Kampagne Verein SOKO Respekt
Birgit Tupat, Bürgermeisterin von Nachrodt-Wiblingwerde, und Vereinsvorsitzender Jens Hoffmann präsentieren die Kampagne
© SOKO Respekt

SOKO Respekt

Kampagne gegen Gaffer bei Rettungseinsätzen

Mehrere Kommunen setzen ein Zeichen gegen Gaffer und Störer an Unfallstellen und bei Notfällen. Sie schließen sich einer deutschlandweiten Initiative aus Lüdenscheid an. Die Soko Respekt hat inzwischen über 1.200 Mitglieder. Ein Vor-Ort-Besuch.

Jens Hoffmann ist Feuerwehrmann aus Leidenschaft. Nach vielen Jahren an vorderster „Feuer-Front“ koordiniert der 43-Jährige aus Lüdenscheid heute die Einsätze seiner Kolleginnen und Kollegen in der Feuer- und Rettungsleitstelle des Märkischen Kreises. Lebhaft erinnert er sich an einen Einsatz vor einigen Jahren. Im dritten Stock eines Mietshauses war ein Mann mit Herz-Kreislaufstillstand zusammengebrochen. In der kleinen Einbahnstraße blieb den Helfern nichts anderes übrig, als ihr Einsatzfahrzeug mit eingeschalteter Warnblinkanlage auf der Straße stehen zu lassen. Jens Hoffmann war gerade dabei, den zwischen Leben und Tod schwebenden Mann zu reanimieren, als plötzlich zwei aufgebrachte Männer – ein Busfahrer und ein Paketbote – im Raum standen. „Machen Sie da unten sofort die Straße frei“, schrie einer der beiden. Jens Hoffmann schüttelt den Kopf. „Diese Respektlosigkeit im Angesicht eines Menschen, der um sein Leben kämpft, die kann und werde ich nie begreifen.“

Respektlosigkeiten, die immer mehr um sich greifen. Da werden Notfallmediziner, Feuerwehrleute und Polizisten aufs Übelste beschimpft und an der Ausübung ihrer Pflichten gehindert. Rettungskräfte müssen sich mit schwerem Gepäck zu Fuß ihren Weg durch gaffende Passanten erkämpfen. Geparkte Einsatzwagen werden geplündert und Videos und Fotos von Unfallopfern im Internet gepostet.

An einen besonders schlimmen Fall erinnern sich die Bürgerinnen und Bürger im Märkischen Kreis bis heute: Im Januar 2016 starben zwei Brüder – 17 und 22 Jahre jung – bei einem Autounfall auf der A46 bei Iserlohn. Noch bevor die Polizei den Eltern die furchtbare Nachricht überbringen konnte, las der schockierte Vater vom Tod seiner Söhne im Netz. Ein Gaffer hatte ein Foto des Totalschadens – inklusive Kennzeichen – auf Facebook gepostet.

Jens Hoffmann, selbst Vater von zwei Töchtern, will dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen. Zusammen mit aktuell 1.280 Vereinsmitgliedern engagiert er sich für den Verein SoKo Respekt e.V., seit 2019 als erster Vorsitzender.

Der Verein SOKO Respekt will sich bundesweit aufstellen

Geplant war die SoKo Respekt eigentlich nur als einmalige Kampagne in der Region. Eine Handvoll Aktivisten organisierte damals ein professionelles Foto-Shooting und ließ drei Motive auf riesige PVC-Flächen drucken. Jens Hoffmann erinnert sich: „Für die Präsentation mieteten wir eine Kneipe, die sich bereits bei der ersten Veranstaltung als zu klein erwies. Der Zulauf war riesig und wir merkten schnell: Das Thema brennt unter den Nägeln. Und nicht nur in unserer Region, sondern bundesweit. Also haben wir als ersten Schritt einen Verein gegründet, der das Thema kontinuierlich bearbeiten, Aufklärungsarbeit leisten und dafür auch Gelder generieren soll.“

SOKO Respekt 1

Als großen Erfolg verbuchen die 43 Gründungsmitglieder der SOKO Respekt das Imagevideo „Ist ein Selfie mein Leben wert?“, das bislang alleine auf Facebook mehr als fünf Millionen Mal angeklickt wurde. „Aber das ist erst der Anfang“, erklärt Jens Hoffmann. „Wir wollen uns als Verein bundesweit aufstellen, die Zahl unserer Unterstützer vervielfältigen und damit auch politisch an Einfluss gewinnen. Wir wollen einen echten Hype entfachen und dafür brauchen wir nicht nur Einzelunterstützer, sondern auch möglichst viele Kommunen.“

Kommunen, die mit ihrer Unterstützung ein zweifaches Signal aussenden: Wir stehen hinter unseren Einsatzkräften und wir tolerieren weder Behinderungen noch physische Angriffe oder verbale Entgleisungen gegen Notfallmediziner, Feuerwehrleute und Polizisten. Eine der ersten Kommunen, die Mitglied der SoKo Respekt geworden sind, ist Nachrodt-Wiblingwerde im Sauerland. Knapp 6.500 Seelen zählt das kleine Städtchen.

In einer Region, in der nicht nur die Mitgliedschaft im Schützenverein, sondern auch die in der Freiwilligen Feuerwehr praktisch zur genetischen Ausstattung der männlichen Bürger gehört, sollte die Welt doch noch halbwegs in Ordnung sein.

Respektlosigkeiten nehmen auch im ländlichen Raum zu

Birgit Tupat, Bürgermeisterin von Nachrodt-Wiblingwerde, sieht andere Tendenzen: „Die Respektlosigkeiten und die Uneinsichtigkeit mancher Bürger nehmen auch bei uns im ländlichen Raum zu. Da werden Einsatzkräfte schon aufs Übelste beschimpft, wenn im Notfall der direkte Weg zum Supermarkt versperrt ist. Statt die Helfer zu unterstützen, wird darum konkurriert, wer als Erstes ein Foto vom Unfallort hochgeladen hat. Ein Beispiel: Durch unseren Ort führt eine Bundesstraße. Bei einer Übung der Feuerwehr wäre eine Fahrerin fast aus der Kurve geflogen, weil sie versuchte, mit ihrem Handy einen Schnappschuss zu machen.“

Die Bürgermeisterin hat für ihre Kommune drei Ziele ausgemacht: Erstens: Feuerwehrleute, Polizisten und Notfallhelfer so gut es geht unterstützen. Zweitens: Jede Gelegenheit nutzen, um gemeinsam mit den Aktiven der SoKo Respekt aufzuklären und Öffentlichkeit herzustellen. In Schulen, in Jugendzentren, auf Veranstaltungen – wo immer der Verein sich in der Öffentlichkeit präsentieren kann. Und Drittens: Im ordnungspolitischen Bereich hart durchzugreifen: „Es ist inakzeptabel, wenn unsere Notfallhelfer behindert, beleidigt oder körperlich attackiert werden. Und das muss geahndet werden. Mit entsprechenden Bußgeldern und zwar in empfindlicher Höhe“, so die Bürgermeisterin.

Nicht nur die junge, sondern auch die ältere Generation pöbelt

Christopher Eichert ist ebenfalls Mitglied der Kampagne SoKo Respekt und mit seinen 31 Jahren bereits ein alter Hase im helfenden Gewerbe. Der Polizeikommissar hat als Krankenpfleger gearbeitet und war ehrenamtlicher Feuerwehrmann. Er ist sich sicher: „Egoistische Verhaltensweisen nehmen in der Bevölkerung immer mehr zu.“

Dabei hat er als problematische Kerngruppe der Pöbler und Hinderer nicht etwa die junge, sondern die ältere Generation ausgemacht. „Ich habe schon Rentner erlebt, die auf einen Polizisten zufahren in der Erwartung, dass der schon rechtzeitig an die Seite springt. Oder Fahrzeugführer, die Rettungs- oder Einsatzkräfte behindern, weil sie durch gesperrte Straßen fahren wollen. Ganz oft sind das Menschen zwischen 35 und 60 Jahren, die es irgendwie immer besonders eilig haben“, erklärt der Kommissar und bemängelt gleichzeitig die allzu laschen Reaktionen der Behörden.

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„Meine Kollegen und ich bringen jeden Übergriff zur Anzeige und müssen dann häufig erleben, dass die Fälle mangels öffentlichen Interesses eingestellt oder im besten Fall Bewährungsstrafen verhängt werden. Nur selten werden bestehende Strafrechtsnormen auch konsequent angewendet. Und den strafenden Charakter der Bewährung verstehen viele heute leider gar nicht mehr.“

Gewalt gegen Einsatzkräfte muss Thema sein

Mit dem Verein SoKo Respekt will Christopher Eichert das Thema Gewalt gegen Einsatzkräfte zu einem Politikum machen. „Die Täter zu bestrafen, das ist eine Sache. Eine andere ist es, die nachfolgenden Generationen zu mehr Respekt zu erziehen und ihnen frühzeitig ein Unrechtsbewusstsein zu vermitteln, das viele Erwachsene heute gar nicht mehr haben. Sensibilisierung und Prävention sollten deshalb unsere wichtigsten Anliegen sein. Und dafür brauchen wir mehr öffentlichkeitswirksame Aktionen – im kommunalen Raum, in den Schulen, in den Kindergärten.“

Und die Kommunen reagieren auch: Nach Nachrodt-Wiblingswerde haben sich Schalksmühle, Herscheid, Kierspe, Halver, Plettenberg, Meinerzhagen, Werdohl, Kürten und Lüdenscheid dem Verein angeschlossen. Weitere sollen folgen – bundesweit. Jens Hoffmann ist sicher: „Jedes gerettete Menschenleben ist diesen Aufwand wert.“

Fotocredits: SOKO Respekt