Die Ganztagsschule stellt eine große Herausforderung für die Kommunen dar...

Recht auf die Ganztagsschule?

Die große Koalition will die verpflichtende Ganztagsgrundschule – doch für die Kommunen ist dieser Kraftakt kaum zu schultern. Doch was würde der Rechtsanspruch aus kommunaler Sicht bedeuten...?

Morgens Mathe und ein Diktat in Deutsch, dann ein Mittagessen und am Nachmittag statt dem Fußballspiel in der heimischen Wohnstraße lieber noch eine Stunde Sportunterricht in der Schule. So soll der Alltag eines deutschen Grundschülers künftig aussehen. Denn CDU,CSU und SPD sehen in ihrem Koalitionsvertrag vor,dass es einen „Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für alle Kinder im Grundschulalter“ geben soll. Dies soll ab dem Jahr 2025 greifen. „Dabei wird der Bund sicherstellen, dass insbesondere der laufenden Kostenbelastung der Kommunen Rechnung getragen wird“, heißt es im Koalitionsvertrag. Für Investitionen in Ganztagsschul- und Betreuungsangebote stelle der Bund insgesamt zwei Milliarden Euro zur Verfügung. Doch das dürfte für viele Kommunen nur den berühmten Tropfen auf dem heißen Stein darstellen.

 

 

Ganztagsschule - wirklich machbar?

Das freilich hielt die Bertelsmann Stiftung nicht ab, schon bei der Vorstellung der Studie im Herbst 2017 einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz zu fordern. „Der Ganztagsausbau ist von den Eltern gewollt, pädagogisch geboten und finanziell machbar“, sagte Stiftungsvorstand Jörg Dräger damals. „Wir brauchen jetzt einen nationalen Kraftakt für gute Ganztagsschulen.“ Bund, Länder und Kommunen könnten die nötigen Investitionen aber nur gemeinsam bewältigen. Dass nicht in jeder bestehenden Schule ein ordentlicher Ganztagsbetrieb stattfinden kann, betont auch die „Montag Stiftung - Jugend und Gesellschaft“. Die auf den Bauunternehmer Carl Richard Montag zurückgehende Stiftung beschäftigt sich schon lange mit zukunftsfähigen Schulbauten. „Mit dem Ganztag wird die Schule zum Lern- und Lebensort; andere Zeiten und Räume werden wichtig“, heißt es in einem Thesenpapier der Stiftung. Arbeit, Kommunikation und Regeneration müssten jeweils in eine altersangemessene Balance gebracht werden. „Schule heißt jetzt nicht mehr nur Lernen, sondern – in deutlich größerem Umfang als bisher – auch Bewegen, Spielen,Toben, Verweilen, Reden, Essen, Ausruhen und vieles mehr.“ Der räumliche Ausbau zur Ganztagsschule müsse daher mehr als ein Anbau für Mensa und Ganztagsaufenthaltsbereich sein – zumal die getrennte Unterbringung von Schule und Betreuung am Ende nur zu einem erheblichen, wechselseitigen Leerstand führte, „wenn kein Unterricht beziehungsweise keine Betreuung stattfindet.“ Und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, in der sich Deutschlands Lehrer zusammengeschlossen haben, macht auf die mit der Ganztagsbetreuung verbundenen Qualitätsfragen aufmerksam. „Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen und die Gebührenfreiheit für Kitas werden den Menschen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf helfen“, sagt die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. „Das wird viele Eltern ansprechen, aber sie werden Qualität erwarten, denn nur dann geben sie ihre Kinder gern an die Bildungseinrichtungen ab.“ Die GEW setze sowohl für den Ganztag in der Grundschule als auch den Ausbau der Kitas auf die Verbesserung der Qualität.

„Hierfür wird jedoch nicht genug Geld bereit gestellt“, so Tepe. „Da muss nachgelegt werden.“Doch woher sollen die für die Ganztagsbetrieb erforderlichen Pädagogen eigentlich kommen? Nach Informationen der GEW fehlten schon heute rund 2.000 Lehrkräfte im Grundschulbereich.

 

Ganztagsbetreuung - Wir brauchen Lehrer, etwa Seiteneinsteiger?

In den letzten Jahren seien trotz steigender Geburtenzahlen immer zu wenig Grundschullehrer ausgebildet worden. An der Freien Universität Berlin beispielsweise seien nach Informationen der Gewerkschaft die Immatrikulationen von 200 auf zwischenzeitlich 60 bis 70 pro Jahr gesunken. Ohne Seiteneinsteiger sei der Grundschulunterricht in einigen Bundesländern kaum noch aufrecht zu erhalten, kritisiert Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband. „Das ist natürlich eine skandalöse Entwicklung.“ Und auch beim Städte- und Gemeindebund sieht man diesen Passus des Koalitionsvertrages kritisch. „Wir haben uns immer gegen eine solche Regelung ausgesprochen“,sagt Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg. „Eigentlich schafft man nämlich erst Strukturen,und kümmert sich dann um den Rechtsanspruch darauf.“ Bei der Ganztagsgrundschule und dem Koalitionsvertrag sei das umgekehrt: Hier werde der Rechtsanspruch verankert, bevor die Strukturen stehen. „Uns ist es wichtig, dass das Wahlrecht und die Interessen der Eltern bei diesem Thema berücksichtigt werden“,betont Landsberg. Manche Familien wollten eine Ganztagsgrundschule, bei der ganztägig Unterricht erteilt wird, andere favorisierten eine offene Ganztagsschule, bei der nachmittags eine freiwillige Betreuung der Kinder angeboten werde. „Wir brauchen zuerst eine Bedarfsanalyse“, sagt Landsberg. „Und dabei geht es ja noch nicht einmal um die Eltern von heute, es geht auch um die Eltern, die ihre Kinder in fünf oder sechs Jahren an den Schulen anmelden.“ Er vermute, dass sich dann noch mehr Eltern für eine Ganztagsbetreuung ihrer Kinder entscheiden werden. „Das hängt auch mit dem Arbeitsmarkt und den Ansprüchen, die es dort gibt, zusammen.“ Die Kommunen seien heute schon vielfach in der Hortbetreuung von Kindern engagiert, betont der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes. „Aber für einen Rechtsanspruch auf eine Ganztagsgrundschule können sie heute noch gar nicht gerüstet sein.“ Denn ein Rechtsanspruch setze nun einmal hinreichend Geld und Personal voraus. „Wichtig wird es zum Beispiel sein, adäquate Kapazitäten bei der Ausbildung von Lehrern und Erziehern aufzubauen“,sagt Landsberg. Seiner Ansicht nach kann das Projekt „Verpflichtende Ganztagsgrundschule bis 2025“ jedenfalls nur gelingen,„wenn Schwarz-Rot gemeinsam mit den Ländern eine enorme Kraftanstrengung unternimmt“.

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