Landkreis
Medizinische Versorgung: Landkreis setzt auf Arztlotsen
Unbesetzte Stellen und lange Wartezeiten
Neue Ärzte werden dringend gesucht – das gilt auch im Ilm-Kreis. 11 hausärztliche Stellen sind dort aktuell unbesetzt und die Altersstruktur der Fach- und Hausärzte im Kreis macht deutlich, dass sich die Situation in wenigen Jahren noch verschärfen wird. So sind bei den Hausärzten 58 Prozent mindestens 51 Jahre alt und bei den Fachärzten 46 Prozent. „Die Situation ist noch nicht dramatisch, aber es ist klar, dass es zunehmend schwieriger werden wird“, sagen die Arztlotsinnen Sophie Hohlstein und Kati Schmidt. Und auch wenn die Zahlen selbst noch im Rahmen scheinen, so sei die Wahrnehmung der Bevölkerung eine völlig andere. „Manchmal müssen die Menschen sehr lange auf einen Termin warten und es gibt eine spürbare Sorge in der Bevölkerung, was die medizinische Versorgung im Kreis anbelangt“, so die Arztlotsinnen. Insbesondere für Neubürger sei es zudem schwer, überhaupt einen Hausarzt zu finden, bei dem sie als Patienten noch aufgenommen werden.
Diskussion um medizinische Versorgung
Wegen der angespannten Lage im Landkreis gab es einen Auftrag aller Parteien an die Landrätin Petra Enders, die medizinische Versorgung zu stärken. „Das Ziel war es, als Landkreis schon jetzt etwas zu tun, um hier langfristig einem wirklich dramatischen Arztmangel vorzubeugen“, sagen Hohlstein und Schmidt. Offen aber war, welche Herangehensweise gewählt werden soll, um hier aktiv zu werden. So wurde unter anderem ein Stipendium für Mediziner diskutiert. „Dabei handelt es sich allerdings eher um eine kurzfristige Lockung und wir möchten langfristig an die Region binden“, so Hohlstein. Daher fiel die Entscheidung letztlich auf die Maßnahme der Arztlotsinnen.
Intensive Netzwerkarbeit und Analyse
Mit Sophie Hohlstein und Kati Schmidt wurden zwei Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamtes als Arztlotsinnen bestellt, die beide über jahrelange Erfahrung im Bereich der Gesundheitsförderung und ein entsprechend großes Netzwerk verfügen. Zusammen ergibt die Anzahl ihrer Einsatzstunden als Arztlotsin knapp eine Vollzeitstelle.
Bestandsärzte unterstützen und Nachwuchs fördern - das sind die zwei Säulen, die ihre Arbeit als Arztlotsinnen ausmachen sollen. Der erste Schritt hierbei ist ein intensiver Ausbau des regionalen Netzwerks im Medizinbereich, um insbesondere im Gespräch mit den ansässigen Ärzten einen detaillierten Einblick zu bekommen, was gut läuft, wo es Probleme gibt und was für Nachwuchsmediziner attraktiv sein könnte. „Im Moment sichten wir akribisch die Lage im Landkreis und versuchen, möglichst genau hinzuschauen und Probleme zu erkennen, um dann passgenaue Maßnahmen zu entwickeln“, sagt Hohlstein. Erst brauche es eine gute Analyse, um dann verschiedene Formate auszuarbeiten.

Bestand sichten
Eine wichtige Rolle bei der Bestandsaufnahme spielen die teilweise bereits seit vielen Jahrzehnten ansässigen Ärzte im Kreis. „Wir möchten die Ärzte, die wir haben, möglichst gut begleiten und bei Laune halten, damit sie der Region so lange wie möglich erhalten bleiben“, sagt Schmidt. Deshalb suchen die Arztlotsinnen den Austausch mit den Haus- und Fachärzten in der Region und versuchen herauszufinden, wo der Landkreis helfen könnte. Das ist beispielsweise die Tatsache, dass viele Ärzte viel Zeit mit Büroarbeit verbringen und Aufgaben, die eigentlich auch von anderen Stellen übernommen werden könnten – etwa, wenn es um das Ausfüllen von Pflegegeld-Anträgen geht. Ein weiterer Punkt ist, dass sich manche erst viel zu spät mit dem Thema der Praxisübernahme beschäftigen und es dann noch schwerer wird, einen Nachfolger für die Praxis zu finden. Auch hier könnte eine Begleitung durch den Kreis helfen.
Nachwuchsförderung im Zentrum
Die zentrale Säule des Projekts ist neben der Begleitung der bereits vorhandenen Ärzte die Nachwuchsförderung. Schon seit Längerem werden vom Landkreis sogenannte „Praxistouren“ veranstaltet, bei denen Studenten des 8. und 9. Semesters einen Tag lang begleitet durch den Landkreis fahren, verschiedene Praxen besuchen und Einblick bekommen in mögliche Berufsfelder im Ilm-Kreis. Diese Touren sollen nach Planung der Lotsinnen weiter ausgebaut und weitere Kooperationen mit den Universitäten geschlossen werden. Neben den Studenten aber wollen die Arztlotsinnen schon die Schüler an Schulen mit Abitur in den Blick nehmen, die sich für einen medizinischen Beruf interessieren. „Wir wollen möglichst früh ansetzen und die jungen Menschen von Beginn an begleiten“, so Schmidt. Die Idee: Die Landkreis-Mitarbeiter stehen den angehenden Medizinstudenten über etliche Jahre mit Rat und Tat zur Seite, helfen bei der Studienplatz-Bewerbung, halten Kontakt bei formalen Fragen im Studium und unterstützen beim Finden von Weiterbildungsmaßnahmen und Praxissemestern in der Region. „Im besten Fall kommen die Studenten schon während ihres Studiums regelmäßig in Praxen hier im Kreis und fühlen sich der Region dann auch darüber hinaus so verbunden, dass sie sich gerne langfristig hier niederlassen“, so die Lotsinnen.
Langfristiges Projekt
Noch stehen die Lotsinnen am Anfang des Projekts, Ideen und Pläne aber sind bereits zahlreich vorhanden. Dabei ist klar, dass es sich um ein langfristiges Projekt handelt, das an Relevanz eher noch gewinnt. „Jede freie Planungsstelle zu besetzen“, das sei das große Ziel, sagen die Lotsinnen. Es gibt noch viel zu tun.
