Parkraumbewirtschaftung
Thomas nimmt einen Falschparker auf.

Parkraumbewirtschaftung: Anfeindungen sind auf der Tagesordnung

Mo, 16.09.2019

Ihr Job ist simpel und zukunftssicher – doch immer wieder haben sie mit Beschimpfungen und Drohungen zu kämpfen. Unsere Redakteurinnen haben einen Tag mit den Ordnungsamtsmitarbeitern in der Parkraumüberwachung verbracht. Sie haben gelernt: Ein gutes Arbeitsklima ist hier wichtiger denn je

"Watt‘n ditte?!“ Ein junger Mann rennt aufgebracht hinter Jean-Marc her. Wütend wedelt er mit einem Knöllchen. „Ick hab mir doch extra einen Parkschein gekauft.“ Jean-Marc hatte uns schon beim Ausstellen des Knöllchens darauf vorbereitet, dass sich der Autofahrer beschweren würde. „Der Parkschein hilft leider nicht, wenn Sie in einer Straße parken, die für Anlieger reserviert ist“, erklärt er. „Wenn man die Straße wechseln muss, um einen Automaten zu finden, ist meistens etwas falsch.“ Der blonde Mann guckt Jean-Marc wütend an und scheint zu überlegen, ob eine weitere Diskussion für ihn Erfolg bringen könnte. Mit einer letzten wütenden Handbewegung entscheidet er sich dagegen und läuft zurück zu seinem Wagen.

Wann lohnt sich die Parkraumbewirtschaftung?

In Berlin gibt es diese Art von Auseinandersetzung täglich. Wo Knöllchen ausgestellt werden, gibt es Beschwerden. Und in mehreren Bezirken wird die Parkraumbewirtschaftung derzeit noch ausgeweitet. Das Ziel: Pkw-Halter dazu zu motivieren, das Auto häufiger stehen zu lassen und auf Bus oder Bahn umzusteigen. Dadurch soll sich zum einen die Lärm- und Luftschadstoffbelastung reduzieren und zum anderen Platz für die Autos von Anwohnern und Kurzzeitparkern geschaffen werden. „Dort, wo Kommunen Parkraumbewirtschaftung eingeführt haben, sinkt der Parkdruck“, sagt Anne Klein-Hitpaß, die als Projektleiterin Städtische Mobilität bei der Agora Verkehrswende arbeitet. Außerdem können die Einnahmen aus der Parkraumbewirtschaftung für die Finanzierung von Geh- und Radwegen genutzt werden. Das lohnt sich allerdings nicht in jeder Stadt. In einigen Kommunen wurde die Parkraumbewirtschaftung aus finanziellen Gründen wieder eingestellt. Personalkosten und Sachaufwand können schnell die Einnahmen übersteigen. Im Bezirk Mitte hingegen können sich die Einnahmen sehen lassen. Rund 5,7 Millionen Euro hat der Bezirk so im letzten Jahr erwirtschaftet.

Parkraumbewirtschaftung
Jean-Marc schreibt ein Knöllchen für einen Transporter, der im absoluten Halteverbot steht.

Jean-Marc überquert die Straße und läuft zu seinem Kollegen Thomas. Die beiden haben gemeinsam Schicht und müssen währenddessen in Rufweite bleiben. „Nicht jedem passt es, wenn wir Knöllchen verteilen. Bei uns besteht immer das Risiko, dass wir beleidigt oder angegriffen werden“, erzählt Thomas. Um dem anderen im Notfall beistehen zu können, laufen die Mitarbeiter Doppelstreife. Hinter den Scheibenwischern eines schwarzen BMWs klemmen zwei Strafzettel. „Rechtlich gesehen dürfen Autofahrer für einmal Falschparken nicht mehrfach bestraft werden. Eigentlich könnte ich gar nicht überprüfen, ob der Fahrer das Auto über Tage hier stehen gelassen hat und sich deshalb die Knöllchen hier sammeln oder ob er das Auto zwischendurch benutzt hat. Aber es gibt da einen kleinen Trick“, verrät er uns. Wenn Thomas ein Knöllchen ausstellt, schreibt er die Ventilstellung der Reifen auf. So kann man überprüfen, ob das Auto wirklich nicht bewegt wurde. Und Jean-Marc überprüft bei Be- und Entladezonen sogar, ob die Motorhaube des Fahrzeugs noch warm ist. So kann er einschätzen, ob das Fahrzeug nur kurz hält oder schon vor einer Weile zum längeren Parken abgestellt wurde. Aber die beiden leisten während ihrer Schicht auch viel Aufklärungsarbeit. Immer wieder kommen Bürger auf sie zu und fragen, ob sie hier oder dort parken dürfen. Bereitwillig erklären Thomas und Jean-Marc ihnen die Regeln, die sie theoretisch selbst kennen sollten. Hin und wieder gehen die beiden sogar von sich aus auf Autofahrer zu, die gerade ihr Auto falsch abgestellt haben und geben ihnen die Chance, es ordnungsgemäß an anderer Stelle zu parken. „Einen Strafzettel dürfen wir ohnehin erst ausstellen, wenn das Auto über drei Minuten geparkt ist“, erklärt Jean-Marc.

Parkraumbewirtschaftung als Sprungbrett für den Öffentlichen Dienst

„Ihr kriegt ja selber grade mit, dass unser Job total simpel ist“, lacht Thomas. „Aber ganz ehrlich: Ich bin glücklich.“ Während für andere Menschen Abwechslung und Abenteuer im Vordergrund stehen, freut sich Thomas über die Routine in seinem Arbeitsalltag. Jeden Tag ist er mit einem anderen seiner fünf Kollegen unterwegs. Für ihn bedeutet die Arbeit im Öffentlichen Dienst endlich Sicherheit. Denn er hat bereits auf dem Bau, als Fahrer für eine Bäckerei und bei einer Betonprüfung gearbeitet – und immer wieder machten die Betriebe dicht. Nach einiger Zeit stand Thomas jedes Mal wieder ohne Job da. Ursprünglich hatte er sich für die Polizei und die Justizvollzugsanstalt beworben. Und tatsächlich: Thomas schnitt mit Bestleistung ab. Doch aufgrund eines Bandscheibenvorfalls konnte er den Dienst nicht antreten. „Für viele ist die Parkraumüberwachung ein Sprungbrett in den öffentlichen Dienst“, erzählt uns Teamleiter Benjamin Sasse. Die Einstiegsvoraussetzungen sind gering: Ein Ausbildungsabschluss, gleich welcher Art, genügt. Für viele geht es von der Parkraumüberwachung zum Allgemeinen Ordnungsdienst, der ähnliche Aufgaben wie die Polizei übernimmt. Im Gegensatz zur Parkraumbewirtschaftung überprüft der Allgemeine Ordnungsdienst zum Beispiel, ob Hundehalter ihre Tiere an der Leine führen, kann Musikanlagen beschlagnahmen, wenn über sie zu laut Musik gehört wird oder Fahrradfahrer anzeigen, wenn sie auf dem Gehweg fahren.

Unsere Redakteurinnen waren einen Tag mit Jean-Marc und Thomas auf der Suche nach Parksündern.
Unsere Redakteurinnen waren einen Tag mit Jean-Marc und Thomas auf der Suche nach Parksündern.

Neben den Beleidigungen und Diskussionen, die die Kollegen auf der Straße erleben, ist es wichtig, sie immer wieder zu motivieren und darauf hinzuweisen, dass sie das Richtige tun. „Ich sage meinen derzeit 120 Mitarbeitern immer: Ihr seid die Guten! Ihr seid nicht diejenigen, die die Leute anschwärzen, sondern sorgt dafür, dass die 80 Prozent, die sich richtig verhalten, einen Parkplatz finden“, berichtet Sasse. Er weiß, dass sich die Arbeitsstimmung auch auf die Resultate auswirkt. Um zu verhindern, dass immer wieder dieselben 15 Mitarbeiter ausgeschlossen werden, laufen die Ordnungsamtsmitarbeiter jeden Tag in neuen Teams. Dadurch lernen sie sich nicht nur besser kennen, sondern wachsen als Team zusammen. „Wir legen viel Wert darauf, dass die neuen Mitarbeiter gut eingearbeitet werden. Deshalb führen wir zu Beginn Willkommensgespräche“, erzählt Sasse. Um zu erfahren, was der Arbeitgeber besser machen kann, führt Sasse auch Feedback-Gespräche mit den Mitarbeitern, die länger krank waren. Da sich im Öffentlichen Dienst die Krankheitsfälle nur so häufen, ist es wichtig, die Ursachen zu finden. „In einem Gespräch mit einem Mitarbeiter, der Probleme mit Schulter und Arm hatte, habe ich zum Beispiel erfahren, dass unsere Tragegurte zu unbequem sind. Jetzt haben wir die Gurte gepolstert und konnten so die Arbeit im Außendienst angenehmer machen“, freut sich Sasse.

Benjamin Sasse zeigt unseren Redakteurinnen die unterschiedlichen Zonen der Parkraumbewirtschaftung
Benjamin Sasse zeigt unseren Redakteurinnen die unterschiedlichen Zonen der Parkraumbewirtschaftung.

Und für die Mitarbeiter ist der Rückhalt im Büro wichtig. Denn auf der Straße kommt es immer wieder zu gefährlichen Situationen. Als Thomas vor einiger Zeit einen Knöllchen ausstellte, reagierte der Autobesitzer über. Er drohte Thomas und verfolgte ihn. „Als ich mich umdrehte, war er mir so nah, dass ich seinen Atem gespürt habe“, erzählt er. „Ich habe ihn mehrere Male aufgefordert Abstand zu halten, aber er verfolgte mich weiter und sagte: ‚Du kannst nicht immer darauf achten, was ich gerade mache.‘.“ Damit die Situation nicht aus dem Ruder läuft, hat Thomas die Polizei gerufen. Dass man ständig der Wut der Bürger ausgesetzt ist, ständig an seine Grenzen gehen und immer abwägen muss, wie man sich am besten verhält, zehrt an den Nerven. Umso schöner ist es, wenn man im Büro die Unterstützung seiner Kollegen bekommt und sich der Vorgesetzte für ein besseres Arbeitsklima einsetzt. Insbesondere im öffentlichen Dienst braucht es Wertschätzung und Rückhalt, um sich weiterhin für die Gesellschaft einzusetzen.

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