Schüler Sören Twietmeyer mit Laptop auf Bank vor der Schule
Sören Twietmeyer schaffte trotz Corona-Lock-Down erneut die Traumnote 1,0.
© Gudrun Mallwitz

Digital erfolgreich

Das Schulwunder in der Coronakrise

Ein Gymnasium in einer Kleinstadt beweist, wie Schule mit einem Plan B auch in Corona-Zeiten gut funktionieren kann. Im Notfall mit täglichem digitalen Unterricht. Die Eltern haben für dieses Corona-Schulwunder ein Dankesvideo erstellt. Noch ein ungewöhnliches Konzept: Eine Schule in Mecklenburg-Vorpommern bietet Schülern dreimal die Woche einen kostenlosen Corona-Test. Eine KOMMUNAL-Reportage.

Sören Twietmeyer hat wieder spitzenmäßig gepunktet – trotz wochenlanger Schulschließung und wenig Präsenzunterricht. Der 18-Jährige mit Leistungskurs Mathe und Biologie schloss die 11. Klasse mit einem Notendurchschnitt von 1,0 ab. Wodurch war das bloß möglich? „Wir hatten in der Corona-Krise ganz normal Schule“, kommt die überraschende Antwort. „Die Lehrer haben sofort ein digitales Programm aufgelegt, das sehr gut funktionierte.“

Kaum Unterrichtsausfall trotz Schulschließung

Wie erfolgreich das Marie-Curie-Gymnasium in Hohen Neuendorf durch die erste Corona-Welle surfte, zeigt sich nicht nur daran, dass ein ohnehin sehr guter Schüler seine Leistungen halten konnte und die Abiturquote an der Schule wieder bei 2,2 lag. Internen Erhebungen zufolge fielen am MCG zwischen 18. März bis zu den Brandenburger Sommerferien am 25. Juni nur knapp zwei Prozent des Unterrichts aus. Und das in einer Zeit, in der Schule Kopf stand: Wegen rasant steigender Coronainfektionen mussten die Schulen zunächst komplett schließen, bevor abwechselnd Unterricht im Klassenzimmer und zu Hause folgten.

Homeschooling mit festen Regeln

Wie seine Mitschülerinnen und Mitschüler ging Sören Twietmeyer spätestens um 7.50 Uhr online. Und sein offizieller Schultag endete wie sonst auch - am Nachmittag. Die Lehrer fragen digital ab, wer anwesend ist. Wer sich nicht meldete, wurde angerufen. Davon konnten in dieser Corona-Phase Mütter und Väter anderswo nur träumen. Sie mussten ihre Kinder zu Hause beschulen und trotzdem im Home-Office ihren Job machen. „Der Unterricht funktionierte erstaunlich gut, auch wenn es mit der Internetverbindung bei uns zu Hause in Schildow manchmal Probleme gab“, hält Sören Twietmeyer Rückschau. Insgesamt sei man mit dem Stoff  nur langsamer vorangekommen.

Corona-Ansteckungsgefahr senken

Auch nach den Sommerferien läuft beim regulären Unterricht vieles anders als vor Corona: Die Türen zum Flur sind weit geöffnet, alle 30 Minuten wird gelüftet. Wer den Raum verlässt, darf das nur mit Mund-Nasen-Bedeckung. Denn auf den Fluren, den Treppen und den Toiletten herrscht Maskenpflicht. Das Zimmer des Schulleiters verrät sofort, dass der Mann gerne individuelle Wege geht. Die Sitzecke ist aus Rattan, Wanduhr und Kissen sind farblich aufeinander abgestimmt. Thomas Meinecke hat sich mit seinem Amtsantritt im Februar 2017 nicht nur mit kosmetischen Veränderungen begnügt. Der Lehrer für Sport und Geschichte setzte sich das Ziel, das Marie-Curie-Gymnasium mit naturwissenschaftlicher Ausrichtung digital fit zu machen. 

Der 55-Jährige spricht schnell. Man merkt: Da ist jemand, der vieles in kurzer Zeit erledigen möchte. Und wie sieht der Plan B aus, dem ein Medienentwicklungsplan zugrunde liegt?  Konzipiert haben ihn der Schulleiter und die Lehrer Paul Aurin und Benjamin Lutter. Der Notfallplan entstand in nur wenigen Tagen. Die Kolleginnen und Kollegen sollten so unterrichten, wie sie sich das zutrauten: Der eine verteilte die Aufgaben an die Schüler per E- Mail, der andere unterrichtete per Live-Chat, die Digitalpioniere produzierten Lernvideos vor und schulten die unerfahreneren Kollegen.

Schule holt Rechtsgutachten zur Kommunikationsplattform ein

„Die Schule nutzte als Kommunikationsplattform die tracking- und werbefreie G Suite Education“, berichtet Mathematik- und Physiklehrer Lutter. „Der unbegrenzte Speicherplatz ermöglichte es, auch Lehr- und Unterrichtsvideos bereit zu stellen und es gab bislang keine Systemabstürze.“ Aufgaben und Arbeiten werden in Ordner hochgeladen.

Das Gymnasium hatte eigens ein Rechtsgutachten eingeholt, ehe es sich für ein datenschutzkonformes Einsatzszenario entschied. Zuvor waren alle Gremien und Eltern einbezogen worden. Im jetzigen Schuljahr will die Schule zu G Suite Education Enterprise wechseln. Die Kosten, die sich nach der Lehrerzahl richten, übernimmt der Förderverein. In den ersten drei Jahren werden etwa 2.400 Euro pro Jahr auf die Schule zukommen.  Der 40-Jährige resümiert: „Die digitale Transformation erfordert vor allem eine sehr offene Kommunikation und hohe Transparenz.

„Die Corona-Krise ist für uns eine einzige Fortbildung.“

Mathematik- und Physiklehrer Benjamin Lutter am Marie-Curie-Gymnasium

Wie zufrieden die meisten mit dem Unterricht waren, beweist ein Video. Zu sehen sind die Schülerinnen und Schüler beim „MCG Home“: zu Hause vor dem PC, dem Laptop, beim Schreiben auf Papier, zuweilen mit der Katze als Sitznachbar. Die Daumen gehen hoch: Danke den Lehrkräften des Marie-Curie-Gymnasiums für ihr Engagement in diesen ungewöhnlichen Zeiten.

Der Landkreis Oberhavel als Schulträger unterstützt den digitalen Wandel. Für die Kommunen  ist das nicht einfach, obwohl der Bund den Ländern seit 2019 für die Digitalisierung der Schulen 5,5 Milliarden Euro bereitstellt. Das immense Geld hat die rund 7.000 Schulträger bislang nur zum Teil erreicht. Nun sind zweimal weitere 500 Millionen Euro vorgesehen – um bedürftigen Schülern Endgeräte zu beschaffen, die Lehrer damit auszustatten und um eine bildungsweite Bildungsplattform aufzubauen.

Städte- und Gemeindebund mahnt Wartung der Geräte an

Uwe Lübking, Dezernent beim Deutschen Städte- und Gemeindebund, mahnt: „Damit das Geld effektiv eingesetzt wird, müssen die Lehrer qualifiziert werden. Digitalisierung setzt eine funktionierende IT-Architektur aus Hardware und passender Software voraus. Zudem muss dafür gesorgt werden, dass diese an den Schulen professionell gewartet wird. Das könnten zum Beispiel auch Mitarbeiter eines kommunalen Rechenzentrums übernehmen.“ Die Länder stünden aber in der Pflicht, ihre Schulgesetze zu ändern und die Aufgabe dauerhaft zu finanzieren.

Wie kann das Carolinum  mehr als 4500 Schüler auf Corona testen?

Noch ein Gymnasium, noch ein Sonderweg. Das Carolinum im mecklenburgischen Neustrelitz – ebenfalls ein digitaler Vorreiter - macht seit Monaten Schlagzeilen, weil es den Schülerinnen und Schülern sowie Lehrern anbietet, sich  auf das Corona-Virus testen zu lassen. Sogar die New York Times berichtete darüber. „Die Tests kosten den Landkreis Mecklenburgische Seenplatte als Schulträger nichts", erläutert Schulleiter Henry Tesch. "Sie sorgen dafür, dass Kinder, die in der Regel asymptomatisch sind, und ihr Umfeld zusätzlich geschützt werden können – und der Unterricht besser sichergestellt werden kann.“ Eine Rostocker Biotech-Firma, deren Chef seit 2007 bei den Summer School-Veranstaltungen des Gymnasiums mitwirkt, sponsert die für die Schüler und Lehrer kostenlosen Tests und deren Auswertung.  Etwa 4500 haben sich bereits testen lassen.

Schülerin bei der Abgabe des Corona-Tests
Schülerin Vanessa Colin testet sich selbst und gibt die Probe bei der Lehrerin ab.

Schüler führen Corona-Tests selbst durch

Tesch, ehemals Bildungsminister und noch immer ehrenamtlicher Bürgermeister, führt KOMMUNAL durch die Schule ins Testzentrum im Erdgeschoß. Derzeit können sich die Schüler dort montags, mittwochs und freitags auf das Corona-Virus testen lassen. In dem sonst als "Lernlandschaft" genutzten Raum stehen dafür drei Stühle und drei Tische mit drei Spiegeln bereit. Schülerin Vanessa Colin aus der 10. Klasse demonstriert, wie es funktioniert. Fast routiniert packt sie das steril, in Plastik gehüllte Kit-Set aus, in dem sich das Stäbchen und ein kleines Gefäß befinden. Mit dem Blick in den Spiegel führt sie mit dem Stäbchen im Rachen den Abstrich durch, es kommt in die Hülse, und diese wird zugeschraubt mit einem Code bei der Lehrerin am Eingang abgegeben.

Ich finde es gut, dass das Carolinum die Tests anbietet. So hat man die Sicherheit, dass man das Virus nicht hat."

Vanessa Colin, Schülerin am Gymnasium in Neustrelitz

Schullleiter Henry Tesch will CO2-Gehalt in der Luft messen lassen

Die Ergebnisse kommen innerhalb von einem Tag aufs Handy.  Ihre Mutter und ihre Großmutter gehören zur Risikogruppe, da sie Vorerkrankungen haben. Am Carolinum können sich auch Familienangehörige testen lassen.  Als dabei jüngst eine Mutter positiv getestet wurde, blieb die Tochter zuhause - und der Schulbetrieb lief weiter. Am Marie-Curie-Gymnasium wurde bislang noch kein Corona-Fall bekannt. Schulleiter Henry Tesch hat für das Carolinum schon eine weitere Idee, wie die Schule gut durch die kühle Jahreszeit kommen könnte: Er will in den Klassenräumen über spezielle Sensoren den CO2-Gehalt in der Luft messen lassen. Eine CO2-Ampel soll dafür sorgen, dass rechtzeitig gelüftet wird.

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