EmslandCare soll dem Hausärztemangel auf dem Land entgegenwirken
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Gesundheitsversorgung auf dem Land

Wie der Landkreis Emsland den Hausärztemangel löst

Mit EmslandCare etabliert der Landkreis bundesweit einzigartige Beratungsstellen. Sprechstunden in 19 Kommunen sind die innovative Antwort auf den Hausärztemangel in ländlichen Regionen.

Die hausärztliche Versorgung im ländlichen Raum steht bundesweit vor großen Herausforderungen. Jeder dritte derzeit tätige Hausarzt ist 60 Jahre oder älter, jährlich scheiden 1.700 bis 1.900 Medizinerinnen und Mediziner altersbedingt aus dem Beruf aus. Laut einer aktuellen Studie wird sich die Versorgungslage in den kommenden Jahren weiter verschlechtern.

Besonders betroffen sind ländliche Regionen und Kleinstädte, wo viele Praxen mangels Nachfolger unbesetzt bleiben. Prognosen gehen bereits für 2035 von einer Lücke von rund 11.000 Hausärztinnen und Hausärzten aus. In den Kommunen bedeutet das: Lange Wartezeiten, weite Anfahrtswege für Patientinnen und Patienten und eine zunehmende Überlastung der verbleibenden Arztpraxen.

EmslandCare: Innovative Lösung mit Gesundheitslotsen in 19 Kommunen

Viele Kommunen versuchen diese Entwicklung bestmöglich abzufedern. Der Landkreis Emsland geht mit einem bundesweit einzigartigen Ansatz voran: Zum Jahresbeginn 2025 hat mit EmslandCare ein Modellprojekt zur Entlastung der hausärztlichen Versorgung gestartet. In 19 Kommunen werden speziell ausgebildete Gesundheitslotsen wohnortnahe Beratungsangebote direkt in den Rathäusern etablieren.

Die niedrigschwelligen Anlaufstellen richten sich gezielt an Menschen mit psychosozialen Belastungen, Pflege- oder allgemeinen Gesundheitsfragen – Anliegen, die zunehmend in Hausarztpraxen landen, weil andere Anlaufstellen fehlen. Die Möglichkeit mit diesen Anliegen nun die Gesundheitslotsen aufzusuchen, soll die Arztpraxen in der Region entlasten. 

Die Initiatoren von EmslandCare wollen dem Hausärztemangel begegnen
Die Umsetzer von EmslandCare, darunter Landrat Marc-André Burgdorf (4.v.r.), Sigrid Kraujuttis (2.v.l.), und Wolfgang Hentrich (Mitte)

So funktioniert das Konzept konkret

Die Gesundheitslotsen übernehmen eine Lotsenfunktion im komplexen Gesundheitssystem. Sie bieten:

  • Orientierung und Erstberatung bei gesundheitlichen und pflegerischen Fragen
  • Vermittlung zu passenden Fachstellen, Beratungsdiensten und Unterstützungsangeboten
  • Koordination von Hilfen bei psychosozialen Belastungen
  • Zeitintensive Gespräche, für die in Arztpraxen oft keine Kapazitäten bestehen
  • Unterstützung bei der Navigation durch Antragsverfahren und Sozialleistungen

Anders als medizinische Fachangestellte oder Ärztinnen und Ärzte stellen Gesundheitslotsen keine Diagnosen und führen keine medizinischen Behandlungen durch. Sie schaffen stattdessen eine Entlastung.

Finanzierung: 586.000 Euro ESF-Förderung

Das Projekt wird mit 586.000 Euro aus dem Europäischen Sozialfonds Plus (ESF+) gefördert. Die Mittel decken 40 Prozent der Gesamtkosten von rund 1,5 Millionen Euro ab. Die Förderung erfolgt über das Programm „Zukunftsregion Ems-Vechte“. Den 60-prozentigen Eigenanteil tragen der Landkreis Emsland und die 19 beteiligten Kommunen gemeinsam.

„Diese Förderung gibt uns die Möglichkeit, EmslandCare verlässlich und gemeinsam mit den Städten und Gemeinden aufzubauen“, erklärt Landrat Marc-André Burgdorf. Ziel sei es, das Angebot nach der Projektlaufzeit langfristig als festen Bestandteil der regionalen Versorgungslandschaft zu verankern.

Schrittweiser Start: Acht Kommunen machen den Anfang

Der Aufbau von EmslandCare erfolgt in zwei Phasen. In diesem Monat starten acht Pilotkommunen mit den ersten Sprechstunden: Freren, Emsbüren, Spelle, Rhede, Lingen, Geeste, Twist und Haselünne. Im Februar folgen acht weitere Kommunen, darunter Meppen, Papenburg und Haren. 

Die organisatorische Koordination liegt beim Landkreis Emsland, die operative Umsetzung übernehmen das Gesundheitsnetz genial eG Lingen und der Pflegestützpunkt Emsland. Diese Arbeitsteilung ermöglicht eine professionelle Infrastruktur bei gleichzeitiger Bürgernähe durch die kommunalen Anlaufstellen.

Wie Gesundheitslotsen beim Hausärztemangel helfen

Das Projekt reagiert auf einen steigenden Unterstützungsbedarf, den Hausarztpraxen zunehmend nicht mehr bewältigen können. Immer mehr Menschen wenden sich mit nicht-medizinischen Anliegen an Hausärztinnen und Hausärzte – obwohl es eigentlich um psychosoziale Krisen, Pflegefragen, Behördenangelegenheiten oder grundlegende Gesundheitsinformationen geht.

„Wenn es gelingt, Menschen frühzeitig zu unterstützen und Wege aufzuzeigen, ist das ein Gewinn für alle Beteiligten“, betont Landrat Burgdorf. Die Hausärzte gewinnen Zeit für ihre Kernaufgaben, die Patienten erhalten passgenaue Hilfe, und das Gesundheitssystem wird insgesamt effizienter.

Synergien nutzen: Pflegestützpunkt und Ärztenetze arbeiten zusammen

„Mit EmslandCare führen wir bewährte Erfahrungen zusammen und entwickeln sie weiter", erklärt Gesundheitsdezernentin Sigrid Kraujuttis. Die Zusammenarbeit zwischen dem etablierten Pflegestützpunkt Emsland und dem genossenschaftlichen Ärztenetz genial eG habe sich bereits in anderen Projekten bewährt. „Medizinische Versorgung, Pflege und psychosoziale Beratung greifen künftig noch stärker ineinander.“

Wolfgang Hentrich, Vorstandsvorsitzender der genial eG, stellt klar: „Das Projekt ist keine Sparmaßnahme, die Menschen Leistungen vorenthält.“ Vielmehr gehe es darum, das Leistungsangebot zu verbreitern, Menschen schneller zu helfen und gleichzeitig die niedergelassenen Hausärzte zu entlasten.

Die genial eG Lingen ist ein genossenschaftlicher Zusammenschluss von 70 Haus- und Fachärzten in 31 Praxen. Sie rekrutiert derzeit zusätzliches Personal für das Projekt. Das Gesundheitsnetz ist eines von nur zwei niedersächsischen Arztnetzen, die nach § 87b SGB V als besonders förderungswürdig zertifiziert sind.

Emsland investiert seit Jahren in Hausarztversorgung

EmslandCare ist nicht die erste Bemühung des Landkreises, dem drohenden Ärztemangel entgegenzuwirken. Bereits seit 2014 wurden 46 Ärztinnen und Ärzte mit Niederlassungsförderungen in Höhe von über zwei Millionen Euro bei der Praxisgründung unterstützt. 

Fotocredits: Landkreis Emsland