Moosburg an der Isar
In Moosburg an der Isar sollen die Lichter nicht mehr ausgehen.
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Katastrophenschutz

Nach Stromausfall zur Vorsorge-Stadt: So machte Moosburg sich autark

Die 20.000-Einwohner-Stadt Moosburg a.d. Isar könnte ihre Infrastruktur im Blackout mindestens 14 Tage selbst sichern. Wie die Stadt das mit einem guten Plan und konsequenter Umsetzung das geschafft hat – und was Netzbetreiber und Polizei zum Schutz raten.

Josef Dollinger erinnert sich an den Tag, als wenn er gestern gewesen wäre. Mit 200 Kilometer in der Stunde peitschte ein orkanartiger Sturm über Moosburg an der Isar. „Einer meiner Mitarbeiter klopfte an mein Küchenfenster und rief: „Wo bist du denn? Wir haben einen Katastropheneinsatz, du musst sofort ins Feuerwehrhaus. Es gibt einen Schwerverletzten, eine vermisste Person – und leider auch einen Todesfall.“ Verwundert fragte Dollinger zurück: „Wieso ruft mich denn keiner an?“ 



Die Frage war rasch beantwortet. Das Unwetter hatte das oberbayerische Moosburg und die umgebenden Orte komplett vom Stromnetz getrennt. Bäume waren in die Hochspannungsleitung gestürzt, die das Umspannwerk versorgte. „Es funktionierte kein Telefon, kein Handy – jegliche Kommunikation war unmöglich“, berichtete Dollinger. Während er ahnungslos zu Hause saß, war die Feuerwehr längst ausgerückt und der Krisenstab bereits einberufen. „Das wird mir nicht noch einmal passieren“, sagt er heute.

Moosburg zog Lehren aus einem Stromausfall

Anders als jüngst bei dem folgenschweren Anschlag auf eine Stromkabelbrücke in Berlin, gelang es in Moosburg, den Schaden noch in der Nacht zu reparieren. Helligkeit und Wärme kehrten nicht nur in die Häuser zurück – auch den Verantwortlichen in der 20.000-Einwohner-Stadt im Landkreis Freising ging ein Licht auf: „Der 20. Juni 2022 war ein einschneidendes Erlebnis für mich und für uns alle“, sagt Bürgermeister Dollinger, „und wir haben die Konsequenzen daraus gezogen.“  Heute ist er davon überzeugt: „Bei einem Blackout könnte die Gemeinde die Infrastruktur mindestens bis zu zwei Wochen autark betreiben.“

Einsatz Feuerwehr in Moosburg beim Unwetter mit Stromausfall
Die Feuerwehr versammelt sich zum Einsatz am Unwettertag mit Stromausfall.

Seit dem Angriffskrieg Putins auf die Ukraine und zunehmenden extremistischen Anschlägen auf unsere Infrastruktur sorgen viele Städte und Gemeinden bereits vor.  Der viertägige Stromausfall im Südwesten Berlins mit mehr als 45.000 betroffenen Haushalten und mehr als 2.000 Unternehmen Anfang Januar dürfte auch Nachzügler wachgerüttelt haben.  Fünf Hoch- und zehn Mittelspannungsleitungen waren auf einer Kabelbrücke gekappt worden. In der Hauptstadt sollen nun Krisenstäbe, Meldeketten und Krisenkommunikation vereinheitlicht werden. Der Landesrechnungshof rügte das bisherige Katastrophenschutz-Konzept als unzulänglich. Er stellte unklare Zuständigkeiten und fehlende Einsatzbereitschaft der meisten KAT-Leuchttürme in den Bezirken fest. Jetzt werden Änderungen beim Datenschutz angestrebt und Netzbetreiber sollen künftig verpflichtet werden, frei zugängliche Strommasten und Hochspannungskabel besser zu schützen.

Funktioniert ein Betriebsmittel nicht mehr, muss ein anderes übernehmen.

„Der Berliner Blackout hat gezeigt, dass Redundanz nur hilft, wenn sie räumlich sauber getrennt ist“, sagt Alexandra Rösing, Geschäftsführerin der Stadtnetze Münster. Liegen Leitungen zu dicht beieinander, können beide gleichzeitig ausfallen.  Funktioniert ein Betriebsmittel nicht mehr – ob Kabel, Trafo oder Umspannwerk - muss ein anderes übernehmen. „Ab der Mittelspannungsebene ist dies Standard“, erläutert Rösing. „Bei der Niederspannung geht das nicht immer. Das ist vor allem für ländliche Gebiete entscheidend. Deshalb braucht es neben Redundanz vor allem Instandhaltung, Zustandsdiagnostik, schnelle Entstörungsprozesse und Schutzkonzepte – physisch wie digital.“  

Alexandra Rösing Geschäftsführerin Stadtnetze Münster

Der Berliner Blackout hat gezeigt, dass Redundanz nur hilft, wenn sie räumlich sauber getrennt ist.“

Alexandra Rösing, Geschäftsführerin der Stadtnetze Münster

Politisch fordert Rösing, Resilienz genauso ernst zu nehmen wie Klimaneutralität. „Der Strombedarf wächst massiv – durch Wärmepumpen, E-Mobilität, Rechenzentren und KI. Dafür brauchen wir mehr Netze, mehr Umspannwerke und auch die Akzeptanz für Baustellen.“  Den jüngsten Beschluss des Bundestags, über das Kritis-Dachgesetz die Transparenzpflichten zu reduzieren, begrüßt sie.  Zu viel Offenlegung berge Sicherheitsrisiken, so Rösing. Ihr Rat an andere Kommunen: „Schwachstellen kennen, Notstrom und Prioritäten vorbereiten, regelmäßig üben – und eng zusammenarbeiten.“ Versorgungssicherheit sei Teamarbeit. 

So hat Moosburg sich krisenfit gemacht

Welche Strukturen hat die Stadt Moosburg aus der Erfahrung des Stromausfalls heraus geschaffen? „Wir haben konsequent nachgerüstet“, sagt Bürgermeister Dollinger.  Drei Feuerwehrhäuser wurden zu Notstrom-Leuchttürmen ausgebaut. Zudem sind inzwischen zentrale Gebäude und Einrichtungen wie die Stadthalle, die Schäfflerhalle, das Wasserwerk, die Kläranlage sowie der Bauhof autark mit Strom versorgt. „Unter anderem haben wir einen eigenen Treibstofftank angeschafft, damit unser Bauhof im Krisenfall die Notstromaggregate in den systemrelevanten Einrichtungen zuverlässig betanken kann“, so Dollinger. Aktuell verfügt die Stadt über rund 10.000 Liter Diesel und etwa 100.000 Liter Heizöl. 

15 Handfunkgeräte ausgegeben

Zudem baute die Stadt ein eigenes Betriebsfunknetz auf. Der Hauptsender, ein Repeater, wurde in der notstrombetriebenen Stadthalle angebracht. Von dort werden auch die 15 Handfunkgeräte mit Strom versorgt, die an Hilfsorganisationen und kritische Infrastrukturen ausgegeben wurden. „So können wir auch dann kommunizieren, wenn das Mobilfunknetz ausfällt“, erklärt Dollinger. Ein klar definierter Notfallplan legt fest: Wer wird wann alarmiert? Gemeinsam mit dem Landkreis und der Hilfsorganisation Navis e. V. bereitete die Stadt außerdem ein medizinisches Notfallzentrum vor. In der Schäfferhalle soll im Ernstfall innerhalb weniger Stunden eine hausärztliche Versorgung inklusive Röntgen-, Ultraschall- und Labortechnik möglich sein.

Josef Dollinger, Bürgermeister von Moosburg

Die Stadt verfügt über rund 10.000 Liter Diesel und etwa 100.000 Liter Heizöl als Vorrat.“

Josef Dollinger, Bürgermeister von Moosburg a.d.Isar

Dass dieses Konzept trägt, habe eine groß angelegte Übung mit den Hilfsorganisationen im November vorigen Jahres gezeigt. „Es war beeindruckend zu sehen, wie gut das Zusammenspiel funktioniert und wie wir die Bevölkerung im Rahmen dieser Übung und eines Informationstags einbinden und transparent informieren konnten“, sagt der Bürgermeister.  Sein Fazit: „Das Allerwichtigste im Krisenfall ist Kommunikation.“ Bei einem Blackout informiert die Stadt die Bevölkerung über Lautsprecherdurchsagen. Zudem wurden Flyer mit Hinweisen und Informationen für den Ernstfall vorbereitet, um transparent zu machen, welche Maßnahmen ergriffen werden. Gleichzeitig betont Dollinger: „Wir wollen möglichst viel Sicherheit geben, aber wir können im Ernstfall nicht alle 20.000 Bürgerinnen und Bürger versorgen. Eigene Vorsorge bleibt unverzichtbar.“ 

Einbruchschutz bei Stromausfall: Das rät die Polizei

Zur privaten Vorsorge zählt neben einem Lebensmittel- und Wasservorrat der Einbruchschutz. Beim Berliner Stromausfall kam es laut Polizei im betroffenen Gebiet zwischen dem 3. und 7. Januar zu mehreren Einbrüchen. Die Polizei reagierte unter anderem mit mobilen Wachen, Lautsprecherdurchsagen und dem Einsatz von Lichtmasten. „Die Polizei empfiehlt grundsätzlich mechanische Sicherungselemente als Einbruchschutz“, erklärte Polizeihauptkommissar Martin Halweg. „Diese funktionieren auch bei einem Stromausfall zuverlässig.“

Auch die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe bei Großschadenslagen unterstützen, sofern Kommunen die Situation nicht eigenständig bewältigen können. Moosburg setzt bewusst auf einen möglichst autarken Ansatz. „Wir verfügen über engagierte Hilfsorganisationen und viele Ehrenamtliche, die an einem Strang ziehen“, sagt der Bürgermeister - nicht ohne Stolz. 

Bürgermeister-Tipps zum Blackout 

  •  Klaren Notfallplan erstellen
  •  Bürger bei Selbsthilfe unterstützen
  • Kommunikation im Ernstfall ermöglichen
  • Wasser- und Abwasserversorgung, medizinische Versorgung sicherstellen
  •  Hilfsorganisationen vernetzen
  • Großübung mit allen Beteiligten durchführen 

Fotocredits: Aexandra Rösing: Stadtwerke Münster Einsatzfoto Feuerwehr:Stadt Moosburg