Bürgermeisterin von Walldorf

"Ich bin eher analog unterwegs"

Sa, 24.08.2019

Im kleinen baden-württembergischen Walldorf residiert der größte europäische Software-Hersteller, SAP. KOMMUNAL fragte die 50-jährige Bürgermeisterin der IT-Hochburg, welche Drähte das Rathaus nutzt, um zu erkunden, was Einwohner sich wirklich wünschen. 

Kritiker behaupten, Stadtverwaltungen beschränken sich zu sehr auf Interna und Rangordnungen, anstatt auf Bürgernähe. Denken Sie das auch? 

„Hierarchien beschäftigen uns höchstens bei der Eingruppierung von Mitarbeitern. Das ist also für die Bürger kein wahrnehmbares Thema. Im Gegenteil, der Walldorfer Gemeinderat ist ein Spiegelbild der Bevölkerung. Dessen Mitglieder haben ja gerade die Aufgabe, in Sitzungen, Arbeitskreisen und Ausschüssen die Ansichten und Interessen der Einwohner einzubringen.“ 

 

Wie funktioniert das konkret?    

„In regelmäßigen Informationsveranstaltungen fragen wir gezielt die Meinungen der Walldorfer ab. Im Kulturbereich haben wir beispielsweise ein Bürgerpanel eingerichtet und eine breite Umfrage durchgeführt. Viele unserer Sitzungen sind öffentlich, deren Tagesordnungen werden auch im Internet bekannt gegeben. Wir sind zwar nicht über Social-Media erreichbar, haben aber großzügige Öffnungszeiten. Wir nutzen die üblichen Kanäle Mail, Fax und Telefon. Zudem habe ich eine Bürgersprechstunde eingerichtet.“ 

 

Walldorf: 
 
Walldorf gehört mit gut 15.000 Einwohnern zu den reichsten Kleinstädten Europas. Die Gemeinde hat mehr Arbeitsplätze als Einwohner, auch weil gleich zwei große Arbeitgeber ihren Hauptsitz in der Stadt haben. Neben dem Softwareunternehmen SAP ist das auch die Heidelberger Druckmaschinen AG. Auch die Umgebung von Walldorf ist daher geprägt von zahlreichen Software-und Hardwarefirmen sowie von Maschinenbauunternehmen.  

 

Nutzt Ihre Verwaltung auch Apps? 

„Wir informieren über unsere Homepage. Die Bürger-App, die vom Nussbaum-Verlag betrieben wird, transportiert Inhalte des Amtsblattes aufs Handy. Das sind zum Beispiel aktuelle Meldungen wie Veranstaltungshinweise oder Schwimmbadschließungen. Der integrierte Stadtplan bietet zudem eine Orientierungshilfe mit kleinen Alltagstipps: er zeigt Geschäfte und Lokale an. Walldorf hat außerdem ein öffentliches WLAN, das von den Stadtwerken betrieben wird.“ 

 

Ein Beispiel für den Spalt zwischen Verwaltungen und Bürgern sind unverständliche Formulare, die keiner gern ausfüllt ... 

„Ja, das ist schwierig, zumal wir zur Rechtssicherheit oft standardisierte Formulare verwenden. Die Verständlichkeit ist da untergeordnet. Darum sehe ich das Bereitstellen von Online-Formularen auch kritisch. Eine persönliche Beratung, gerade für Menschen in schwierigen Situationen, halte ich für wichtig. Da kann man sich auf sein Gegenüber besser einstellen.“     

 

Stichwort SAP - spielen in einer IT-Hochburg Digitalisierung & Co eine größere Rolle als in anderen Kommunen? 

„Wir sind mit Management und Mitarbeitern der SAP in Kontakt. Speziell zu dieser Thematik gab es aber bisher kaum Rückmeldungen. Ich glaube, das gewinnt erst an Fahrt, wenn die Digitalisierung von Verwaltungen flächendeckend stattfindet – und konsequent bis zu Ende gedacht wurde. Momentan haben wir oft nur Halbgares, was erfordert, dass die Bürger nach wie vor ins Rathaus kommen müssen. Das ist keine bruchfreie Digitalisierung. Und ehrlich gesagt, bin ich eher analog unterwegs. Oft höre ich auch: kurze Gespräche helfen schneller als ein langer digitaler Austausch.“ 

 

 

Walldorf Bürgermeisterin Interview
Christina Staab ist Juristin und Mutter von vier Kindern und seit dem Jahr 2011 Bürgermeisterin von Walldorf. Zuvor war sie zwölf Jahre lang Stadträtin in Karlsruhe, SWR-Rundfunkrätin und Mitglied der Landessynode der Evangelischen Kirche in Baden. Seit dem Jahr 2005 war sie Vorsitzende des Landeselternbeirats im Südwesten. Kurz vor der Bürgermeisterwahl trat sie von dem Posten zurück, um damit gegen die Schulpolitik des Landes zu protestieren.  

 

 

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