80 Prozent der Deutschen halten eine geschlechtergerechte Sprache für überflüssig. Trotzdem setzt sie sich in Behörden größerer Kommunen immer mehr durch - und sorgt bei Deutschpuristen immer häufiger für Empörung
80 Prozent der Deutschen halten eine geschlechterneutrale Sprache für überflüssig. Trotzdem setzt sie sich in Behörden größerer Kommunen immer mehr durch - und sorgt bei Deutschpuristen immer häufiger für Empörung
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Shitstorm in Lübeck

Empörung über geschlechterneutrale Behördensprache

Es scheint ein Phänomen, dass man als Filterblase bezeichnen mag. Nur ein Bruchteil der Bevölkerung nutzt nach eigenen Angaben im Alltag eine geschlechterneutrale Sprache. Eine große Mehrheit der Deutschen fühlt sich von ihr sogar belästigt. In Lübeck hat ein Leitfaden der VErwaltung nun gar eine Art Shitstorm ausgelöst.

80 Prozent der Deutschen sagen laut Umfrage, eine geschlechterneutrale Sprache sei übertrieben und überflüssig. Das ist das Ergebnis des Meinungsforschungsinstituts Insa aus dem vergangenen Jahr. Aufschlussreich bei der Umfrage ist auch, dass Frauen und Männer diese geschlechterneutrale Sprache gleichermassen ablehnen. Bei jungen Menschen ist die Ablehnung sogar größer, als bei Älteren. Und trotzdem versuchen neben Politikern vor allem Kommunen immer wieder, es möglichst allen recht zu machen. In der Hoffnung, die Befürworter der geschlechterneutralen Sprache würden befriedet und den anderen sei es "egal". Nur dem ist nicht so, wie sich nun in Lübeck zeigt.

Ein Leitfaden der Stadt für geschlechterneutrale Sprache war der Anlass

Der Verein Deutscher Sprache hat Mitarbeitern der Stadt Lübeck nun Prozesskostenhilfe angeboten, falls sie die neue Verordnung der Heimatstadt von Literaturnobelpreisträger Thomas Mann nicht beachten. Sollten ihnen dadurch Nachteile entstehen, helfen wir Ihnen gern, so der VDS. 

Was war passiert? Seit Anfang Januar soll ein neuer Leitfaden der Stadt die geschlechterneutrale Sprache in allen städtischen Publikationen sowie im Schriftverkehr gewährleisten. In dem Leitfaden werden etwa Mitarbeiter zu Mitarbeiter:innen, aus den Lübeckern werden Lübecker:innen. Entsprechend sollen nun zügig sämtliche Formulare und Drucksachen der Stadt angepasst werden. 

Für eine solche Sprache hätte sich Thomas Mann seiner Heimatstadt geschämt, argumentiert der Vorsitzende des Vereins der Deutschen Sprache, Walter Krämer. Und fügt wörtlich hinzu: "Die Stadt Lübeck setzt sich über amtliche Regeln der deutschen Rechtschreibung hinweg und macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt". Der Doppelpunkt sei ein Satzzeichen und nichts, was man aktiv sprechen könne. Das schaffe mehr Verwirrung als Klarheit. Gleiches gelte für Sternchen und andere Schreibweisen. Wörtlich fügte der Verbandssprecher hinzu: "Der Dienstherr missbraucht hier in eklatanter Weise sein Weisungsrecht". Der Leitfaden komme einem Ausverkauf der deutschen Sprache gleich. Wer dieses grässliche Deutsch als Rechtfertigung für seine Arbeit zur besseren Gleichstellung von Mann und Frau nutze, habe nicht verstanden, wo es bei diesem Problem wirklich hapere. 

Warum die geschlechterneutrale Sprache die Gesellschaft spaltet 

Der Bürgermeister von Lübeck, Jan Lindenau, hat sich inzwischen zu den Vorwürfen geäussert und sprach von einer "vollkommen überzogenen Reaktion". Doch unabhängig davon empfindet eine große Mehrheit der Deutschen laut der Insa-Umfrage entsprechende Vorschriften durch Behörden und Arbeitgeber als störend, mehr als drei von vier Deutschen lehnen Vorschriften zu dem Thema generell ab. Selbst 84 Prozent der Grünen-Wähler sagten in der Umfrage, dem Thema werde zu viel Bedeutung beigemessen. 

Auch in anderen Großstädten hat die geschlechterneutrale Sprache dessen ungeachtet in den vergangenen Jahren deutlich mehr Raum eingenommen. So sind Radfahrende oder Fahrzeugführende bereits in der Straßenverkehrsordnung in Berlin zu finden. Sprachwissenschaftler verweisen immer wieder darauf, dass diese Ausdrucksweise grammatikalisch falsch ist. Ein Radfahrender etwa ist nur dann Radfahrender, wenn er dieser Tätigkeit in diesem Moment nachgeht. Steigt er vom Rad ab, ist er oder sie immer noch Radfahrer aber bei Radfahrender mehr. Ähnlich verhält es sich mit dem Studierenden. So lange er in einem Buch liest, mag er studierend sein, legt er das Buch zur Seite ist er immer noch Student oder Studentin. 

Im vergangenen Jahr hatten die Schriftstellerin Monika Maron , der Ökonom Walter Krämer und der Journalist Wolf Schneider mit dem früheren Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus einen Aufruf zum Widerstand gegen die - aus ihrer Sicht - Auswüchse der sogenannten geschlechterneutralen Sprache aufgerufen. Mehr als 100 Prominente, Schriftsteller, Journalisten und Wissenschaftler hatten den Aufruf unterzeichnet - inzwischen sammelte die Initiative mehr als 75.000 Unterschriften. 

„Die meisten Menschen wollen nicht von einer fanatischen Minderheit in Universitäten und Rathäusern gezwungen werden, in einer verunstalteten, mit unaussprechbaren Sternchen dekorierten und sogar falschen Sprache zu sprechen“, so die Schriftstellerin Monika Maron zum Erfolg der Initiative. 

Einen Leitfaden zum Thema geschlechterneutrale Sprache gibt es seit längerem auch in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover. Man wolle die "Vielzahl der geschlechtlichen Identitäten berücksichtigen" heißt es dort. Nachdem es auch in Hannover Diskussionen um die Behördensprache gab, erklärte die Stadt jedoch, der Leitfaden sei nicht verbindlich. In Hannover wird versucht, die sogenannte Sternchenschreibweise möglichst häufig zu verhindern. Stattdessen spricht der Leitfaden etwa von "Rede-Pult" statt Rednerpult oder von "Teilnahmeliste" statt Teilnehmerliste. Von der Schreibweise mit dem großen I also etwa "LehrerInnen" hat sich Hannover derweil verabschiedet. Auch Leipzig und Tübingen haben inzwischen Leitfäden zur geschlechterneutralen Sprache herausgegeben. 

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