Die Corona-Folgen und die psychische Gesundheit - auch Kommunen versuchen, zu helfen
Die Corona-Folgen und die psychische Gesundheit - auch Kommunen versuchen, zu helfen

Konzept für Kommunen

Corona-Folgen: Hilfe für psychisch kranke Kinder

Aufgrund der Corona-Pandemie leiden viele Kinder und Jugendliche unter psychischen Problemen. Entsprechend wächst der Unterstützungsbedarf. Die Gesundheitsregion Celle hat dafür ein erfolgversprechendes Konzept erstellt.

Die Corona-Folgen sind kaum noch zu übersehen: Bei fast jedem dritten Kind sind rund anderthalb Jahre nach Beginn der Pandemie psychische Auffälligkeiten feststellbar. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Dass sich die psychische Gesundheit vieler junger Menschen durch Corona verschlechtert hat, berichtet auch Anne Bühler aus ihrem beruflichen Alltag. Im Landkreis Celle leitet sie den interdisziplinären Arbeitskreis „Kinder- und Jugendpsychiatrische Versorgung in Celle“, der Teil des Sozialpsychiatrischen Verbundes ist. „Wir beobachten vermehrt Depressionen, Angststörungen und suizidale Tendenzen“, sagt sie.

Zusätzliche Sorgen bereitet ihr der gestiegene Drogenkonsum von Jugendlichen. Die Tendenz sei erschreckend. „Während der letzten Monate wurde von Cannabis über Kokain bis zu Speed nahezu alles ausprobiert.“ Mit einer Beratung ist es häufig nicht getan. Dann kann eine Entgiftung mit anschließender Therapie notwendig sein. Es empfiehlt sich daher, zu einem frühen Zeitpunkt gegenzusteuern.

Aus Unkenntnis sind psychische Störungen noch immer mit einem Stigma behaftet.“

Christina Torbrügge, Koordinierungsstelle Gesundheitsregion Celle

Corona-Folgen im Landkreis Celle und wie die Region damit umgeht...

Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat sich der Landkreis Celle seit Jahren auf die Fahnen geschrieben. „Bereits vor drei Jahren berichteten uns pädagogische Fachkräfte, dass sie zunehmend mit psychischen Problemen konfrontiert werden“, schildert Christina Torbrügge von der Koordinierungsstelle der Gesundheitsregion Celle. Für junge Menschen gebe es vor Ort eine Vielzahl guter Unterstützungsangebote. „Doch sowohl die Fachkräfte aus den KiTas und Schulen als auch die betroffenen Eltern fühlten sich nicht ausreichend über die vorhandenen Hilfen informiert.“

Durch seine Teilnahme am Projekt „Gesundheitsregionen Niedersachsen“ will der Landkreis die örtliche Gesundheitsversorgung bedürfnisgerecht weiterentwickeln. Dazu zählen auch Maßnahmen, die eine verbesserte Orientierung im Gesundheits- und Sozialsystem ermöglichen. Ein Beispiel ist eine Broschüre mit dem Titel „Wegweiser Familiengesundheit“. Sie soll in Kürze erscheinen und über alle relevanten Institutionen und Einrichtungen für die Kinder- und Jugendgesundheit im Landkreis Celle informieren. „Es ist uns wichtig“, betont Christina Torbrügge, „alle Eltern - unabhängig von ihrem Bildungshintergrund – zu erreichen.“ Deshalb wird es eine Ausgabe der Broschüre in leichter Sprache geben.

Ein zentrales Ziel des Projekts „Gesundheitsregion“ besteht darin, die sektorenübergreifende Zusammenarbeit zu optimieren. „Gerade angesichts komplexer Problemlagen ist es hilfreich, wenn sich die Mitarbeiter der unterschiedlichen Fachdiziplinen persönlich kennen“, so Anne Bühler. Innerhalb der Gesundheitsregion Celle und insbesondere des Arbeitskreises sei eine sehr verlässliche und gleichberechtigte Kooperation entstanden, lobt sie.

Corona-Folgen und die Aufarbeitung: So sieht das Konzept des Landkreises aus

Weitere Vorteile der regionalen Netzwerkarbeit schildert Christina Torbrügge am Beispiel des Sozialpädiatrischen Zentrums in Celle. Dort werden Kinder und Jugendliche behandelt, die unter anderem an Entwicklungsstörungen, chronischen körperlichen Erkrankungen oder psychischen Störungen leiden. „Manche Probleme sind nicht zwangsläufig medizinischer Natur, sondern können eher ein Thema für die Erziehungsberatung sein.“ Bei entsprechenden Fragestellungen verstehen sich die Mitarbeiter aus den unterschiedlichen Fachbereichen als Lotsen, die unbürokratisch weiterhelfen. Gemeinsame Weiterbildungen tragen dazu bei, dass ein gegenseitiges Verständnis entsteht und die Kommunikation zwischen den Berufsgruppen gelingt.

Dieses Prinzip bewährt sich ebenso bei einem anderen drängenden Problem – dem Schulabsentismus. Nach dem monatelangen Homeschooling fällt es manchen Schülern schwer, sich wieder an den Schulalltag im Präsenzunterricht zu gewöhnen. „Hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche durch den Wegfall aller Strukturen und der sozialen Kontakte psychische Auffälligkeiten entwickelt haben“, meint Anne Bühler.

Corona-Folgen möglichst früh erkennen... 

Neue Impulse sind auch für die Prävention und die Früherkennung vorgesehen. „Aus Unkenntnis sind psychische Störungen noch immer mit einem Stigma behaftet“, erläutert Christina Torbrügge. Der Zugang zum Hilfesystem werde für Betroffene dadurch erschwert. Im Rahmen eines Projekts, das von der niedersächsischen Landesregierung und den Projektpartnern der Gesundheitsregionen finanziert wird, will man die Schulen in der Gesundheitsregion Celle zu Lernorten für die psychische Gesundheit machen.

Die Idee - interessierte Fachkräfte aus der Lehrerschaft und der Schulsozialarbeit sollen zu sogenannten „Mental Health Scouts“ ausgebildet werden. Deren Aufgabe wird zukünftig darin bestehen, Schüler der Klassen 8 bis 10 altersgerecht über Krankheitsbilder und Hilfemöglichkeiten aufzuklären. „Indem wir die Gesundheitskompetenz junger Menschen verbessern, leisten wir eine wirksame Hilfe zur Selbsthilfe“, ist Christina Torbrügge überzeugt.

Die Qualifizierung und die beratende Begleitung übernimmt das „Zentrum für Prävention und Intervention im Kinder- und Jugendalter“ der Universität Bielefeld. Ursprünglich stammt das Unterrichtsmodell aus Kanada, wo es seit dem Jahr 2006 erfolgreich umgesetzt wird. Viele andere Staaten haben das Konzept übernommen. Positive Effekte verspricht man sich vor allem durch den niedrigschwelligen Ansatz. „Wir schaffen keine neue Institution außerhalb der Schule, sondern bieten eine Beratung durch Personen, die den Schülern bereits vertraut sind.“ Bis Ende des Jahres 2022 soll das „Mental-Health-Scouts“- Projekt evaluiert und abgeschlossen werden.