Stromausfall
Sicherheitsexperte: Schon zwei Stunden entscheiden
Welche Bereiche sind besonders gefährdet?
Die zehn definierten KRITIS-Sektoren sind alle gleich relevant – sonst wären sie nicht so klassifiziert. In einer akuten Lage zeigt sich aber etwas anderes: Am wichtigsten ist zunächst nicht der Strom, sondern die Kommunikation. Wenn Menschen Angst haben, in Notlagen keinen Notruf absetzen können, wenn sie nicht mehr informiert werden können, wenn Einsatzkräfte sich nicht koordinieren können, dann eskaliert jede Störung. Bevölkerung, Verwaltung, alle Blaulichtorganisationen, THW, Feuerwehr und Rettungsdienste – alle brauchen Kommunikation. Ohne sie wird aus einer Störung sehr schnell eine Krise.
Wo liegen die größten Fehleinschätzungen?
Es sind weniger Fehleinschätzungen als fehlender politischer Wille. Das sieht man sehr gut beim KRITIS-Dachgesetz und der NIS-2-Richtlinie zur Cyber - und Informationssicherheit. Am Ende wird vieles auf die Kommunen geschoben: „Wir sind föderal, ihr macht das schon.“ So funktioniert ein Gemeinwesen aber nicht. Viele Kommunen sind engagiert, haben aber schlicht zu wenig Geld oder Personal. Das Problem ist strukturell.
Wann stoßen Kommunen an ihre Grenzen?
In einer Großlage kann keine Kommune alles allein leisten. Dafür gibt es Amtshilfe wie das THW und im äußersten Notfall die Bundeswehr. Und da sage ich ganz klar: Wenn die Bundeswehr regulär gebraucht wird, haben wir vorher massive Defizite. Sie darf nur der letzte Notnagel sein. Eine Normalisierung des Bundeswehr-Einsatzes im Inneren ist gefährlich – dann hat man nichts mehr in der Rückhand, wenn etwas an anderer Stelle eskaliert.
Den Kommunen fehlen Personal und Geld.
Das ist real – aber es entbindet nicht von Verantwortung. Wir haben rund 11.700 Kommunen. Viele tragen die Verantwortung, haben aber weder ausreichende Ressourcen noch die Befähigung. Solange Krisenvorsorge nicht verpflichtend, transparent kontrolliert und finanziell unterlegt ist, wird sich daran nichts ändern.
Was sollten Kommunen kurzfristig tun – unabhängig von Finanzkraft und Größe?
Erstens: Schulungen. Die Angebote des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sind da – man muss sie nutzen. Zweitens: Notfallkonzepte nicht nur schreiben, sondern üben. Zwei Stunden Tischübung reichen oft, um initiale gravierende Lücken aufzudecken. Wer ist zuständig? Wer entscheidet? Wer kommuniziert? Und ganz wichtig: Übungen müssen ehrlich sein. Wenn nach ehrlichen Übungen Karrieren beschädigt werden, lernen die Verantwortlichen, nur noch Schönwetterübungen zu machen. Das ist brandgefährlich.
Was ist noch wichtig?
Kommunikation. Wer spricht wann mit wem – intern und extern? Verzögerte Entscheidungen, falsche Narrative oder Schuldzuweisungen verschärfen jede Lage. Und viertens – oft unterschätzt: Wie bleibt Kommunikation technisch funktionsfähig? Stromausfall bedeutet heute fast immer auch Mobilfunkausfall. Früher gab es gesetzliche Vorgaben für Notstrom an Funkmasten. Die wurden weglobbyiert. Heute haben viele Standorte maximal 2 bis 4 Stunden Reserve, wenn überhaupt.
Ihre Forderung an Bund und Länder dazu?
Die Telekommunikationsunternehmen und jedes Bundesland müssen mobile Mobilfunkmasten vorhalten, die im Notfall schnell eingesetzt werden können. Das hilft der Bevölkerung, den Einsatzkräften und den Kommunen. Genau hier müsste staatliches Handeln sichtbar werden – Hand in Hand, nicht durch Verantwortungsdiffusion.
Kritiker sagen, zu viel Transparenz sei ein Sicherheitsrisiko.
Das ist Unsinn. „Security by Obscurity“ ist keine Sicherheit. Kritische Infrastruktur sieht man – auf der Straße, auf Karten, in Satellitenbildern. Geheimhaltung verhindert keine Sabotage, aber sie verschärft Unfälle. Stichwort Baggerbiss bei Tiefbauarbeiten. Transparenz rettet im Zweifel Leben. Und Unfälle oder Naturereignisse interessieren sich nicht für Online-Daten.
Ihr Fazit?
Krisenvorsorge darf kein Glücksspiel sein. Es darf nicht davon abhängen, in welcher Kommune man lebt. Wenn wir Resilienz ernst meinen, brauchen wir Verpflichtung, Finanzierung, Transparenz und Übung. Alles andere ist politische Hilflosigkeit – und das wird sich rächen.
Manuel Atug ist Gründer und Sprecher der Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen (AG KRITIS). Regelmäßig ist er für die Bundesregierung und die Bundesländer als Sachverständiger in Fragen der Cybersicherheit und des Katastrophenschutzes.

