Tausende Computer hat die Stadt Stralsund gekauft, diese werden nun im Ratssaal eingerichtet.
© Hansestadt Stralsund / Pressestab

Schul-IT

Eine Stadt macht seine Schulen fit für die Zukunft

Mit ehrenamtlichen Helfern schafft die Hansestadt Stralsund eine einzigartige Lösung für die digitalisierung der Schulen und mit einem kleinen Trick konnten die Stralsunder sogar die Lehrer mit passenden Notebooks ausstatten. Eine Stadt investiert in die Zukunft.

Als die Schulen in ganz Deutschland vergangenes Jahr zwangsweise ins Home-Office wanderten, war die Panik überall groß. Weniger bei den Schülern selbst, die wissen oft, wie sie Laptops oder Programme bedienen sollen – aber was ist mit den Lehrern? Schule ist, wenn der Schüler dem Lehrer erklärt, wie das Programm funktioniert, das konnte es nicht sein. Und so setzte die Hansestadt Stralsund unter anderem auf 16 ehrenamtliche IT-Coaches. Die Idee war im ersten Lockdown im Frühjahr geboren und so startete die Stadt noch vor den Sommerferien einen entsprechenden Aufruf.

Ehrenamt für die digitale Schule

Seit Beginn des neuen Schuljahres sind die Helfer nun direkt vor Ort im Einsatz. Mindestens einmal in der Woche bekommt jeder Lehrer, der es wünscht, einen Helfer an die Seite gestellt. Es sind oft die ganz einfachen und banalen Fragen: „Wie erstelle ich eigentlich ein PDF?“ oder „Wie kann ich das Programm überhaupt installieren“.

Die häufigste Frage jedoch, die etwa Coach Tim Häusler gehört hat: „Wo muss ich klicken und wie funktioniert das?“. Die Helfer wie Tim Häusler sind teils Profis, unter ihnen aber auch Interessierte, die sich das Wissen selbst angeeignet haben. Doch die IT-Coaches sind nur ein Teil des Projekts, mit dem die Stadt ihre Schulen aus der Kreidezeit in die Digialisierung führen will.

Mit einem Trick: Auch Lehrer bekommen Computer

Der Vorteil: Die Blaupause dafür lag schon in der Schublade. Durch den Lockdown hat die Stadt nun die Schublade mit den Skizzen schneller geöffnet und das Projekt umgesetzt. Mit Erfolg! Es geht dabei vor allem um Endgeräte, eine enge Zusammenarbeit mit den örtlichen Stadtwerken und um Motivation. Aber der Reihe nach.

Ein Grundproblem: Nicht nur die Schüler mussten mit Geräten ausgestattet werden, auch die Lehrer. Hier aber kommt die Bürokratie ins Spiel: Die Schulen sind in Trägerschaft der Stadt, die Lehrer haben das Land als Dienstherren, also muss dieser auch die Arbeitsgeräte stellen. Mit einem Trick hat die Stadt das Problem ausgehebelt: Die entsprechenden Geräte wurden als "Klassenzimmergeräte" deklariert, also im Rahmen der Zuständigkeit der Kommune angeschafft, jedoch wurde den Lehrkräften gestattet, diese Computer auch mit nach Hause zu nehmen.

Für die Lehrer wurden so genannte Convertibles gekauft, da diese Geräteklasse sich als klassisches Notebook nutzen lässt, aber auch ohne Tastatur als Tablet im Unterricht einsetzbar ist. Inzwischen sind in der Stadt an der Ostsee übrigens rund 3.000 Geräte im Einsatz. Immerhin jeder fünfte Schüler der Stadt kann somit ein Gerät „ausleihen“. Auch die Lehrer haben darauf Zugriff, wobei die Betreuung auch hier wieder intensiver sein muss als bei den Schülern, sagt Amtsleiterin Sonja Gelinek. „Wir müssen es vom unerfahrensten Anwender her denken und somit für diese Gruppe benutzbar machen. Darum haben wir alle Lehrer ins Rathaus eingeladen und probieren lassen.“, so die Amtsleiterin.

Zeugnisse und Schulbücher – alles digital von zu Haus

Die Grundlage bildet zurzeit noch eine Schul-Cloud. Gern hätte Gelinek weiterhin auf das System gesetzt, doch die Schulleiter waren sich einig, lieber auf eine landesweit angebotene Lösung zu setzen, auch weil auf die Inhalte von Schulbuchverlagen zugegriffen werden kann. Weiter ist die Plattform gut in die Verwaltung des Landes eingebunden, was ab dem kommenden Jahr sogar die Erstellung von Zeugnissen aus dem Home Office heraus möglich macht.

Eine wichtige Rolle im Kampf gegen die digitale Wüste spielen auch die Stadtwerke Stralsund. Sie verlegten schnell Glasfaserkabel in die Schulen, dabei handelt es nicht um eine bloße Anbindung an das öffentliche Netz, sondern ein eigenes Sternnetz wurde verlegt. So kommen beispielsweise in einem kleinen unscheinbaren Raum der Gesamtschule Grünthal dicke Kabelstränge an. Hier liegt der Zugang zur modernen Welt – zum Distanzunterricht und auch zu digitalen Zensurenkonferenzen. Flächendeckendes WLAN gibt es nun in allen sechzehn Schulen. Auch beim Einrichten der Geräte waren die Stadtwerker aktiv mit dabei. Sie konfigurierten die Tablets und Notebooks – sorgten für die Installation der richtigen Software, das Einbinden in die Netzwerke sowie die Inbetriebnahme. Dazu wurde kurzerhand der große Ratssaal zu einem Computerkabinett umfunktioniert. Hunderte Endgeräte standen jetzt auf den Tischen, auf denen sonst dicke Stapel mit Papier liegen und per Handzeichen Entscheidungen gefällt werden.

Schüler wieder ins Klassenzimmer holen

Nur wenige Schüler nutzen die Systeme gar nicht. Grund dafür ist keineswegs immer nur eine schlechte Internetanbindung, sondern auch soziale Probleme, die den Entzug von der Schule begünstigen. Rund zwanzig Schüler pro Schule hätten dieses Problem, erklärt die Stadt gegenüber KOMMUNAL, die Schüler hätten sich dran gewöhnt, nicht mehr zur Schule zu gehen. Dieses soziale Problem kann der digitale Unterricht nicht beseitigen und so wird es den Schülern schwer fallen, im kommenden Schuljahr wieder in die Klassenräume zu kommen.

Die Barrierefreiheit der Geräte spiele keine herausgehobene Rolle bei der Anschaffung, bemerkt Sonja Gelinek: "Aber hätten die Schulen besondere Mittel benötigt, hätten wir es angeschafft. Unserem Bürgermeister liegen die Schulen sehr am Herzen." Um die Bedienung einfacher zu machen, hat die Förderschule eigens Tablets bekommen, denn auch das war eine Bitte der Schule. Eine wichtige Lehre für die Stadt ist, dass es nicht ohne Vertrauen in die eigenen Mitarbeiter und das Personal vor Ort geht und immer alle Betroffenen beteiligt werden müssen.

In einer einfachen Sache unterscheiden sich die Probleme der digitalen schulischen Infrastruktur kaum von sonstigen digitalen Missgeschicken: Vergessene Passworte sind der häufigste Supportgrund, doch da können dann auch die ehrenamtlichen Coaches nichts mehr machen.