Motorradlaerm
Lärmende Motoren machen immer mehr Kommunen zu schaffen.
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Protest in Kommunen

Der Streit um den Motorradlärm

Wie können sich Kommunen vor Motorradlärm schützen? Die Bürgermeisterin von Altenahr berichtet KOMMUNAL, weshalb sich ihre Gemeinde der bundesweiten Initiative "Silent Rider" angeschlossen hat. Inzwischen wächst auch der Protest der Motorradfahrer gegen die vom Bundesrat empfohlenen Fahrverbote an Wochenenden. In Leipzig protestierten knapp 17.000 Motorradfans.
Aktualisiert am 12.Juli 2020

Die  Ahreifel gilt als Traum für jeden Motorradfahrer. Sie lockt nicht nur durch ihre landschaftliche Idylle, ihre romantischen Weinorte liegen auch noch direkt an der Strecke zum Nürburgring. Reiseanbieter werben für Motorradtouren in einer der "aufregendsten und vielseitigsten Regionen" auf dem Weg zur bekannten Rennstrecke. Denn hier erwarten die Biker viele kleine, kurvige Straßen entlang bizarrer Felswände und grandiose Ausblicke.

Ein Paradies für Motorradfahrer

"Wir sind für Motorradfahrer eine der interessantesten Gegenden im Nordwesten Deutschlands", bestätigt Cornelia Weigand, Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr mit zwölf Ortsgemeinden und 11.000 Einwohnern. Bei ihr ballen sich also so ziemlich alle Probleme, die Kommunen mit dem zunehmenden Motorradverkehr haben. 

Altenahr auf der Strecke zum Nürburgring

"An den Wochenenden können die Leute teilweise nicht mehr in ihrem Garten sitzen und sich unterhalten, so laut es ist", erzählt die Bürgermeisterin. Vor allem in jenen Orten, die an den Hauptzufahrtsstraßen zur Rennstrecke liegen, sei die Situation von Frühjahr bis Herbst mittlerweile unerträglich geworden. "Viele Motorradfahrer scheinen unsere Straßen mit dem Nürburgring zu verwechseln", sagt sie. In der Gemeinde gebe es inzwischen viele, die forderten, Straßen für Motorradfahrer zu sperren.

Temporäre Straßensperrung vorstellbar

Cornelia Weigand ist gegen eine solche radikale Lösung. "Motorradtouristen sind herzlich willkommen, wenn sie rücksichtsvoll durch die eindrucksvolle Landschaft cruisen", betont sie.  In Hot-Spots kann sie sich jedoch durchaus mal eine temporäre Sperrung von Strecken vorstellen. "Aber der Fokus liegt auf einer Begrenzung des Lärms und der Geschwindigkeit auf rechtlicher Seite und der Durchsetzung solcher verbindlicher Vorgaben", sagte sie zu KOMMUNAL.

Kommunen in Initiative Silent Rider organisiert

Als erste Gemeinde Rheinland-Pfalz hat sich Altenahr der Initiative Silent Rider angeschlossen, die im benachbarten Nordrhein-Westfalen gestartet wurde. Acht Kommunen hatten sich dort im Kampf gegen den Motorradlärm zum Arbeitskreis Nationalpark Eifel zusammengeschlossen. Ziel ihrer bundesweiten Initiative ist es, Kräfte zu gebündeln, um die Kommunen vor massivem Motorradlärm zu schützen. "Wir wünschen uns ein Umdenken des kleinen Anteils der “schwarzen Schafe” unter den Motorradfahrern", betonen die Initiatoren. Inzwischen haben sich mehr als 100 Regionen zusammengetan.

Bundesrat fordert Lärmbegrenzung für Motorräder

Und tatsächlich konnte die Initiative einen ersten Erfolg verbuchen: Der Bundesrat hat die Bundesregierung inzwischen aufgefordert, sich bei der EU-Kommission für strengere Lärmemissionswerte einzusetzen. Die in der EU geltenden Grenzwerte bei der Genehmigung und Zulassung neuer Motorräder sollen auf maximal 80 Dezibel Geräuschemissionen begrenzt werden. Tatsächlich aber gilt schon jetzt, dass Motorräder, die seit 1. Januar 2016 neu zugelassen wurden, den Grenzwert von 77 Dezibel einhalten müssen.

Das Problem scheint zu sein, dass die Tests, mit denen die Lautstärke von Motorrädern festgestellt werden, nicht realistisch sind. Die Lautstärke wird lediglich auf einer kurzen Strecke gemessen, in der die Maschine beschleunigt. Dabei erreichen sie aber nicht ihre spätere Geschwindigkeit.

Nach dem Willen der Länderkammer soll außerdem das Tunen von Motorrädern härter bestraft werden wenn die Maschinen dadurch lauter werden. Das Sound-Design, über das Fahrerinnen und Fahrer die Soundkulisse selbst einstellen können, müsse verboten werden.

Motorräder sollen sofort beschlagnahmt werden können

Darüber hinaus fordern die Länder das Recht für Polizisten, Fahrzeuge bei gravierenden Lärmüberschreitungen sofort sicherzustellen oder an Ort und Stelle zu beschlagnahmen. Raser dürften nicht länger häufig einer Strafe entgehen, weil sie aufgrund der Helmpflicht und fehlenden Frontkennzeichens am Motorrad nicht erkannt würden. Aus Lärmschutzgründen sollen zeitlich beschränkte Verkehrsverbote für Motorräder an Sonn- und Feiertagen erlassen werden. Motorräder mit alternativen Antriebstechniken sollten davon ausgenommen werden.

EU-weite Vorschriften gegen Motorradlärm gefordert

Für die Altenahrer Bürgermeisterin steht fest: "Wir werden das Thema Motorradlärm nur beeinflussen können, wenn wir bundesweit und gegebenenfalls darüber hinaus auf EU-Ebene ein Bewusstsein dafür schaffen."  Denn es fehlten - anders als beim Dauerlärm - Vorschriften für solche massive Lärmspitzen - "immer dann, wenn die meisten Menschen nach Feierabend und am Wochenende Ruhe und Entspannung suchen."  Auch wenn sie stark auf Kommunikation setzt, fordert Cornelia Weigand neue Spielregeln, an die sich dann alle Seiten halten müssen.

Cornelia Weigand Motorlärm Bürgermeisterin Altenahr

Altenahrs Bürgermeisterin Cornelia Weigand

Tausende von Bikern protestieren gegen Bundesratsbeschluss

Das Thema mobilisiert auf beiden Seiten: Gegen den Beschluss des Bundesrates, der auf Antrag von Nordrhein-Westfalen zustande kam, protestiertenTausende von Bikern. Auf die Unterstützung von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) können die Kommunen und ihre stark vom Motorradlärm belasteten Bewohner offenbar nicht hoffen: Er machte bereits am ersten Protestwochenende deutlich, dass er keinen Handlungsbedarf sieht und den Beschluss des Bundesrates nicht umsetzen möchte. "Wir haben ausreichende, geltende Regeln", betonte Scheuer.

Die Proteste gegen den Beschluss des Bundesrates reißen nicht ab. Am Sonntag, 12. Juli, demonstrierten knapp 17.000 Biker in Leipzig lautstark mit knatternden Maschinen gegen ein Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen. Mit dem Corso brachten sie den Verkehr in der Innenstadt fast zum Erliegen. Eine Petition gegen Fahrverbote haben inzwischen mehr als 200.000 Unterstützer der Motorradfans unterschrieben.

Städte- und Gemeindebund: Auf Verbote verzichten

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg,  spricht sich klar dafür aus, den Motorradlärm zu reduzieren, aber auf Verbote und zusätzliche Bürokratie zu verzichten. "Die ganz große Mehrheit der Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer verhält sich besonnen und beachtet die Regel, sagt Landsberg. "Gleichwohl fühlen sich viele Menschen in den entsprechenden Regionen durch den Verkehrslärm belästigt."

Motorradfahrer nicht an Sonn- und Feiertagen einschränken

Für den Städte- und Gemeindebund ist der vom Bundesrat vorgeschlagene Weg mit beschränkten Motorradfahrverboten an Sonn- und Feiertagen nicht der richtige Ansatz. "Ein besserer Lärmschutz kann auch funktionieren, ohne eine solche gravierende Einschränkung von Mobilität vorzunehmen", unterstreicht Landsberg und ist in diesem Punkt auf der Seite der Motorradfahrer.

Kontrollen von Motorradfahrern verstärken

Statt eines kollektiven Fahrverbotes sei es sinnvoller, die Kontrollen zu verstärken, um gegen die tatsächlichen Verursacher vorzugehen. "Motorradfahrer und Motorradfahrerinnen, die bewusst mit hoher Drehzahl manipulieren oder mit nicht zugelassenen Auspuffanlagen unterwegs sind, sollten kontrolliert und entsprechend zur Rechenschaft gezogen werden", verlangt Landsberg. Das gebe das bestehende Recht bereits her.

Vorschlag: Runder Tisch Motorradlärm

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund schlägt nun einen „Runden Tisch Motorradlärm“ beim Bundesverkehrsministerium vor. Neben den Kommunen sollen auch die Hersteller eingebunden werden. Sie könnten sich zum Beispiel freiwillig verpflichten, leisere Motoren zu produzieren.

In Deutschland gibt es 4,5 Millionen Krafträder und knapp 16,5 Millionen Personen mit entsprechender Fahrerlaubnis. Die deutsche Motorradbranche setzt pro Jahr 11,6 Milliarden Euro um. Etwa 130.000 Arbeitsplätze hängen von ihr ab.

Eine weitere Anpassung der Geräusch-Emissionsgrenzwerte ist nach Ansicht Landsbergs sinnvoll. Schon eine Drosselung der Grenzwerte um zwei bis drei Dezibel würde das Lautstärkeempfinden halbieren. Um die reale Geräuschentwicklung besser abzubilden, sollte bei der Zulassung von Fahrzeugen der lauteste Betriebszustand stärker berücksichtigt werden.

Sein Vorschlag: Die Aktion für weniger Motorlärm sollte mit einer entsprechenden Öffentlichkeitskampagne – mitgetragen von den Motorradverbänden – begleitet werden.

Kommunen stellen Lärmdisplays auf

Viele Kommunen haben inzwischen Lärmdisplays am Straßenrand installiert. Damit appellieren sie an die Motorradfahrer, Rücksicht zu nehmen. Ein solches rund 15.000 Euro teures Gerät erkennt zu laute Motorräder durch Sensoren und ermahnt über die blinkende Anzeige, leiser zu fahren. Das System zeigt offenbar Wirkung:  Display-Prototypen, die das Land Baden-Württemberg beschafft hatte, sorgten dafür,  dass der Lärm sich durchschnittlich um 1,1 bis 2,2 Dezibel verringerte. Der Anteil der Motorradfahrer, die besonders laut vorbeifuhren, sank um 40 Prozent.

Petition gegen Motorradlärm

Der Verein Silent Rider unter Vorsitz von Karl-Heinz Hermanns, Bürgermeister der Eifelgemeinde Simmerath, will „am Ball zu bleiben“ und mit möglichst vielen Kommunen, Kreisen und anderen Unterstützern weiter für die Ziele des Vereins kämpfen. Die Petition haben bislang mehr als 6000 Unterstützer unterschrieben, immer mehr Kommunen entschließen sich zu einer Mitgliedschaft.

Mitgliedschaft kostet zwischen 1000 und 5000 Euro

Die Petition liegt auch im Altenahrer Rathaus zur Unterzeichnung aus. Der Verbandsgemeinderat Altenahr hatte sich dazu entschieden, die Aufnahmegebühr  für "Silent Riders" von 5000 Euro zu bezahlen. für Kommunen mit weniger als 3000 Einwohner kostet sie 3000 Euro. Noch kleinere Gemeinden können für mindestens 1000 Euro beitreten. Von dem Geld wird die bundesweite Kampagne finanziert.

Altenahr plant wie auch andere Vereinsmitglieds-Kommunen Schilder und Plakate an den Ortseingängen zu platzieren. Darauf werden Motorradfahrer um Rücksicht gebeten. Die Bürgermeisterin hat übrigens selbst einen Motorradführerschein. Ein Motorrad hat sie aber schon länger nicht mehr.