Potenziale erkennen
So meistern Kommunen den demografischen Wandel
Arnsberg - seit über drei Jahrzehnten das Alter im Blick
In Arnsberg hat man den demografischen Wandel schon sehr früh in den Blick genommen. Nachdem in den 80er Jahren erste Studien und Prognosen veröffentlicht wurden, hat man in den 90ern begonnen, sich intensiver mit den möglichen Entwicklungen auseinanderzusetzen. „Wir wollten aktiv mitgestalten und überlegen, wie wir als Kommune auf die Bevölkerungsentwicklung reagieren können“, sagt Martin Polenz, der Leiter der Fachstelle „Zukunft Alter“. Dabei sei Arnsberg von seiner Altersstruktur her durchaus vergleichbar mit dem Bundesdurchschnitt. Allerdings gäbe es keine Universität im Ort, was zu einer Abwanderung der jungen Erwachsenen führe.
Fachstelle „Zukunft Alter“ als Ankerpunkt
Mit der Gründung der „Fachstelle Zukunft Alter“ als eigene Abteilung 2004 wurde das Thema fest in der Kommunalverwaltung verankert. „Es ging uns darum, die absehbare Tendenz anzuerkennen und damit zu arbeiten. Das bedeutet auch damit zu rechnen, dass die Bevölkerung eventuell schrumpfen wird und man nicht immer am Wachstumsparadigma festhalten kann“, sagt Polenz. Die Gründung der Fachstelle sei ein bewusster Schritt gewesen, um sich kontinuierlich und langfristig mit dem Thema zu beschäftigen. Anfangs mit nur einem Mitarbeiter besetzt, ist die Stelle seither auf fünf Mitarbeiter gewachsen. „Bei uns geht es viel um Koordinierung und Vernetzung. Wir bringen verschiedene Akteure, Ehrenamtliche und Organisationen zusammen, um Angebote für ältere Menschen zu schaffen und initiieren und begleiten zahlreiche Projekte, die ein langes und gutes Leben in Arnsberg fördern“, so Polenz. Zum einen soll die Stadt zu einem lebenswerten Ort für ältere Menschen werden. Zum anderen sollen die Älteren selbst mit ihren Fähigkeiten bewusst eingebunden werden.
Potenziale in den Blick nehmen
„Was sind die Chancen und Möglichkeiten, die mit der Bevölkerungsentwicklung einher gehen, und was können wir dazu beitragen, damit diese bestmöglich entfaltet werden?“ - das war laut Polenz die Ausgangsfrage in Arnsberg. Zwar würden meist die Defizite im Vordergrund stehen, wenn es um den demografischen Wandel geht. Doch laut Polenz geht es nicht nur um Unterstützung und Pflege, sondern ebenso sehr darum, die älteren Menschen als engagierte Bürger direkt anzusprechen und einzubinden. „Die älteren Menschen bringen ein großes Potenzial mit und jede Menge Fähigkeiten und Lebenserfahrung, die sie häufig einbringen wollen, wenn man sie entsprechend anspricht“, so Polenz. Der Auftrag der Kommune sei es, die Rahmenbedingungen so zu schaffen, dass die Menschen nach einer aktiven Berufs- und Familienphase Lust hätten, im Ort aktiv zu sein. Besonders in den Blick genommen werden dabei alle Menschen „ab 60 aufwärts“, wie Polenz sagt, wobei die Grenze nach oben hin offen sei und sich die Bedürfnisse je nach Lebenslage sehr dynamisch ändern würden.
Kommune koordiniert und lädt ein
„Als Kommune möchten wir das Thema langfristig und beständig bearbeiten“, sagt Polenz, deswegen sei die Installierung einer festen Fachstelle in der Verwaltung von großer Bedeutung. Eine wichtige Aufgabe hierbei ist die Koordinierung der verschiedenen Angebote in der Stadt und die Zusammenarbeit mit Netzwerkpartnern. „Viele arbeiten an ähnlichen Zielen, aber wissen teilweise nichts voneinander. Das wollen wir ändern“, so der Fachstellenleiter. Dabei ist auch klar: „Wir können Menschen zu nichts verpflichten und auch nichts einfordern. Unsere Angebote sind immer nur eine Einladung, die von den Bürgern im schönsten Fall angenommen wird“.
Seniorentraining und präventive Hausbesuche
Die älteren Bürger sollen sich wertgeschätzt und in ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen gesehen fühlen - das ist eines der Hauptziele bei der Arbeit der Fachstelle „Zukunft Alter“ in Arnsberg. Hierzu werden verschiedene Projekte verfolgt, bei denen die Einwohner direkt kontaktiert werden. So werden etwa alle 60- bis 64-Jährigen von der Kommune angeschrieben und dazu eingeladen, eine Qualifizierung zu sogenannten „Seniorentrainern“ zu durchlaufen. Der Hintergedanke: „Viele Menschen bringen am Ende ihres Erwerbslebens große Fähigkeiten mit und haben Lust darauf, nochmal neue Dinge zu entwickeln und auszuprobieren“, so Polenz.
Im Rahmen der Qualifizierung könnten die Teilnehmer darüber reflektieren, wer sie sind und was sie ausmacht und in Folge eine eigene Projektidee entwickeln für den neuen Lebensabschnitt. „Daraus ist schon ein bunter Strauß an Ideen entstanden, vom Speed-Dating für Senioren über die Einrichtung eines Repair-Cafes bis zum Seniorentanz“, erzählt Polenz und viele Senioren seien sehr dankbar für diese Möglichkeit. Feiert jemand in Arnsberg seinen 80sten Geburtstag, bekommt er ebenfalls Post von der Gemeinde und das Angebot für einen Besuch durch einen Mitarbeiter der Fachstelle. Rund 40 Prozent der angeschriebenen Bürger nehmen dieses freiwillige und kostenlose Angebot an und freuen sich über das Gespräch. Und auch die Kommune profitiert: „Wir bekommen hier ganz praktische Einblicke in die Lebenssituation der älteren Menschen im Ort, erfahren, was wir verbessern sollten und können oft niedrigschwellig und unkompliziert Hilfe vermitteln, wenn es nötig ist“, so Polenz.

„Lernwerkstatt Demenz“
Einen besonderen Schwerpunkt hat man in Arnsberg zudem durch die intensive Auseinandersetzung mit der Demenz gesetzt, konkret bei einer sogenannten „Lernwerkstatt Demenz“, die von der Robert Bosch Stiftung durchgeführt wurde. „Wie kann man die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Demenz positiv beeinflussen?“ - diese Frage stand im Zentrum. Mittels einer Öffentlichkeitskampagne wurde die Bevölkerung aufgeklärt, außerdem gab es Schulungen für verschiedene Berufsgruppen. Ergänzend wurden die Bürger im Rahmen eines Ideenwettbewerbs dazu eingeladen, kreative Ideen zu entwickeln, um Menschen mit Demenz einzubinden in der Kommune. „Wir haben Ideen gesucht, die das Leben von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen bereichern. Damit wollen wir die Lebensqualität der Familien, insbesondere der pflegenden Angehörigen und der Betroffenen, verbessern. Wichtig ist, dass ihre Teilhabe am Leben in der Kommune und der Gesellschaft möglich bleibt“, so Polenz. Der Wettbewerb hätte hierzu wesentlich beigetragen. So haben vom Chor bis zum Kaninchenzüchterverein sehr viele Vereine und Bürger daran teilgenommen und seien tolle Projekte entstanden, die bis heute weiterwirken.

So gelingt eine positive Sicht auf den demografischen Wandel
Aus Erfahrung von Polenz gibt es verschiedene Ansätze, die sich sehr bewähren, wenn es darum geht, den demografischen Wandel positiv zu begleiten und die Chancen zu erkennen, die darin liegen.
- Ehrliche und angstfreie Analyse der kommunalen Situation: „Es ist wichtig, sich als Kommune ehrlich und offen anzuschauen: Wo stehen wir gerade und was kommt da auf uns zu?“, sagt Polenz. Nur dann könnte man sich konkret damit beschäftigen, an welchen Stellen man ansetzen kann, was es zu verbessern gilt und was zu nutzen.
- Kommunale Koordinierung macht Sinn: Aus Erfahrung von Polenz ist die Schaffung einer beständigen Struktur in der Verwaltung essentiell, um das Thema langfristig und konstant zu bearbeiten und Ansprechpartner zu bieten für die verschiedenen Akteure in der Kommune. „Die Verwaltung kann und muss nicht alles machen“, betont Polenz, aber sie sei ein wichtiger Ankerpunkt für die verschiedenen Projekte in der Kommune.
- Potenzial der Menschen erkennen und unterstützen: Viele ältere Bürger haben Lust, ihre Heimat mitzugestalten und sich mit ihren Fähigkeiten einzubringen - das hat man in Arnsberg deutlich gemerkt. Entsprechend wichtig sei es, „diejenigen, die mitmachen wollen, zu erreichen und zusammenzubringen“, so Polenz, und sie bei ihren Projekten bestmöglich zu begleiten. Oft gehe es dabei gar nicht so sehr um finanzielle Unterstützung als vielmehr um ganz praktische Dinge wie das Angebot von Räumlichkeiten, die Vermittlung von Kontakten oder den Versicherungsschutz.
- Flexibel und sensibel agieren: Geht es um ältere Bürger, sind die Bedürfnisse und Interessen je nach Lebenssituation äußerst unterschiedlich. „Ältere Leute sind eine sehr heterogene Gruppe“, sagt Polenz und entsprechend vielfältig müssten auch die Angebote für diese Gruppe gestaltet sein. „Das erfordert viel Kommunikation und Fingerspitzengefühl“, so der Fachstellenleiter, doch die Arbeit zahle sich aus: „Was man hier investiert, bekommt man doppelt und dreifach zurück. Daraus entsteht vieles, was man für viel Geld nicht kaufen könnte“, sagt Polenz.
Weitere Infos zur Arbeit der Fachstelle "Zukunft Alter" in Arnsberg hier

