Statistik zu Carsharing nach Ortsgröße

Welferode: Dorfinitiative gewinnt bundesweiten Mobilitätspreis

In Welferode, einem Stadtteil der hessischen Stadt Homberg-Efze, organisiert die Dorfgemeinschaft das Carsharing seit 2022 – aus Überzeugung und mit Unterstützung der Stadt. Ortsvorsteher Hans-Joachim Schwietering bringt es auf den Punkt: „Es geht uns zum einen um die Nachhaltigkeit und zum anderen darum, Angebote, die in Städten völlig normal sind, auch im ländlichen Raum verfügbar zu machen.“ Auch im rund 400 Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Welferode wird das Carsharing mit einem lokalen kommerziellen Anbieter gemeinsam gestaltet. Organisatorisches regelt die Dorfgemeinschaft hier aber selbst. 

Der Carsharing-Beauftragte Klaus Ohlwein hat seinen Zweitwagen dem Carsharing-Projekt zur Verfügung  gestellt.
Der Carsharing-Beauftragte Klaus Ohlwein hat seinen Zweitwagen dem Carsharing-Projekt zur Verfügung gestellt.

Die Stadt Homberg-Efze hatte einen Wettbewerb ausgelobt: Der Stadtteil, der zuerst ein Auto für ein Dorf-Carsharing organisiert, bekommt zwei weitere Fahrzeuge von der Stadt obendrauf. In Welferode war man schnell und hatte in kürzester Zeit sogar zwei Freiwillige gefunden, die ihre Autos bereitstellten. Im letzten Jahr hat das Dorf mit seinem Carsharing den bundesweiten Preis „Zu Hause unterwegs. Mobil in ländlichen Räumen“ gewonnen. Von dem Preisgeld wurde bereits ein E-Lastenrad zur Verstärkung des Fuhrparks angeschafft. 

Seit dem letzten Jahr hat das Carsharing in Welferode auch ein E-Lastenfahrrad.
Seit dem letzten Jahr hat das Carsharing in Welferode auch ein E-Lastenfahrrad.

Nun stehen vier Fahrzeuge strategisch so verteilt, dass niemand mehr als 300 Meter zu Fuß gehen muss. Auf die volle Auslastung wartet das Carsharing allerdings noch: Nach drei Jahren wird das Angebot von sechs Personen aktiv genutzt. Keine Erfolgsbilanz. Aber auch kein Grund zu verzweifeln, findet Schwietering: „Man braucht Durchhaltevermögen. Fünf bis sechs Jahre dauert es, bis man sagen kann, ob ein Carsharing angenommen wird oder nicht.“ Das kann der Carsharing-Experte Klaus Breindl bestätigen: „Im Aufbau ist so ein Carsharing auf dem Land ein hartes Brot und fast immer defizitär.“ 

Vaterstetten: Vom Gemeinschaftsauto zum Carsharing-Vorreiter

Während andere Carsharing-Projekte noch in den Kinderschuhen stecken, lebt der Landkreis Ebersberg das Konzept seit den 1990ern. Genauer gesagt seit 1992. Fünf Familien aus der 25.000-Einwohner-Gemeinde Vaterstetten wollten sich dem Projekt Carsharing annehmen, als es noch kaum öffentlich bekannt war. Also musste ein gemeinsames Auto her. Jede Familie beteiligte sich mit 1.200 D-Mark am Kauf. Sie organisieren die Nutzung untereinander, führen einen gemeinsamen Kalender, planen Wartung und Reinigung selbst. Und sie investieren – nicht nur Geld, sondern auch Zeit. 

Was als lose Initiative beginnt, entwickelt sich weiter. Aus der privaten Gemeinschaft entsteht ein Verein: die Autoteiler Vaterstetten. Die Mitglieder entwickeln ein digitales Buchungssystem, das heute von über 50 weiteren Carsharing-Vereinen genutzt wird. „Wir haben viele Menschen, die in ihrer Freizeit beim Carsharing-Verein mithelfen“, sagt Klaus Breindl. „Das reicht von der technischen Wartung über die Reinigung bis zur Abrechnung. Das hält nicht nur die Kosten niedrig – es verbindet die Menschen auch.“

Carsharing-Auto in Vaterstetten
Carsharing-Auto in Vaterstetten

Die Flotte wächst, ebenso wie die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Heute zählt der Verein rund 800 Mitglieder. Das bedeutet: Rund acht Prozent der Haushalte sind aktiv dabei. Der Fuhrpark umfasst mittlerweile 39 Fahrzeuge, darunter nicht nur Pkws, sondern auch ein Sprinter und zwei Kleinbusse. Sie stehen an strategisch sinnvollen Standorten im Ort – etwa vor dem Rathaus, der Volkshochschule oder an zentralen Haltepunkten. Das Ziel: Niemand soll weiter als 300 Meter bis zum nächsten Fahrzeug laufen müssen.

Und wie werden die neuen Mitglieder gewonnen? Weit überwiegend über Mund-zu-Mund-Propaganda, sagt Breindl. „Wir haben nie Werbung geschaltet. Wir haben Flyer verteilt, unser Angebot durch Artikel in Zeitungen verbreitet, sind bei Veranstaltungen mit Infotischen dabei und haben unsere Autos gut erkennbar gebrandet. Aber unsere beste Werbung sind positive Erfahrungsberichte. Durch die sind Menschen am ehesten bereit, von ihrer Routine abzuweichen und etwas Neues auszuprobieren.“

Organisiert wird das Ganze weitgehend ehrenamtlich. Ein 13-köpfiger Vorstand koordiniert den Verein, etwa 40 Personen kümmern sich um Wartung, Reinigung und Logistik. Seit einigen Jahren gibt es auch sechs angestellte Teilzeitkräfte und Minijobber. Die technische Betreuung, die Weiterentwicklung des Systems, die Koordination – all das liegt in der Hand der Mitglieder.

Die Gemeinde Vaterstetten unterstützt das Projekt von Anfang an: mit öffentlichen Stellplätzen, mit Räumen für Versammlungen und als Mitglied im Verein. Bei Bauprojekten wird das Thema Carsharing von Anfang an mitgedacht – in enger Abstimmung mit Verwaltung und Politik. 

So funktioniert Carsharing im Landkreis Ebersberg

Die Idee hat inzwischen Schule gemacht: Im Landkreis Ebersberg haben elf von 21 kreisangehörigen Kommunen Carsharing-Vereine. Sie sind vernetzt und erlauben Quernutzung – das heißt: Mitglieder aus Vaterstetten können Fahrzeuge in anderen Gemeinden buchen, etwa in Zorneding oder Grafing. Die Struktur ist stabil, die Nutzung etabliert. Dennoch: Das Wachstum ist langsam. Carsharing bleibt erklärungsbedürftig – und verlangt Geduld. „Carsharing im ländlichen Raum ist kein Selbstläufer“, gibt Breindl zu bedenken. „Hinter dem Angebot muss eine Gruppe von Menschen stehen, die es organisiert und bewirbt. Die Menschen davon überzeugt, das Angebot zu nutzen.“

Und auch an anderer Stelle ist Erwartungsmanagement nötig: In den wenigsten Fällen werden Haushalte all ihre Autos abschaffen und nur noch auf das Carsharing setzen – obwohl Breindl solche Haushalte auch kennt. Im ländlichen Raum gehe es viel mehr darum, Haushalte davon zu überzeugen den Zweitwagen abzuschaffen und dafür Carsharing zu nutzen. 

7 Praxistipps für erfolgreiches Carsharing auf dem Land

1. Die Menschen mitnehmen 

Ob Ehrenamt, Verwaltung oder Stadtwerke: Carsharing lebt von Beteiligung. Projekte „von oben“ ohne lokale Akteure haben wenig Chancen auf Erfolg.

2. Kommunikation ist wichtig

Mund-zu-Mund-Propaganda baut Vorurteile ab und motiviert Menschen etwas außerhalb ihrer gewohnten Abläufe auszuprobieren.

3. Einen langen Atem einplanen

Wer denkt, nach einem Jahr müsse alles laufen, wird enttäuscht werden. Mit bis zu fünf Jahren Anlauf muss gerechnet werden.

4. Überlassungsfahrzeuge nutzen 

Wer die Möglichkeit hat, Fahrzeuge – etwa von Privatpersonen im Ort – überlassen zu bekommen, statt sie anzukaufen, spart große Anfangsinvestitionen, die zunächst nicht wieder reingeholt werden können. 

5. Grundlastnutzer finden

Gibt es vor Ort größere Arbeitgeber, die keine Dienstwagen anbieten? Zum Beispiel die Stadt, die Sparkasse oder die Feuerwehr? Diese als Grundlastnutzer zu gewinnen, die eine gewisse Menge an Fahrtstunden gesichert abnehmen, hilft eine gewisse Auslastung zu gewährleisten. 

6. Quernutzung ermöglichen

Gibt es in den umliegenden Kommunen ein Carsharing-Angebot? Die Angebote zu verknüpfen erhöht die Flexibilität für Nutzerinnen und Nutzer. 

7. Expertise nutzen

Pioniere des Carsharing auf dem Land helfen neuen Initiativen gerne beim Aufbau ihres Angebots. So etwa Klaus Breindl, der jederzeit mit Rat und Tat zur Seite steht. 

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