Die Gründerinnen des Heimwegtelefons Frances Berger und Anabell Schuchhardt.
Heimwegtelefon
Die Gründerinnen des Heimwegtelefons Frances Berger und Anabell Schuchhardt.

Heimwegtelefon nimmt Ängste

Mit Geschichten wie der berüchtigten Kölner Silvesternacht im Hinterkopf, bereitet der nächtliche Heimweg vielen Menschen Beklemmungen bis hin zu Gefühlen von Ohnmacht und Panik. Das ehrenamtliche Heimwegtelefon soll ihnen Sicherheit vermitteln.

Die Straßen sind leer, die Bürgersteige teils schlecht oder gar nicht beleuchtet, die Stille wirkt bedrohlich – wer sich nachts alleine auf den Heimweg macht, bekommt oft eine diffuse Angst vor Übergriffen durch Fremde. In Schweden hat die Polizei deshalb ein sogenanntes Heimwegtelefon eingerichtet. Bei einer zentralen Telefonnummer können verängstigte Heimgeher anrufen und ein nettes Gespräch über Gott und die Welt führen, um die Angst zu vergessen und sicher nach Hause zu kommen.

Bis zu 200 Anrufe auf das Heimwegtelefon

Frances Berger und Anabell Schuchhardt wurden auf dieses Projekt aufmerksam und wunderten sich darüber, dass es in Deutschland kein ähnliches Angebot gibt. So riefen sie selbst das ehrenamtliche Heimwegtelefon ins Leben. Das Heimwegtelefon ist ein gemeinnütziger Verein, der ausschließlich über Spenden finanziert wird. In einer einwöchigen Testphase konnten erst einmal nur Berliner bei dem Telefondienst anrufen. Diese Möglichkeit ist rege genutzt worden. Deshalb suchten sich die beiden Gründerinnen schnell weitere freiwillige Mithelfer. Nun können Menschen aus ganz Deutschland von 20 bis 24 Uhr und freitag- und samstagnachts sogar bis 4 Uhr beim Heimwegtelefon anrufen. Etwa 20 freiwillige Helfer übernehmen den täglichen Telefondienst. „Wir haben zwischen 150 und 200 Anrufende in der Woche“, sagt Conny, erste Vorsitzende des Vereins. „Mehr am Wochenende als unter der Woche und mehr in der dunklen Jahreszeit als im Sommer.“

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Gerade die Angst vor sexuellen Übergriffen ist bei den Anrufern groß. Mit 25.429 versuchten und vollendeten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung macht diese Form der Kriminalität nur ein Prozent der Straftaten aus, die in der polizeilichen Kriminalitätsstatistik des Bundesinnenministeriums für das Jahr 2017 erfasst sind. Zudem haben viele Anrufer beim Heimwegtelefon Angst vor einem gewalttätigen Übergriff, unabhängig davon, ob sexueller Natur oder nicht. Rechnet man zu den oben genannten noch die anderen Formen gewalttätiger Übergriffe, wie Mord, Totschlag oder Körperverletzung hinzu, kommt man auf über eine Million Fälle im Jahr 2017.

Unterstützung kommt von Polizeistationen und -leitstellen

Das Heimwegtelefon hilft dabei nicht nur dem subjektiven Sicherheitsgefühl des Anrufers, ist sich die erste Vorsitzende sicher. Das subjektive Sicherheitsgefühl kann dazu führen, dass der Anrufer mehr Selbstvertrauen ausstrahlt, was potentielle Täter abschrecken kann. Zudem könnten potentielle Täter auch durch die telefonische Verbindung mit einer anderen Person abgeschreckt werden. Und falls es doch zu einem Übergriff kommen sollte, schaltet der Mitarbeiter des Heimwegtelefons sofort die Polizei ein. Deshalb wird der gemeinnützige Verein auch schon über viele Polizeistationen und -leitstellen in den Kommunen bekannt gemacht. „Der Bekanntheitsgrad unserer Arbeit ist sehr wichtig“, sagt auch Conny. „Deshalb fließen alle Spenden, die wir bekommen, die wir nicht für Technik oder Räume benötigen, in Plakate, Flyer und Publikationsmaterial.“

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