Der Arbeitsplatz der Zukunft - Mehr Flexibilität und Raum für Familie? © googluz/123rf

Der Arbeitsplatz der Zukunft

Dem öffentlichen Dienst fehlt der Nachwuchs – Verwaltungen überaltern. Christian Erhardt im Gespräch mit dem Vorsitzenden der komba gewerkschaft, Ulrich Silberbach, über neue Anreize und den Arbeitsplatz der Zukunft.

KOMMUNAL: Beginnen wir mit dem Nachwuchs: Immer weniger Menschen finden den öffentlichen Dienst attraktiv – es fehlen junge Bewerber. Woran liegt das? Ulrich Silberbach: Die freie Wirtschaft ist teilweise attraktiver. Da spielt die Einkommensfrage eine große Rolle. Wenn ich in der freien Wirtschaft für einen vergleichbaren Arbeitsplatz in den Anfangsjahren bereits zwei- bis dreihundert Euro mehr bekomme, dann ist das ein entscheidendes Argument. Wenn ich im Wettbewerb stehe, kann ich den Leuten nicht sagen: „Du bekommst ein bescheidenes Gehalt, eine garantierte Übernahme nach der Ausbildung bekommst du schon mal gar nicht und die Aufstiegschancen sind auch nicht so super.“

Christian Erhardt im Gespräch mit Ulrich Silberbach

KOMMUNAL: Ein Schlüssel, so sagen Sie, könnte mehr Arbeitssouveränität sein. In der Privatwirtschaft gibt es das viel häufiger – was versprechen Sie sich davon? Ulrich Silberbach: Erstmal verspreche ich mir davon, dass wir endlich das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf und auch von Ehrenamt und Beruf stärker angehen. Wenn Sie heute bei den jungen Leuten eine Umfrage machen, sind die durchaus bereit zu arbeiten, aber sie möchten flexibler sein. Und da bietet der Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst noch zu wenig Attraktivität. Wenn es uns gelingt im kommunalen Dienst entsprechende Angebote für junge Menschen zu machen, dann wäre das eine große Chance für uns, im Wettbewerb nicht unterzugehen. KOMMUNAL: Vorgesetzte haben laut Umfragen dabei aber häufig Angst vor Kontrollverlust. Wie begegnen Sie der Sorge? Ulrich Silberbach: Den Vorgesetzten sage ich: Das ist eine Mentalität, die passt überhaupt nicht zum Arbeiten 4.0 und hätte schon vor 30 Jahren in die Tonne gehört. Wer glaubt in seinem Bereich mit Kontrolle führen zu können, der hat für mich nicht verstanden was Führung heißt. Damit lassen sich auch gerade junge Menschen überhaupt nicht mehr übereinander bringen. KOMMUNAL: Aber lässt sich das dann noch in das starre Korsett, das auch Gewerkschaften immer wieder fordern, pressen? Sprich: ist eine Diskussion über eine 40-, 38- oder 36-Stunden-Woche da noch zeitgemäß? Ulrich Silberbach: Wir fordern gar keine Arbeitszeitverkürzung mehr. Was wir fordern, sind flexible Arbeitszeitmodelle. Jungen Müttern soll die Chance gegeben werden, ihren Arbeitsplatz zu behalten. Weil sie beispielsweise nochmal arbeiten können, wenn das Kind abends im Bett ist. Da bekommen wir allerdings rechtliche Probleme mit Pausen- und Ruhezeiten. Wie ist das, wenn die Kollegin um 22 Uhr nochmal eine Stunde ihre Mails checkt? Kann ich sie dann um 8 Uhr schon wieder im Büro begrüßen? Da müssen wir Lücken schließen. Ich glaube, der richtige Weg ist eine Lösung durch Betriebsvereinbarungen, weil man nicht für alle das gleiche Instrument finden kann. KOMMUNAL: Also weniger Steuerung durch Gewerkschaften und Politik und mehr Freiräume für Arbeitgeber und Arbeitnehmer? Ulrich Silberbach: Unter Einbeziehung der Personalverteretung. Wir brauchen natürlich Leitplanken. Und wir müssen junge Leute auch vor der Selbstausbeutung schützen. Das ist uns auch so gegangen: In jungen Jahren mit 25, 30 ist man heiß auf den Job. Da guckt man doch nicht auf die Uhr! Da müssen wir als Gewerkschaften und als Gesellschaft drauf achten, weil wir Menschen sonst relativ schnell überfordern. Deshalb finde ich die Leitplanken-Diskussion sehr wichtig, aber es muss nicht immer alles bis ins Kleinste geregelt werden. KOMMUNAL: Möglich werden diese neuen Formen der Arbeit ja durch Digitalisierung. Und gleich wird wieder das Bild an die Wand gemalt: Das IPad ersetzt den Lehrer. Ist Digitalisierung für Sie eher Chance oder Gefahr? Ulrich Silberbach: Die Digitalisierung und E-Government bieten uns riesige Chancen. Auch um das Thema Personalmangel in den Griff zu bekommen. Und ich mache mir da gar keine Sorgen, dass wir Arbeitsplätze verlieren werden. Das ist wie in den 70er- und 80er-Jahren, als die PCs in die Büros Einzug gehalten haben. Was wurden da teilweise Ängste geschürt! Das hat sich alles nicht realisiert. Ängste, die heute existieren, gehen in die Richtung Datenmissbrauch und Identitätsdiebstahl: Bin ich der gläserne Mensch? Was passiert mit meinen Daten? Da sind wir in Deutschland aber in den letzten Jahren immer auf einem vernünftigen Weg gewesen, das sicher zu gestalten. KOMMUNAL: Sie sagen, sie machen sich keine Sorgen über wegfallende Stellen, aber auch, dass die Digitalisierung Personalengpässe auffängt. Wie passt das zusammen? Ulrich Silberbach: Erstens haben wir erhebliche Personalengpässe und schaffen gerade neue Stellen. Und zweitens, verändern sich Arbeitsmethoden durch die Digitalisierung, die auch wieder Kapazitäten für qualifiziertere Tätigkeiten freisetzen. Gerade im Bereich der Datensicherheit und der Bereitstellung der Medien braucht es Fachleute, die wir noch gar nicht haben. Wir müssen dann aufpassen, dass wir in diesen Aufgaben marktgerecht bezahlen. Sonst kriegen wir nachher die dritte und vierte Garnitur. Damit hängen wir uns weiter ab.

Weitere Artikel von Christian Erhardt

Neuester Inhalt

Immer informiert bleiben!

Jetzt für KOMMUNE.HEUTE anmelden und die Neuigkeiten der kommunalen Welt kommen direkt in Ihr Postfach.
 Ja, ich habe die Datenschutzerklärung verstanden und akzeptiere sie.*

Ja, ich möchte im Newsletter persönlich angesprochen werden! (optional)