Das thüringische Gotha ist Residenzstadt.
Das thüringische Gotha ist Residenzstadt.
© Lutz Ebhardt

Bürgermeister:

"Die Gewerbesteuer lähmt uns im Osten"

Knut Kreuch, Oberbürgermeister von Gotha, kritisiert eine der Haupteinnahmequellen für die Städte und Gemeinden. In der thüringischen Stadt sind viele kleine und mittlere Unternehmen angesiedelt. Ein Besuch beim Bürgermeister des Monats.

An der Wand des Büros von Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch (SPD) hängen fünf Ölgemälde. Es sind Kopien alter Meister. Die Originale finden sich im Herzoglichen Museum der Stiftung Schloss Friedensstein in Gotha. Und dass sie dort wieder hängen, hat auch mit Kreuch zu tun. “1979 sind diese Bilder gestohlen worden, im größten Kunstraub der DDR”, sagt Kreuch. 2018 habe er einen Anruf erhalten. „Hier im Rathaus, an dem Tisch, an dem wir heute sitzen.” Der Anrufer bat um einen Besuchstermin – und überraschte Kreuch mit Farbfotos der gestohlenen Gemälde. Nach zweijährigen Geheimverhandlungen kehrten die Bilder nach Gotha zurück. „Und in der Stadt sagt man manchmal spöttisch: Das Einzige, was von Knut Kreuch übrigbleiben wird, ist die Erinnerung an die Rückkehr der fünf alten Meister von Gotha.”

 Gotha nachhaltige Stadt

Doch dabei blieb es nicht: Der gleich nach der Wende, im Februar 1990, in die SPD eingetretene Thüringer ist in Gotha schon seit 2006, also seit mittlerweile 16 Jahren Oberbürgermeister. Seine Amtszeit geht noch bis 2024 – und dann könnte sich der heute 55-Jährige noch zweimal für insgesamt weitere zwölf Jahre wiederwählen lassen. Und Gotha geht es gut. „Gotha ist eine lebenswerte und nachhaltige Stadt”, sagt Kreuch. Die Stadt böte heute rund 22.000 Arbeitsplätze und sei in allen Branchen zukunftssicher aufgestellt. „Es gibt hier keine Global Player mit fünf- oder siebentausend Beschäftigen, sondern viele kleine und mittlere Unternehmen”, sagt Kreuch. Und um diese kleinen und mittelgroßen Unternehmen kümmert sich die Stadt gezielt. “Wir halten einen ganz engen Kontakt.” So gebe es ein Unternehmernetzwerk, das sich wöchentlich etwa über einen Newsletter über neue Entwicklungen informiert. Neue Gewerbeflächen würden ausgewiesen. „Vielfach sind es bei uns aber Erweiterungen bestehender Unternehmen oder deren Partner, die sich hier ansiedeln.”

Fachkräfte gesucht

Ein großes Problem ist der Fachkräftemangel. In Thüringen habe sich nach 1990 besonders die Logistikbranche angesiedelt. Das habe dazu geführt, dass der Billiglohnsektor in dem Land besonders stark sei. „Das macht uns Schwierigkeiten”, sagt Kreuch. Nur wenige Menschen seien bereit, für einen neuen Job nach Thüringen zu ziehen. Die Stadt Gotha versuche deswegen, mit langsam steigenden Löhnen, geringeren Wohnkosten als anderswo und einer nachhaltigen Energiepolitik bei Bewerbern zu punkten. „Wir investieren seit fünf Jahren massiv in Fernwärme, um uns nachhaltiger und kostengünstiger aufstellen zu können.”  Kreuch hofft, dass Menschen, die in den letzten Jahrzehnten Thüringen auf der Suche nach Arbeit verlassen haben, irgendwann wiederkommen.

Tradition und Heimatverbundenheit

Der Gothaer Oberbürgermeister steht für die Themen Tradition und Heimatverbundenheit. „Für mich persönlich ist die Geschichte einer Stadt und die Beschäftigung mit den Menschen, die hinter den Geschichten stehen, eigentlich der Quell allen Erfolges einer nachhaltigen Stadtentwicklung”, sagt Kreuch. So engagiert er sich auch als Vorsitzender des Deutschen Trachtenverbands. „Die Thüringer Trachten entstanden vorrangig in den Erholungsorten des Thüringer Waldes, weil man zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Menschen etwas von der Tradition der Region zeigen wollte”, sagt er. Freilich wird der Heimatbegriff gerade auch in Thüringen zuweilen kräftig missbraucht. Schließlich ist die AfD unter Landeschef Björn Höcke in Thüringen so stark, wie sonst nur in Sachsen und Brandenburg. „Ich versuche immer wieder, sie zu entzaubern”, sagt der Gothaer Oberbürgermeister. “Wenn solche Leute zu mir kommen, mache ich ihnen gleich klar, wie meine Linie ist, wo ich rote Linien sehe – und dann werden manche doch sehr kleinlaut.”

Selbst sorgt sich Kreuch vor allem um die politische Mitte im Land: „Wenn die CDU im Land bei unter 30 Prozent ist und die SPD bei unter zehn, frage ich mich, wo die Mitte ist”, sagt Kreuch. Auch hierfür sieht er historische Ursachen. Denn das früher in zahlreiche Kleinstaaten aufgeteilte Land habe nach der deutschen Wiedervereinigung keine eigene Identität gefunden. Der Süden tendiere sehr nach Franken, der Norden leide unter wirtschaftlicher Armut, und insgesamt sei Thüringen ein Durchgangsland geblieben.  

 

Bürgermeister Knut Kreuch

Es macht gar keinen Spaß, viele Einnahmen über die Gewerbesteuer zu erzielen.“

Knut Kreuch, Oberbürgermeister von Gotha

Die Kommunen können nur sehr begrenzt an dieser Stelle tätig werden. Denn auch in Thüringen leiden die Städte und Gemeinden unter der schlechten Finanzierung. „Wenn eine Stadt Förderanträge stellen muss, stimmt irgendwas in ihrer gesamten Finanzierung nicht”, sagt Kreuch. „Und im Osten leben wir alle nur von Anträgen: Wir haben einfach zu wenig Einnahmen, um ein städtisches Leben aufrecht zu erhalten.” Nötig sei eine so solide Finanzierung der Kommunen, dass die Städte und Gemeinden daraus existieren könnten.

Gewerbesteuer bringt Probleme

Scharfe Kritik übt Kreuch dabei an einer der Haupteinnahmequellen der Kommunen, der Gewerbesteuer: „Sie treibt uns in dem einen Jahr den Haushalt hoch und im Januar kommen dann die Unternehmen mit ihren Rückforderungen”, sagt Kreuch. “Es ist nicht so, dass wir mehr Geld haben, wenn die Gewerbesteuer steigt: Alle Einnahmen aus dieser Steuer sind immer nur eine Momentaufnahme.” Aber ausgehend von dieser „Momentaufnahme” würden dann die Kreisumlage und die Höhe der Zuweisungen des Landes berechnet. Wenn also Ende des Jahres viel Gewerbesteuer eingegangen sei, die im Januar wieder zurückgefordert werde, komme die Stadt in Schwierigkeiten. „Es macht gar keinen Spaß, viele Einnahmen über die Gewerbesteuer zu erzielen”, sagt Kreuch. “Die Gewerbesteuer ist für uns Kommunen im Osten eine Crux, die uns wirklich lähmt.”

Privatleben und Politik

Was der Oberbürgermeister jemandem raten würde, der heute neu in die Politik einsteigt? „Der Fall von Frau Spiegel macht uns allen deutlich: Rückendeckung kannst Du von niemandem erwarten”, sagt der SPD-Politiker. Dazu sollte man sich darauf einstellen müssen, dass die Politik das Privatleben an den Rand rückt. „Wem Familie wichtiger ist als alles andere, der sollte nicht in die Politik gehen”, sagt Kreuch. Es sei denn, die Familie habe Verständnis und halte dem angehenden Politiker den Rücken frei. So wie es bei Knut Kreuch seit 29 Jahren geschieht. Denn so lange ist der Gothaer Oberbürgermeister nun schon glücklich verheiratet. „Aber ich bin da die Ausnahme”, sagt der Oberbürgermeister nachdenklich. „Ich habe schon viele Ehen meiner Kollegen scheitern sehen."