Mobil Sorglos
Über das Mobil Sorglos können sich Senioren beliefern lassen.
© Felicitas Hochstein/Gemeinde Herscheid

Medizinische Versorgung

Mit Pflegenetzwerk Nachwuchsärzte gewinnen

Im Märkischen Kreis soll ein altes Wohnmobil zum fahrbaren Sprechzimmer werden und Nachwuchsärzte hat die Kommune gleich selbst mit attraktiven Angeboten gelockt. Wie ein kommunales Pflegenetzwerk die Versorgungsqualität im ländlichen Raum verbessert! KOMMUNAL zu Besuch im Lennegebirge im Sauerland.

Angesichts der demografischen Entwicklung ist es gerade für Kommunen im ländlichen Raum sinnvoll, wenn sich Akteure zusammenschließen, um knappe Ressourcen zu bündeln. Im Märkischen Kreis wollen das Gesundheits- und Pflegenetzwerk Plettenberg-Herscheid und die Praxisnetz Lennetz GmbH gemeinsam die Versorgungsqualität für ältere Menschen optimieren. Vera Gerling ist die Geschäftsführerin von GER-ON.  Sie hat den Aufbau des kommunalen Netzwerkes seit seinen Anfängen fachlich begleitet. Anfangs waren rund 40 Akteure aktiv. Inzwischen ist deren Zahl auf 150 gestiegen. Pflegeeinrichtungen, das örtliche Krankenhaus und die Seniorenvertretung sind ebenso darunter wie etwa Vereine und Selbsthilfegruppen. „Es kommen ständig neue hinzu, obwohl die Zusammenarbeit durch die Pandemie schwieriger geworden ist“, sagt Vera Gerling.

Bürgermeister kämpfen um Nachwuchsärzte

Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr. Ausschlaggebend war, dass sich beide Bürgermeister – damals Klaus Müller, heute Ulrich Schulte, in Plettenberg und Uwe Schmalenbach in Herscheid - für den Netzwerkaufbau und -erhalt stark gemacht haben. Um die Versorgung älterer Menschen bedarfsgerecht weiterzuentwickeln, wurden drei „Runde Tische“ gegründet, die sich über die Projektphase hinaus bewährt haben. Sie sind - ergänzt durch zwei Steuerkreise - zu einem festen Bestandteil der Infrastruktur beider Kommunen geworden und greifen wichtige Themen auf. Das „Demenz Netzwerk sorgt beispielsweise für eine umfassende Aufklärungsarbeit, organisiert Veranstaltungen und setzt sich für Betroffene und Angehörige ein. Eine andere Netzwerkgruppe befasst sich mit den „Schnittstellen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung“. „Gerade für ältere Menschen, die an unterschiedlichen Erkrankungen gleichzeitig leiden, ist ein fachübergreifendes Versorgungsmanagement notwendig“, erklärt Gerling diesen Schwerpunkt.

"MobilSorglos" gestartet

Ein besonderes Potenzial erhoffen sich die Netzwerkakteure vom Projekt „MobilSorglos“. Zum einen bietet es einen Lieferdienst, der immobile Menschen mit Produkten des täglichen Bedarfs versorgt. Ihre Wünsche können die Kunden entweder telefonisch bei einer Hotline oder über die Projekt-Website direkt bei den beteiligten Anbietern bestellen. Im April 2021 begann eine anderthalbjährige Testphase. Der Bedarf sei vorhanden, dochderzeit bleibt die Nachfrage noch hinter den Erwartungen zurück, räumt Vera Gerling ein. „In diesem Bereich läuft vieles über ‚Mund-zu-Mund‘-Propaganda, doch aufgrund der Corona-Krise war dies kaum möglich.“ Außerdem wollen viele Ältere nur ungern auf das Einkaufserlebnis vor Ort verzichten, so ihr Eindruck.Das „MobilSorglos“ will auch dazu beitragen, dass sich telemedizinische Leistungen in Plettenberg und Herscheid etablieren können. Denn vor allem in ländlich geprägten Kommunen stehen ältere und immobile Menschen oft vor dem Problem, dass der Weg in die Arztpraxis weit ist.

Wohnmobil wird zum Sprechzimmer

Mit dem Einsatz von mobilen Videosprechstunden könnte sich das ändern. „Das Besondere an unserer Idee besteht darin, dass wir diesen Service vor die Haustüre der Menschen bringen wollen“, so Vera Gerling. „Wir möchten gerade diejenigen erreichen, die keinen ausreichenden Internetanschluss besitzen. Zu diesem Zweck soll ein ehemaliges Wohnmobil zu einem fahrbaren Sprechzimmer umgebaut werden. Es erhält  einen separaten Beratungsbereich sowie ein Tablet und kann die gängigen Videokommunikationssysteme nutzen. Doch bevor sie realisiert werden kann, muss eine ausreichende Zahl von Ärzten zum Mitmachen bereit sein.

Praxisnetz wird gefördert

An dieser Stelle kommt das Praxisnetz Lennetz ins Spiel. Zu seinen 29 aktiven Mitgliedern zählen Einzelpraxen, Ärzte aus Gemeinschaftspraxen sowie ein Arzt aus einem Medizinischen Versorgungszentrum. Die Mitglieder von Praxisnetzen verpflichten sich dazu, die Versorgungsqualität und die Effizienz gleichermaßen zu verbessern, unter anderem durch eine gemeinsame Qualitätssicherung. Dafür werden sie über das Sozialgesetzbuch V finanziell gefördert. Eine gute Zusammenarbeit mit anderen Akteuren im Gesundheitswesen gilt für Praxisnetze ebenfalls als wichtiges Kriterium. „Zurzeit werden Gespräche mit potenziellen Pilot-Ärzten vorbereitet“, berichtet Projektmanager Martin Biller.

Videosprechstunde von Hausärzten

Die mobile Videosprechstunde ist aus der Sicht des Projektmanagers vor allem für Hausärzte interessant, die auf dem Land oft weite Wege zurücklegen müssten. „Ärzte können sich einen Eindruck davon machen, ob ein Patient in die Praxis einbestellt werden sollte oder ob das unnötig ist.“ Auch eine Wundheilung könne man auf diese Weise beobachten. Allerdings sei die Organisation des Vorhabens mit einigen Herausforderungen verbunden, stellt Martin Biller fest und verweist auf die Kontaktbeschränkungen seit der Corona-Pandemie.

Eine drängende Aufgabe sehen beide Kooperationspartner darin, sich gegen den drohenden Ärztemangel im ländlichen Raum zu stemmen.  Mit den Vorteilen eines Praxisnetzes könne man für den ärztlichen Nachwuchs attraktiver werden, hofft Martin Biller.„Junge Mediziner wissen es zu schätzen, dass wir Fortbildungen für sie organisieren, die von den Ärztekammern anerkannt werden.“ Hinzu komme die Chance, vom Know-how erfahrener Ärzte zu profitieren. „Man kann auf bereits entwickelte Leitlinien zurückgreifen und erhält wertvolle Tipps zur Leitung einer Praxis.“ Ein positives Resultat aller Aktivitäten sieht Vera Gerling nicht zuletzt darin, dass das Bewusstsein für die Bedeutung von Gesundheits- und Pflegethemen in beiden Kommunen deutlich gewachsen ist.