Pflegebedürftige
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Praxistipp

Projekt zu Beratungen für Pflegebedürftige

Der Hochsauerlandkreis hat mit einem Projekt gezeigt, wie groß der Beratungsbedarf für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen ist. Das Ergebnis des Projekts: Viele dankbare Patienten und eine Einsparung in Höhe von 1,3 Millionen Euro. KOMMUNAL vor Ort.

Der Hochsauerlandkreis ist mit knapp 2.000 Quadratkilometern der flächenmäßig größte Landkreis in NRW, weist aber verglichen mit anderen Kreisen die geringste Bevölkerungsdichte auf. Während das nahe Ruhrgebiet bis zum Jahr 2030 mit Bevölkerungszuwachs rechnen darf, rechnen Statistiker mit einem Bevölkerungsverlust im ländlichen Raum. Da zumeist die Jüngeren abwandern, wird der Prozentsatz der Älteren und Hochbetagten – und Pflegebedürftigen – in den kommenden Jahren weiter steigen.

Im Jahr 2040 rechnet der Landkreis mit 2.000 mehr Pflegebedürftigen

Im Hochsauerlandkreis rechnen die Verantwortlichen mit einer Zunahme von derzeit 8.700 pflegebedürftigen Menschen auf 10.700 im Jahr 2040. Die überwiegende Mehrheit von ihnen will – und soll – bis zum Ende in ihren Häusern und in ihrem vertrauten sozialen Umfeld bleiben. Möglich ist das allerdings nur, wenn die jüngere Generation oder ein ambulanter Pflegedienst aushilft und das Zuhause barrierefrei gestaltet wird.

Aus Scham namen viele Pflegebedürftige keine Hilfe in Anspruch

Bis ins Jahr 2012 gab es im Hochsauerlandkreis zwar entsprechende Beratungsangebote, aber ein Defizit in der Kommunikation. „Ein Großteil der hilfsbedürftigen Menschen und ihre Angehörigen fanden sich damals im Dschungel der Möglichkeiten nicht wirklich zurecht, Internetangebote wurden nicht zur Kenntnis genommen oder die Seniorinnen und Senioren nahmen aus Scham überhaupt keine Hilfe in Anspruch“, erklärt Regine Clement, in der Kreisverwaltung des Hochsauerlandes Sachgebietsleiterin für den Bereich der Heimaufsicht.

Der Landkreis entwickelte ein neues Instrument

Das änderte sich mit der Initiierung des Pilotprojektes „ambulant vor stationär“. Innerhalb von drei Jahren entwickelte der Kreis ein passgenaues Instrument, um für alle direkt oder indirekt Betroffenen einen niedrigschwelligen Zugang zu den Beratungsangeboten zu schaffen, die pflegerischen Angebote kreisweit zu steuern und punktgenau an die Bedarfe anzupassen. „Die Nachfrage nach Beratung war schon in der dreijährigen Pilotphase von 2012 bis 2015 extrem hoch und ist es bis heute geblieben“, erklärt Regine Clement.

Die Pflege im vertrautem Heim ist günstiger

Ambulant vor stationär: Das ist nicht nur der Grundsatz im Hochsauerlandkreis, sondern in der bundesweiten Altenpflege. „Vorrang haben ambulante Leistungen vor teilstationären und stationären Leistungen sowie teilstationäre vor stationären Leistungen“, heißt es seit 2003 im zwölften Buch, Sozialgesetzbuch. Ein wesentlicher Grund für die bevorzugte Pflege am heimischen Herd ist natürlich der Kostenfaktor für die stationäre Pflege. Je nach Pflegegrad und Bundesland beziehen Hilfsbedürftige im Monat zwischen 320 und 900 Euro Pflegegeld zuzüglich zwischen 700 Euro und 2.000 Euro Pflegesachleistungen im Monat. Eine stationäre Pflege kostet im Durchschnitt etwa 3.000 Euro pro Monat.

Die Altersarmut könnte für die Kommunen teuer werden

Schon jetzt stellt eine Addition aus Rente plus Leistungen der Pflegeversicherung eine Heimunterbringung häufig nicht mehr sicher. Wurden für die Differenz bis Dezember 2019 häufig die Kinder der Pflegebedürftigen zur Kasse gebeten, sind diese seit Inkrafttreten des Angehörigen-Entlastungsgesetzes im Januar dieses Jahres nur noch ab einem Jahreseinkommen von 100.000 Euro zahlungspflichtig. Bleibt als Kostenträger die Sozialhilfe der Kommunen. Und die dürfte in Zukunft – wenn der prognostizierte Trend zu mehr Altersarmut eintritt – noch häufiger zur Kasse gebeten werden.

Die Kreisverealtung förderte mit eigenem Beratungsangebot die Vernetztung

In einem ersten Schritt stellte die Kreisverwaltung des Hochsauerlandkreises zwei Diplom-Sozialarbeiterinnen und eine Pflegefachkraft ein. Bis zu 390.000 Euro im Jahr flossen in das Budget des Projektes. Pflegebedürftige Einwohner und deren Angehörige wurden nach einem Krankenhausaufenthalt oder einer Reha-Maßnahme kostenlos beraten, individuelle Handlungsempfehlungen nach einem Vor-Ort-Besuch im häuslichen Umfeld der Kunden entwickelt und eine breite Vernetzung von bereits bestehenden Beratungsangeboten und den Krankenhaussozialdiensten auf die Beine gestellt.

Neben den Personalkosten wurden innovative Ideen von Pflegeanbietern in der jährlichen Größenordnung von 120.000 Euro im Jahr unterstützt und aus einem Notfalltopf ambulante Unterstützungsleistungen finanziert – etwa Auszeiten für pflegende Angehörige oder kleine technische Hilfsmittel. Schulungen von pflegenden Angehörigen gehörten ebenso zum Programm wie die finanzielle Ausstattung eines „Quartierkümmerers“ sowie Anschaffungen für die Ausstattung einer seniorengerechten Musterwohnung, die von den Kunden des Projektes besichtigt werden kann.

Vielen Pflegebedürftigen sind konstengünstige Innovationen nicht bekannt

„Viele ältere Menschen, die nach einem Unfall oder einer Krankheit in ihrem häuslichen Umfeld alleine nicht mehr zurechtkommen, wissen oft nicht, dass es viele kleine, kostengünstige Innovationen gibt, die ihnen ihren Alltag erleichtern. Und viele wussten bislang auch nicht, dass größere Umbaumaßnahmen im Haus – etwa der Einbau einer barrierefreien Dusche – finanziell mit bis zu 4.000 Euro durch die Pflegeversicherung unterstützt werden“, unterstreicht Regine Clement.

Der Hochsauerlandkreis spart 1,3 Millionen Euro

Nach Abschluss der Projektphase von „ambulant vor stationär“ wurde sowohl die Wirtschaftlichkeit der Initiative als auch deren Qualität von einem externen Dienstleister überprüft. Das Ergebnis: Für den Hochsauerlandkreis errechneten die Externen Einsparungen von 1,3 Millionen Euro. Außerdem bescheinigten die Prüfer, dass das Angebot von den Kunden positiv angenommen worden sei und für einen Imagegewinn des Kreises gesorgt habe.

Pflegebedürftige und Angehörige sind zufrieden

Zudem habe das Projekt die Identifikation von Schwachstellen und eine konsequente Steuerung des Pflegebedarfs ermöglicht und gezeigt, dass ein weiterer Ausbau ambulanter Dienstleistungen notwendig sei. Und der Kreis selbst bilanzierte bei Abschluss der Pilotphase: „Die Mitarbeiterinnen beraten bedarfsgerecht und sprechen verlässliche Empfehlungen aus, so dass sich über 95% der in einer Kundenbefragung angeschriebenen Pflegebedürftigen und Angehörigen mit dem Beratungsangebot zufrieden zeigten und alle das Beratungsangebot weiterempfehlen würden.“

Das Projekt "„ambulant vor stationär“ lädt zum Nachmachen ein

Mittlerweile sind die Projektstellen entfristet und „ambulant vor stationär“ ein gut angenommenes Regelangebot im Hochsauerlandkreis. Über 2.000 Kundinnen und Kunden haben sich bislang beraten lassen und das bei einer Bevölkerung von gerade einmal 260.000 Menschen. Regine Clement: „Natürlich sind weniger stark steigende Ausgaben für Soziales für den Kreis ein positiver Aspekt. Aber ebenso freut es uns zu sehen, dass bei uns im Hochsauerlandkreis aktuell etwa 70 Prozent der pflegebedürftigen Menschen in ihrem eigenen Heim versorgt werden können. Und das in einer ländlichen Region, in der Kinder und Enkel in vielen Fällen weit weg wohnen und für die tägliche Pflege der Eltern komplett ausfallen. Ambulant vor stationär: Das ist im Hochsauerlandkreis ein echter Erfolg, vor allen Dingen auch deshalb, weil wir zuvor in das Modellprojekt viel Zeit und Geld investiert haben.“